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Sind die Besten wirklich die Besten? Eine Studie

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©Getty Images / SrdjanPavlovic

Erfolgreiche Menschen können zwei Dinge in ihrem Lebenslauf eher selten aufweisen: herausragende Noten und eine stringente Laufbahn. Eine neue Studie zeigt, dass heutige ­Top-Performer früher selten Musterschüler oder gar Wunderkinder waren, und identifiziert eine zentrale Eigenschaft, die alle späteren Überflieger ausmacht.

Wer schon in jungen Jahren mit Bestnoten, sportlichen Spitzenleistungen oder künstlerischer Virtuosität glänzt, gilt rasch als Wunderkind. Ebenso schnell knüpfen sich daran Erwartungen und Prognosen einer außergewöhnlichen Karriere.

Eine neue Studie der RPTU, Purdue University, Michigan State University und Uni Innsbruck zeigt nun, dass eher das Gegenteil der Fall ist: Wer heute, als Erwachsener, außergewöhnlich erfolgreich ist, zählte in seiner Kindheit und Jugend mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu den Besten.

Talente falsch gefördert

Für ihre Untersuchung haben die Forschenden mehr als 34.000 Daten zusammengetragen und internationale Höchstleistende genau unter die Lupe genommen, darunter Nobelpreisgewinnerinnen und -gewinner, Medaillenstars, die weltbesten Schachspielerinnen und Schachspieler, angesehene Musikerinnen und Musiker. So konnten erstmals globale Daten der Weltbesten ausgewertet werden.

Das Fazit: Der Weg von Top-Performern verlaufe völlig anders als bislang angenommen und entspreche einem Muster, das sich bei sämtlichen Disziplinen durchzieht, wie Studienautor Arne Güllich betont. Einerseits konnte man feststellen, dass Menschen, die es in ihrer Disziplin zu Weltklasse gebracht haben, früher nicht zu den Besten ihres Alters zählten. Andererseits wurde deutlich, dass sich High-Performer nicht zu früh auf eine Disziplin fokussierten, sondern sich in vielen Disziplinen ausprobierten, meinen die Studienautoren Arne Güllich, Brooke N. Macnamara, D. Zach Hambrick und Michael Barth.

Die traditionelle Begabungs- und Expertise-Forschung orientierte sich bisher zu stark an frühen Leistungen und Fähigkeiten, wie guten Schulnoten, Intelligenz, herausragender Kreativität oder Musikalität, so die Forscher. Demnach werden in jungen Jahren oft jene ausgewählt, die als besonders talentiert gelten. Ihre Entwicklung soll anschließend durch intensives, früh spezialisiertes Training beschleunigt werden. Genau dieser Ansatz erweist sich laut der Studie jedoch als kein optimaler Weg in der Nachwuchsförderung.

Top-Performer entwickeln sich anders

„Bislang hat sich die Begabungs- und Expertiseforschung vor allem auf junge Menschen konzentriert. Man hat sich nicht ausreichend mit der Frage beschäftigt, wie sich Menschen entwickelt haben, die tatsächlich später, im Höchstleistungsalter, die Weltspitze in ihrer jeweiligen Disziplin darstellen“, erklärt der Innsbrucker Sportwissenschafter Michael Barth. „Aber genau jene Differenzierung – und damit Präzisierung – von Leistung hinsichtlich Alter und Niveau war ein entscheidender Baustein zur Erlangung der nun vorgelegten Erkenntnisse.“

Die Forschenden nennen drei Erklärungsansätze, die alle in eine ähnliche Richtung weisen:

  • Nur wer sich ausprobiert, hat überhaupt eine Chance, das Feld zu finden, das wirklich zu den eigenen Stärken passt.

  • Zugleich sorgen unterschiedliche Erfahrungen dafür, dass wichtige Fähigkeiten entstehen, die später helfen, sich in einem Gebiet auf höchstem Niveau weiterzuentwickeln.

  • Erfahrungen in unterschiedlichen Bereichen können zudem helfen, Risiken wie Motivationskrisen oder Burn-out abzufedern.

Güllich: „Wer eine optimale Disziplin für sich findet, die besten Lernkompetenzen entwickelt und verminderte Risiken von entwicklungshindernden Faktoren hat, zeigt verbesserte Chancen, Weltklasseleistungen zu entwickeln.“

Späte Erfolge

Vielfältige Interessen, allmähliche Leistungsentwicklung und langjähriges Engagement ebnen den Weg zum Erfolg. Und: Wer drei konkrete Leidenschaften pflegt, steht im späteren Leben wahrscheinlich eher an der Weltspitze, so die Analyse. Dass Gehirn und Körper auch mit zunehmendem Alter zu Höchstleistungen imstande sein können, belegen zahlreiche Studien. In etlichen Disziplinen erreichen Menschen ihren „Peak“ erst im höheren Alter: Schachspieler sind laut einer französischen Studie mit 31 in ihrer Hochphase, Elite-Marathonläufer sind mit 37 am sportlichsten, emotionale Intelligenz erreicht zwischen 40 und 50 Jahren ihren Höhepunkt und über den umfangreichsten Wortschatz verfügt man mit etwa 60 Jahren.

Selbst ein Instrument lässt sich noch jenseits der 30 erfolgreich erlernen. Spätberufene zeichnen sich oft durch eine besondere Zielstrebigkeit aus. Hinzu kommt: Wer sich immer wieder auf Neues einlässt, bleibt fit: körperlich wie geistig. Das Erlernen neuer Fähigkeiten schützt vor kognitivem Abbau, wirkt stressreduzierend und stimmungsaufhellend. Ob nun Wunderkind oder Quereinsteiger: Entscheidend ist die Disziplin, nicht das Alter.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2026 erschienen.

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