ARBEITSMARKTSTRATEGIEN für eine Region im Aufbruch: Qualifizierung, Fachkräftesicherung und lebensbegleitendes Lernen waren Schlüssel themen des Roundtables.
©Rene StrasserDigitalisierung, Demografiewandel, neue Mobilität: Beim Businesstalk Arbeitsmarkt und Bildung wurde deutlich, wie Kärnten auf aktuelle Herausforderungen reagiert – und welche Chancen sich für den Wirtschaftsraum Süd ergeben.
Das Thema Arbeit betrifft uns alle – egal ob wir gerade erst in die Ausbildung starten, mitten im Berufsleben stehen oder bereits die wohlverdiente Pension genießen. Auch in Kärnten steht der Arbeitsmarkt vor tiefgreifenden Veränderungen. Beim Round Table von Kärnten Regional diskutierten Landeshauptmann-Stellvertreterin Dr.in Gaby Schaunig, AMS-Landesgeschäftsführer Mag. Peter Wedenig und Ing. Gottfried Pototschnig, MBA, Geschäftsführer des bfi-Kärnten, über Herausforderungen, Perspektiven und Chancen in einer sich wandelnden Erwerbswelt. Durch die Moderation im Gartensaal von Schloss Maria Loretto am Wörthersee führte Claudia Piller-Kornherr.
NEWS Businesstalk Arbeitsmarkt & Bildung ©Rene Strasser
Die Koralmbahn bringt neue Chancen für Unternehmen, Beschäftigte und Jobsuchende. Wie optimistisch blicken Sie auf diese neue Achse Steiermark–Kärnten?
SCHAUNIG: Wir können heute noch gar nicht abschätzen, was diese neue große Region für beide Bundesländer bedeutet. Es gibt bereits zahlreiche Kooperationen, und die Koralmbahn perfektioniert diese Verbindungen. Sie schafft Chancen für Unternehmerinnen und Unternehmer, für Beschäftigte, für Menschen in Pension und für gemeinsame Forschungseinrichtungen. Eine echte Win-win-Situation, die höchst erfreulich ist.
Was braucht es, damit dieser neu entstandene Arbeitsmarkt Süd tatsächlich zum Game Changer wird – für Betriebe, Arbeitnehmer*innen und Jobsuchende?
WEDENIG: Das Zauberwort lautet Zusammenarbeit. Es braucht hier ein neues Mindset – bei Unternehmen wie Arbeitsuchenden. Der Arbeitsmarkt erweitert sich massiv. Bis jetzt endete die Jobsuche salopp gesagt oft an der Landesgrenze. Jetzt wird der Suchraum größer, und damit steigen die Chancen auf beiden Seiten.

Mag. Peter Wedenig, Landesgeschäftsführer AMS Kärnten
© Rene StrasserWie müssen Qualifizierungsangebote künftig gestaltet sein, damit Menschen entlang dieser neuen Achse schneller, einfacher und vernetzter lernen können?
POTOTSCHNIG: Es braucht enge Kooperationen. Lernangebote müssen regional gedacht und auf beiden Seiten umsetzbar sein. Wir arbeiten bereits intensiv mit dem bfi-Steiermark an gemeinsamen Konzepten. Wichtig sind modulare Formate, flexible Zeiten und die Abstimmung auf neue Mobilitätsrealitäten wie Zugverbindungen, damit etwa jemand aus dem Lavanttal mit Arbeitsplatz in Graz Lernen und Arbeiten gut verbinden kann. Entscheidend ist die Abstimmung mit Unternehmen und die konsequente Umsetzung. Vor allem im technischen Bereich und in der Pflege ist der Weiterbildungsbedarf besonders hoch. Diese Mangelberufe stellen sowohl die Steiermark als auch Kärnten vor große Herausforderungen.
Zukunftsregion:
Der Innovationsstandort Kärnten eröffnet für Forschende und Unternehmen ein hochattraktives Entwicklungsumfeld
Die Gruppe der Erwerbstätigen innerhalb der Gesamtbevölkerung schrumpft, die Menschen im Pensionsalter werden mehr. Was bedeutet diese demografische Verschiebung für den Kärntner Arbeitsmarkt?
WEDENIG: Der Trend ist eindeutig: Bis 2030 werden wir viele Menschen mit einem mittleren Qualifikationsniveau verlieren, die jetzt noch erwerbstätig sind. Diese Personen nachzubesetzen wird schwierig sein. Der Fokus aller Bemühungen, auf die wir gemeinsam mit Land, Sozialpartnern und der Politik setzen, liegt darauf, das vorhandene Potenzial zu heben, weiterzubilden, zu qualifizieren – bei Jugendlichen, Frauen, Älteren, Migrantinnen und Migranten. Entscheidend ist, dass wir jene Menschen ansprechen, die derzeit nicht am Arbeitsmarkt teilnehmen – Stichwort OLF – Out of Labour Force.
POTOTSCHNIG: Im Zentrum stehen für mich drei Themen: Nachqualifizierung, Fachqualifizierung und ein präzises Matching von Kompetenzen. Entscheidend ist, welche Fähigkeiten Menschen bereits mitbringen und wie sie bestmöglich für den Arbeitsmarkt nutzbar werden.Weiterbildung darf dabei nicht als Belastung empfunden werden, sondern muss ein selbstverständlicher Teil des Berufslebens sein. Wichtig ist eine lebensphasenorientierte Weiterbildung, sensibel abgestimmt auf unterschiedliche Bedürfnisse – digitale Kompetenzen eingeschlossen. Ebenso braucht es niedrige Einstiegshürden: gut planbare, flexible und zugängliche Formate, die sich auch für Menschen mit hohem Alltagsdruck eignen. Lernangebote müssen gesundheits- und lernfreundlich gestaltet sein und sich dem individuellen Tempo anpassen. Gerade jene, die lange keinen Kontakt zu Bildung hatten, müssen wir wieder erreichen und motivieren. Dabei ist die enge Abstimmung mit Unternehmen zentral.
WEDENIG: Der Arbeits- und Bildungsmarkt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Digitalisierung, KI und neue Berufsbilder führen dazu, dass Lernen heute ein dauerhafter Bestandteil des Arbeitslebens ist. Darauf müssen wir reagieren und unsere Lernformen anpassen. Viele Menschen haben sich aus Angst vor Prüfungen oder negativen Erfahrungen aus der Bildung zurückgezogen. Klassischer Frontalunterricht funktioniert nicht mehr. Wir müssen neue didaktische Methoden entwickeln und zielgruppenspezifisch einsetzen, damit Weiterbildung gelingt und niemand frühzeitig aus dem Lernprozess aussteigt.
SCHAUNIG: Wir sehen an konkreten Praxisbeispielen, wie gut in Kärnten die Zusammenarbeit mit dem AMS, Ausbildungsstätten und Unternehmen funktioniert. Gemeinsam mit der Bauwirtschaft wurde zum Beispiel das Modell Bau pakt an entwickelt. Es richtet sich an Mitarbeiter, die als Hilfskräfte eingestiegen sind, in der Praxis aber längst wie Fachkräfte arbeiten – nur ohne formale Qualifikation. Über ein berufsbegleitendes Weiterbildungsmodul, das wir gemeinsam mit dem AMS und mit der Bauindustrie in Kärnten entwickelt haben, können sie Schritt für Schritt vom langjährigen Hilfsarbeiter über den Lehrabschluss bis zur qualifizierten Fachkraft aufsteigen. Ein ähnliches Modell gibt es in der Pflege. Auch hier können Personen, die zunächst in Hilfsleistungen begonnen haben, sich berufsbegleitend weiterqualifizieren.
WEDENIG: Zudem muss die Qualifizierung von Menschen, die bereits beschäftigt sind, viel stärker forciert werden. Dafür gibt es gute Fördermodelle, aber es braucht auch ein verändertes Mindset: Unternehmen sollten gezielt jene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lukrieren, die fähig und motiviert sind, sich weiterzubilden und höhere Aufgaben zu übernehmen. Wer intern aufsteigt, schafft gleichzeitig Raum für andere, die nachrücken können – das werden wir in den kommenden Jahren dringend brauchen.

Ing. Gottfried Pototschnig, MBA, Geschäftsführer bfi-Kärnten
© Rene StrasserIn Schlüsseltechnologien wie KI, Virtual Reality, Cybersecurity entstehen gerade die Bereiche, die die neue Arbeitswelt prägen werden. Welche Bedeutung hat für Sie die Positionierung Kärntens als Technologiestandort?
SCHAUNIG: Kärnten hat in den letzten zehn Jahren einen gewaltigen Strukturwandel erlebt. Wir sind ein hochattraktiver Industrie- und Innovationsstandort – oft in guter Kooperation mit der Steiermark. Mit unseren Forschungseinrichtungen spielen wir in Kärnten bei den Leading Innovation Regions in der Champions League. Für hochqualifizierte Forscherinnen und Forscher ist diese größere Region besonders attraktiv, weil sie eine hohe Dichte an Einrichtungen und Betrieben bietet.
Welche Modelle der Zusammenarbeit von Arbeitsmarkt, Ausbildung und Betrieben haben sich bewährt, um diesen sich ständig wandelnden Anforderungen gerecht zu werden?
WEDENIG: Unser Fokus liegt auf Jugendlichen, die im Arbeitsmarkt Fuß fassen sollen. Besonders bewährt hat sich dabei die enge Kooperation mit den Betrieben. Dort entstehen die besten Einstiegsmöglichkeiten und die Chance, während oder nach einer Ausbildung direkt in den betrieblichen Alltag hineinzuwachsen. Dieses Modell setzen wir konsequent um – in Stiftungen, in der Lehrlingsausbildung und auch in Projekten für Langzeitarbeitslose.

Dr.in Gaby Schaunig, LH Stv. Kärnten
© Rene StrasserWie gelingt es, Lernangebote so flexibel zu gestalten, dass sie mit dem rasanten technologischen Wandel Schritt halten?
POTOTSCHNIG: Wir sehen hier ein Weiterbildungsparadox: Gerade jene Menschen, die Weiterbildung am dringendsten bräuchten, nehmen sie am wenigsten in Anspruch. Deshalb müssen unsere Angebote besonders sensibel gestaltet sein: Weiterbildung darf nicht als zusätzliche Belastung empfunden werden, sondern muss als das verstanden werden, was sie ist: Standortpolitik, Fachkräftesicherung und ein zentraler Baustein der Transformation. Unser Ziel ist es, kurze Aktualisierungszyklen zu schaffen – kompakte Lernmodule, die sich flexibel in den Alltag integrieren lassen. Praxisnähe ist dabei entscheidend. Der enge Kontakt zu Unternehmen ermöglicht es, das Gelernte unmittelbar anzuwenden. In unserem modernen Ausbildungszentrum in Wolfsberg können wir Industrie-4.0-Themen realitätsnah trainieren und Herausforderungen aus dem betrieblichen Alltag direkt abbilden. Seit über 25 Jahren setzen wir zudem mit Projekten wie den IT-L@b auf die Qualifizierung junger Menschen. Damit sind wir ein verlässlicher Partner für Wirtschaft und Industrie in Kärnten und statten jährlich viele Jugendliche mit genau jenen Kompetenzen aus, die der Arbeitsmarkt braucht.
SCHAUNIG: Auch in den Unternehmen hat ein Umdenken stattgefunden: Früher floss der Großteil der Investitionen in Software und Geräte, während die Förderung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zweitrangig war. Heute wissen erfolgreiche Betriebe, dass ihre wichtigste Ressource die Menschen sind – und dass Investitionen in Aus- und Weiterbildung über ihre Zukunftsfähigkeit entscheiden.

