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Wieder Aufregung um Ivermectin

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Soll jetzt gegen Krebs helfen
©AFP, APA, LUIS ROBAYO
Nach der von Wissenschaftsleugnern während der Covid-19-Pandemie propagierten Verwendung des Wurmmittels Ivermectin gegen SARS-CoV-2-Infektionen gibt es jetzt erneut Aufregung in den USA. Das Nationale US-Krebsinstitut (NCI) will den Wirkstoff auf die "Fähigkeit, Krebszellen abzutöten", untersuchen. Wissenschafter sind empört, wie der US-Pharma-Informationsdienst STAT jetzt schrieb.

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"Es gibt genügend Berichte darüber. Es gibt genügend Interesse dafür. So haben wir uns in einer besseren präklinischen Studie (Zellkultur, Tierversuche; Anm.) engagiert, um die Eigenschaften von Ivermectin und sein Potenzial, Krebszellen abzutöten, zu untersuchen", wurde Anthony Letai, der von der Administration von US-Präsident Donald Trump im vergangenen September neu bestellte Leiter des NCI, zitiert. Das Institut war jahrzehntelang weltweit führend in der Entdeckung und Entwicklung von Krebstherapien auf wissenschaftlicher Basis.

"Die Ergebnisse (der präklinischen Studien; Anm.) werden wir wahrscheinlich in ein paar Monaten haben. Deshalb nehmen wir die Sache ernst", sagte Letai. Die Entscheidung des Krebsforschungsinstituts, Ivermectin als Krebsbehandlung zu untersuchen, hätte bei erfahrenen Wissenschaftern der Behörde allerdings Besorgnis ausgelöst, schrieb der Informationsdienst.

"Ich bin schockiert und entsetzt", sagte ein Wissenschafter des NCI. "Wir ziehen Gelder von so vielen vielversprechenden Forschungsprojekten ab, um eine präklinische Studie durchzuführen, die auf unwissenschaftlichen Annahmen basiert. Das ist absurd." Der Experte bat um Anonymität.

Während der Covid-19-Pandemie erlebte Ivermectin einen Popularitätsschub, da es von alternativen medizinischen Gruppen als wirksame Behandlungsmethode beworben wurde. Alle klinischen Studien mit Probanden zeigten aber die Wirkungslosigkeit des Medikaments bei Covid-19. Die Bekanntgabe der neuen Tests erfolgte auch "ausgerechnet" bei einer Veranstaltung des "Make America Healthy Again"-Instituts in Washington, welches die Politik des umstrittenen US-Gesundheitsministers Robert F. Kennedy Jr. vertritt.

Sowohl die US-Arzneimittelbehörde FDA als auch die europäische Arzneimittel-Zulassungsagentur EMA hatten während der Covid-19-Pandemie vehement vor der Verwendung des Wurmmittels gegen SARS-CoV-2 gewarnt. In höheren Dosierungen kann es zu lebensgefährlichen Komplikationen kommen.

Trotzdem blieb Ivermectin in den USA unter Anhängern der MAHA-Initiative und unter Konservativen ein Symbol des Widerstands gegen die etablierte Medizin, so der US-Informationsdienst STAT. "Gleichgesinnte Kommentatoren sowie Influencer aus dem Wellness- und anderen Online-Bereich haben Ivermectin - ohne wissenschaftliche Beweise - als Wundermittel gegen eine Vielzahl von Krankheiten, darunter Krebs, angepriesen. Trumps Mitarbeiter haben die Forschung zu Ivermectin als Beispiel für die Offenheit der Regierung gegenüber Ideen angeführt, die von der Wissenschaft abgelehnt wurden."

So werden die neuen Tests in den USA von deren Proponenten auch begründet. "Wenn viele Menschen daran glauben und es Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit hat, sind wir als NIH erneut verpflichtet, es ernst zu nehmen", sagte der Chef der Nationalen US-Gesundheitsinstitute Jay Bhattacharya.

In der Diskussion wird oft vergessen, dass Ivermectin für viele Millionen Menschen, vor allem in Tropengegenden, ein ausgesprochen "segensreiches" Medikament gegen Wurminfektionen ist. Das gilt auch für die Veterinärmedizin. William C. Campbell (Drew University/USA), Satoshi Omura (Kitasato Universität/Japan) haben für dessen Entdeckung 2015 den Medizin-Nobelpreis erhalten. Als sie die Ausgangssubstanz für Ivermectin, Avermectin, fanden, war dies das Ergebnis langer klassischer wissenschaftlicher Arbeiten in der Wirkstoff-Forschung.

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