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Schwangerschaft schützt vor MS - Immunkontrolle durch Gehirn

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©Felix Heyder, APA, dpa
Während der Schwangerschaft verringert sich bei Patientinnen mit Multipler Sklerose (MS) die Häufigkeit von Schüben um bis zu 80 Prozent. Wissenschafter der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) haben den Grund dafür entdeckt und erstmals gezeigt, dass das Gehirn aktiv Entzündungen und Immunsystem kontrolliert und steuert.

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"Unser Ziel war es zu verstehen, wie die Schwangerschaft die erhöhte Entzündungsaktivität der MS reguliert. Dabei konnten wir erstmals zeigen, dass das Gehirn den Zustand des Immunsystems aktiv überwacht und regulierend eingreifen kann. Der neu identifizierte Signalweg eröffnet vielversprechende Ansätze für neue Therapieverfahren der MS", erklärte der Leiter der jetzt in "Nature Immunology" erschienenen wissenschaftlichen Arbeit, Manuel Friese, Direktor des Instituts für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose des UKE.

Bei der chronischen neurologischen Erkrankung wandern fehlgeleitete Immunzellen aus dem Blut in das Gehirn und Rückenmark ein, lösen dort Entzündungen aus und schädigen Nervenzellen, indem sie quasi die Isolierschichten der Nervenbahnen abbauen. Die Folge der Multiplen Sklerose sind langfristig zunehmende neurologische Einschränkungen.

Dass sich diese Entzündungsaktivität während der Schwangerschaft deutlich reduziert, war bereits bekannt. Denn um das ungeborene Kind zu schützen, wird das Immunsystem der Schwangeren gedämpft. Dieser Effekt wirkt sich positiv auf entzündliche Erkrankungen wie MS aus. Eine zentrale Rolle spielt dabei laut den neuen Erkenntnissen der immunsuppressive Botenstoff GDF-15 (Growth/differentiation factor-15), der vom Fötus freigesetzt wird, hieß es jetzt in einer Aussendung der Hamburger Universitätsklinik zur Veröffentlichung der Studienergebnisse.

Auch bei der MS ist dieser immunsuppressive Botenstoff erhöht, was darauf hindeutet, dass der Körper die Entzündung selbst zu begrenzen versucht. Doch die Arbeiten der Wissenschafter brachten zur Überraschung der Beteiligten zutage, dass der Rezeptor für GDF-15 nicht auf Immunzellen, sondern nur auf Nervenzellen im Hirnstamm vorkommt.

Das internationale Forschungsteam fand heraus, dass spezielle GDF-15-sensitive Nervenzellen im Hirnstamm mit dem sympathischen Nervensystem - ein Teil des vegetativen Nervensystems, das den Körper auf Stress, Gefahr oder Leistungsbereitschaft vorbereitet - verbunden sind. Wird dieser Signalweg aktiviert, setzen Immunorgane wie die Milz vermehrt den Neurotransmitter Noradrenalin frei. Dadurch wird die Aktivierung von entzündungsfördernden Immunzellen gehemmt und ihre Einwanderung in das zentrale Nervensystem - also in Gehirn und Rückenmark - verhindert.

Bemerkenswert sei, dass diese immunsuppressive Wirkung von einer sehr kleinen Gruppe von Nervenzellen ausgeht. "Obwohl diese Nervenzellen nur in geringer Zahl vorhanden sind, können sie die Immunantwort so stark unterdrücken, dass keine Entzündungszellen mehr ins Gehirn und Rückenmark eindringen", wurde die Erstautorin der Studie, Jana Sonner, zitiert.

Da die für diese Abläufe entscheidenden Nervenzellen im Hirnstamm außerhalb der Blut-Hirn-Schranke liegen, ist der Signalweg besonders gut für therapeutische Anwendungen zugänglich. Viele Arzneimittel mit einer potenziellen Wirkung über das Zentralnervensystem scheitern ja daran, dass sie die physiologische Grenze zum Gehirn nicht überwinden können.

In einem präklinischen Maus-Modell gelang es dem Wissenschafterteam bereits, diesen MS-Schutzmechanismus gezielt zu verstärken, sowohl durch Gentherapie als auch durch die Gabe von rekombinantem GDF-15. In beiden Fällen konnte die Krankheitsaktivität deutlich reduziert oder sogar verhindert werden.

In Österreich sind rund 13.500 Menschen von MS betroffen. Es handelt sich um die häufigste neurologische Erkrankung von jungen Erwachsenen, wobei der Altersgipfel für die Erstdiagnose im Alter zwischen 20 und 40 Jahren liegt. Zwei Drittel der Menschen mit Multipler Sklerose sind Frauen. Speziell bei der häufigsten Form, der schubförmig remittierenden MS, wurden in den vergangenen 25 Jahren große Fortschritte in der Behandlung gemacht. Mit Medikamenten kann die Schubrate stark reduziert werden. Das bremst auch fortschreitende Behinderungen.

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