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Die Conturineshöhle liegt über St. Kassian im Gadertal auf 2.775 Metern Seehöhe. Sie wurde erst 1987 entdeckt und befindet sich an der Stirnwand eines ehemaligen Gletscherkessels, etwa 700 bis 800 Meter oberhalb der heutigen Baumgrenze. "Die Höhle ist knapp 200 Meter lang und besteht aus einem ansteigenden Tunnel, der gewunden in den Berg hinein führt", erklärte Christoph Spötl vom Institut für Geologie der Universität Innsbruck gegenüber der APA.
Es handle sich um eine "außergewöhnliche Hochgebirgshöhle", die in den eigentlich höhlenarmen Dolomiten durch ihre Raumgröße auffalle, und - im Gegensatz zu den meist sinterarmen bis sinterfreien Hochgebirgshöhlen - große alte Tropfsteine aufweise. Zudem wurden in der Conturineshöhle Reste des ausgestorbenen Höhlenbärens gefunden, womit sie der höchstgelegene Fundort dieses eiszeitlichen Tieres ist.
Zur Altersbestimmung entnahm das Team um Spötl und seine Kollegin Gabriella Koltai mehrere Bohrkerne aus den über Millionen Jahre gewachsenen, bis zu 3,5 Meter mächtigen Tropfsteinen bzw. Sinterablagerungen in der Höhle und datierten diese radiometrisch. Dabei kann anhand des Wissens über die Zerfallsraten verschiedener natürlich vorkommender Isotope und deren Verhältnisse - im konkreten Fall von Uran und Blei - das Alter der Tropfsteine festgestellt werden.
Demnach begann die Ablagerung jener Kalkschichten, die sich über sehr lange Zeit aus mineralreichem Tropfwasser bilden, vor rund 5,8 bis 5,4 Mio. Jahren, also im späten Miozän oder frühen Pliozän, und dauerte mit Unterbrechungen bis vor rund 1,8 Millionen Jahren. "Die Höhle selbst muss daher mindestens so alt sein, da Tropfsteine nur in einer bereits bestehenden Höhle wachsen können", erklärte Spötl. Der Wissenschafter ist sich aber sicher, dass es noch ältere Höhlen bzw. Höhlenruinen im Hochgebirge, auch in den österreichischen Kalkalpen, gibt. Allerdings sei deren Datierung extrem schwierig.
Die über Millionen Jahre hinweg gewachsenen Sinterablagerungen bilden ein außergewöhnlich langes Klimaarchiv. Als die ersten Sinterlagen vor rund 5,8 Millionen Jahren entstanden, herrschte in der Region ein deutlich milderes Klima als heute. Globale Rekonstruktionen zeigen Temperaturen, die etwa vier bis fünf Grad über dem vorindustriellen Niveau lagen. Und auch die in den Ablagerungen gefundenen Pollen belegen neben Kiefern wärmeliebende Pflanzen wie Zedern, Walnuss oder Flügelnuss. Sie würden auf eine vegetationsreiche Landschaft in einem deutlich wärmeren Klima hindeuten.
Heute findet sich rund um die Höhle eine karge, hochalpine Landschaft. Damals wurde sie in einem Mittelgebirge durch Grundwasserströme im Karstgestein ausgebildet. Geologische Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Region seit rund sechs Millionen Jahren um etwa 1300 Meter angehoben wurde, während sich das Gelände oberhalb der Höhle durch Erosion ständig veränderte. "Die Höhle stammt ursprünglich also aus einer Zeit, als die Landschaft, Topographie, Seehöhe, und Vegetation fundamental anders aussah als in den heutigen Dolomiten", so Spötl.
Viel später diente die Höhle dem Höhlenbären (Ursus spelaeus ladinicus) als Winterquartier. Davon kann man sich im Museum Ladin in St. Kassian überzeugen. In der Wanderausstellung "Countdown to Mass Extinction?" zeigt das Museum Ladin ab Anfang Mai einen der untersuchten Bohrkerne im Naturparkhaus Schlern Rosengarten in Seis.
(SERVICE - Link zur Studie: https://doi.org/10.1016/j.palaeo.2026.113619 )
INNSBRUCK - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Uni Innsbruck/Christoph Spötl/Christoph Spötl






