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Imperial und neokolonial: "Klima-Geopolitik" in der Arktis

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Die Sermilik-Forschungsstation in Ostgrönland
©UNI GRAZ, ANDREAS TRUEGLER, APA
"Die Arktis erwärmt sich viel stärker als der Rest der Welt", sagt der Klimaforscher Wolfgang Schöner, Ex-Direktor des "Austrian Polar Research Institute". Die klimatischen und wirtschaftlichen Auswirkungen sind unabsehbar, die politischen Folgen werden in der aktuellen Aufregung um Grönland deutlich. "Ich halte das für ein narzisstisches Projekt des US-Präsidenten", meint Kira Vinke. "Diese Region ist aber ein Paradebeispiel für die Veränderungen, die auf uns zukommen."

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Vinke leitet das Zentrum für Klima und Außenpolitik an der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und beschäftigt sich intensiv mit der neuen "Klima-Geopolitik". Die Erderwärmung wird Landkarten und Handelsströme verändern und politische Schwerpunkte verschieben. Bereits jetzt könne im Süden Grönlands Gemüse angebaut werden, was die Nahrungsmittelversorgung der örtlichen Bevölkerung deutlich verbessere, erzählt Schöner aus den Erfahrungen an der im Sommer 2024 eröffneten Forschungsstation am Sermilik-Fjord im südlichen Teil der Ostküste Grönlands. "Für Jäger und Fischer hat sich bereits vieles geändert."

Die Tatsache, dass künftig manche Gewässer auch im Winter nicht mehr zugefroren sein werden, bedeute große Umstellungen für örtliche Transportwege und die Wanderungen der Rentierherden, schildert Birgit Bednar-Friedl, die sich am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz mit der Ökonomik des Klimawandels befasst und Leitautorin des 6. Weltklimaberichts war. Gleichzeitig ist absehbar, dass Schifffahrtswege wie die Nordostpassage und die Nordwestpassage schon in wenigen Jahrzehnten ganzjährig eisfrei sein werden. "Hier sind zwar große Investitionen notwendig, aber bis zum Ende des Jahrhunderts werden diese Routen ganz unproblematisch befahrbar sein." Dadurch würden heutige Flaschenhälse wie der Suez- und der Panamakanal deutlich entlastet werden.

"Der arktische Raum gewinnt stark an Bedeutung. Ich sehe da großes Potenzial. Es ist auch nicht per se verwerflich, die Chancen, die der Klimawandel eröffnet, zu nutzen. Es kommt aber auf die Geschwindigkeit und die Intensität an", so die Volkswirtin, die viele in den Startlöchern sieht. So habe etwa China im Arktischen Rat einen Beobachterstatus und große Anstrengungen unternommen, seine Interessen in der Region zu wahren. In dem 1996 gegründeten zwischenstaatlichen Forum der arktischen Anrainerstaaten sind aber auch sechs Dachorganisationen indigener Völker der Arktis ständige Teilnehmer - für die Sozialanthropologin Gertrude Saxinger ein wichtiger Umstand: "Die arktische indigene Bevölkerung ist hoch politisiert. Man vergisst gerne, dass die Arktis und die Subarktis bewohnte Gebiete sind. Von den rund vier Millionen Menschen, die dort leben, sind rund eine halbe Million Indigene, die viele verschiedene Sprachen sprechen. Diese Menschen haben die koloniale Geschichte nicht vergessen."

Dass US-Präsident Donald Trump in Davos von Grönland als einem "großen Eisbrocken" gesprochen hat, sei "ein Sinnbild dafür, wie Geopolitik heute funktioniert: als Formulierung territorialer, imperialer, neokolonialer Ansprüche", meint Saxinger. Die Professorin für Angewandte Integrative Geographie der Uni Graz bedauert, dass der Arktische Rat als "Vorzeigemodell für halbwegs friedliche und kooperative Geopolitik" mit dem russischen Angriff auf die Ukraine de facto zum Erliegen gekommen ist. "Seine Arbeit liegt heute auf Eis, dabei wäre er ein Paradebeispiel, wie man in einer sensiblen Region auf Kooperation statt auf Konfrontation setzen könnte."

Auch das allmähliche Auftauen des Permafrostes birgt Chancen und Gefahren zugleich: Das Freisetzen von gespeicherten Emissionen und die Zerstörung von Infrastruktur durch das Aufweichen des Bodens steht dabei gegen die mögliche Gewinnung riesiger Anbauflächen, analysiert Kira Vinke. "Auch die Waldbrandgefahr in der Taiga nimmt zu." Zwischen Ural und Pazifik liegen die größten zusammenhängenden Nadelwälder der Erde - ein gigantischer CO2-Speicher. Dass der Wettlauf um die riesigen Rohstoffvorkommen noch nicht an Intensität gewonnen habe, liege vor allem an den für die Förderung und den Weitertransport nötigen enormen Investitionen. "Hier hängt viel von der künftigen Entwicklung der Rohstoffmärkte ab."

"Was in der Arktis passiert, hat Folgen für den Rest der Welt", ist Wolfgang Schöner überzeugt. Deswegen brauche es auch eine intensivere Erforschung der sich dort beschleunigenden klimatischen Prozesse, ist sich der Professor für Physische Geographie an der Uni Graz sicher. Nach der Winterpause wird Ende März das erste Team aus Österreich erneut zur Sermilik-Forschungsstation aufbrechen. "Besonders wichtig ist bei unserer Arbeit der gute Kontakt und das Einvernehmen mit der Bevölkerung vor Ort. Und da scheint die generelle Stimmung eindeutig: Grönland gehört den Grönländern."

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