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"Die Ozonschicht schirmt uns von harter UV-Strahlung ab", erläuterte Studienleiter Stefan Reimann. "Wenn sich die Schließung des Ozonlochs verzögert, könnte das zu vielen Hautkrebsfällen führen, die andernfalls vermeidbar wären." Die Verzögerung ist auf anhaltende Emissionen sogenannter Feedstock-Chemikalien zurückzuführen, wie eine internationale Studie unter Leitung der EMPA zeige. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal "Nature Communications" publiziert.
Diese ozonabbauenden Stoffe, wie Tetrachlorkohlenstoff oder bestimmte Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), sind als Ausgangsstoffe für industrielle Prozesse weiterhin erlaubt. Sie waren vom Montreal-Protokoll aus den 1980er-Jahren ausgenommen worden. Damals ging die Industrie davon aus, dass nur etwa 0,5 Prozent der produzierten Mengen in die Atmosphäre entweichen.
Globale Messungen, unter anderem an der EMPA-Messstation auf dem Schweizer Jungfraujoch, zeichnen heute ein anderes Bild. Demnach gelangen bei Produktion und Weiterverarbeitung durchschnittlich drei bis vier Prozent der Chemikalien in die Atmosphäre. Bei dem besonders schädlichen Tetrachlorkohlenstoff liege die Emissionsrate sogar bei über vier Prozent.
Die Emissionen steigen nicht nur wegen höherer Verluste, sondern auch wegen einer zunehmenden Nutzung. Seit dem Jahr 2000 nahm die Produktion von Feedstock-Chemikalien um rund 160 Prozent zu. Sie werden unter anderem zur Herstellung von modernen Kältemitteln (HFO) und Kunststoffen wie Teflon oder Polyvinylidenfluorid (PVDF) benötigt. Letzteres ist ein wichtiges Material, das zum Beispiel in Lithium-Ionen-Batterien in Elektroautos genutzt wird.
"Die Mengen dieser Chemikalien werden in naher Zukunft nicht zurückgehen - zumindest in den kommenden Jahren ist vielmehr mit einem weiteren Anstieg zu rechnen", so Reimann. Ein Großteil dieser Emissionen werde in Südostasien produziert, hauptsächlich in China.
Die freigesetzten Stoffe schädigen nicht nur die Ozonschicht, sondern wirken auch als starke Treibhausgase. Ohne eine Reduktion der Emissionen könnten diese bis Mitte des Jahrhunderts einen Klimaeffekt von rund 300 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr erreichen, heißt es von den Forschenden. Dies entspreche den jährlichen CO2-Emissionen von Frankreich oder England.
Eine kurzfristige Senkung dieser Emissionen ist laut Reimann schwierig. Langfristig könnte man versuchen, die problematischen Stoffe durch andere Stoffe zu ersetzen. Letztlich sei es aber eine politische Entscheidung, so Reimann.
Im 1987 beschlossenen Montreal-Protokoll, einem internationalen Abkommen über Stoffe, die zu einem Abbau der Ozonschicht führen, sind diese Chemikalien ausgenommen. Auch wenn das Montreal-Protokoll weiterhin als einer der größten Erfolge der internationalen Umweltpolitik gilt, sollte es aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse regelmäßig überprüft und gegebenenfalls angepasst werden, fordert die EMPA in ihrer Mitteilung. Dies könnte auch neue Regelungen zur Verminderung der Freisetzung der Industriechemikalien beinhalten.






