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Die 9 irren Thesender Covid-Leugner

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Was tun, wen Sie in eine hitzige Diskussion über die angeblich wahren Hintergründe der Corona-Krise verwickelt werden? Einfache Argumente gegen die gängigsten Verschwörungstheorien.

Verschwörungstheorien sind seit der Coronakrise nicht nur häufiger, sondern sie werden auch extremer und irrationaler. Diesen Befund gab Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen bei einer Pressekonferenz Montagvormittag. Aktuell werden vor allem Gefahren für Kinder thematisiert. Kanzleramtsministerin Susanne Raab (ÖVP) warnte davor, die Entwicklung nicht zu unterschätzen. Laut Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) sehen Rechtsextreme eine Jahrhundertchance. Aber wie lauten die gängigsten Theorien?

1. Durch Corona soll ein "5G-Syndrom" vertuscht werden bzw. 5G beschleunigt die Ausbreitung des Virus.

DIE FAKTEN:
Allein in Großbritannien wurden zu Beginn der Coronakrise zig Mobilfunksendemasten in Brand gesteckt. Der Grund: Seit Jänner 2020 kursieren im Internet Behauptungen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Ausbruch bzw. der Verbreitung des Coronavirus und dem neuen Mobilfunkstandard 5G gibt. Die Theorie besagt, dass das Virus im chinesischen Wuhan ausgebrochen ist, weil dort Anfang des Jahres 5G eingeführt wurde. Dieser Zusammenhang ist relativ leicht zu widerlegen. Denn das Coronavirus wütet auch in Weltgegenden, die mit 5G noch nicht in Berührung gekommen sind (z. B. Iran) - bzw. trat in technologisch gut erschlossenen Regionen unterdurchschnittlich stark auf. In Wuhan liegt die 5G-Ausbaustufe bei nur zehn Prozent. Zudem haben mehrere nationale und internationale Organisationen darauf hingewiesen, dass keinerlei Verbindung zwischen der 5G-Technologie und dem Coronavirus nachweisbar ist. Die Internationale Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (ICNIRP) stellte etwa im April fest, dass es "keine, nicht einmal extrem schwache Beweise" für diese These gebe. Auch die WHO stellt fest: "Viren können sich nicht auf Radiowellen/Mobilfunknetzen verbreiten. Covid-19 verbreitet sich in vielen Ländern ohne 5G-Netzwerke."

Fake sind übrigens auch Fotos von toten Tieren, die angeblich durch den Einfluss von 5G-Strahlung tot vom Himmel gefallen sind. Die Rechercheplattform Mimikama untersuchte jüngst ein auf Facebook kursierendes Foto von toten Vögeln in Kroatien: Das Bild stammt in Wirklichkeit aus Rom und wurde im Februar aufgenommen. Die Vögel waren bei einem Sturm ums Leben gekommen.

2. Bill Gates finanziert die Weltgesundheitsorganisation (WHO), deshalb ist die WHO Spielball seiner Interessen.

DIE FAKTEN:
Die WHO ist eine Behörde der Vereinten Nationen mit dem Ziel und Mandat, die globalen Gesundheitsagenden zu fördern. Sie ist demokratisch organisiert: Vertreter aller Mitgliedsstaaten treffen sich jährlich zur Weltgesundheitsversammlung, einer Art Parlament der WHO. Die Finanzierung der WHO hat sich in den vergangenen Jahren tatsächlich gewandelt: 1970 kamen noch vier Fünftel der Geldmittel von den Mitgliedsstaaten, heute ist es nur noch ein Fünftel. Zu rund 80 Prozent finanziert sich die WHO aus freiwilligen Beiträgen, also Einnahmen von internationalen Instituten, Organisationen, Spendern oder Geld ihrer Mitgliedsstaaten. Diese Mittel werden allerdings projektbezogen zur Verfügung gestellt, müssen also einem bestimmten Verwendungszweck zukommen. Dass über diesen Weg diverse Lobbys (z. B. Gentechnik, Atomkraft) möglicherweise Einfluss auf WHO-Entscheidungen nehmen könnten, recherchierten die Filmemacherinnen Jutta Pinzler und Tatjana Mischke 2017 für ihre Doku "Die WHO - Im Griff der Lobbyisten".

Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung war im Zeitraum der vergangenen Jahre mit einem Anteil von 9,76 Prozent tatsächlich der zweitgrößte Geldgeber der WHO nach den USA. Es stimmt auch, dass die Gates- Stiftung ihren Beitrag vor allem in die Prävention von Infektionskrankheiten und Impfprogramme investiert wissen will. Der Schweizer WHO-Direktor Gaudenz Silberschmidt sprach gegenüber dem SWR aber auch davon, wie die WHO zunehmend versucht, diesen Entwicklungen gegenzusteuern, und ihren Aktionsradius mit den finanziellen Mitteln der Gates-Stiftung im Dialog mit Bill und Melinda Gates bereits erweitert hat.

3. Die Bill-Gates-Stiftung hat die Entwicklung des Coronavirus finanziert und ein entsprechendes Patent darauf angemeldet.

DIE FAKTEN:
Das britische Pirbright Institute, das wie viele andere Forschungseinrichtungen auch Förderungen der Billund-Melinda-Gates-Stiftung erhält, hat tatsächlich ein Patent auf ein lebendes, abgeschwächtes Coronavirus erhalten. Abgeschwächte Viren können patentrechtlich geschützt werden, da sie für Lebendimpfstoffe benutzt werden, um Immunität zu erzeugen. Das Pirbright Institute, das u. a. im Besitz des britischen Umweltministeriums und von Landwirtschaftsunternehmern ist, forscht nach offiziellen eigenen Angaben jedoch gar nicht an menschlichen Coronaviren. Seine Aufgabe ist die Eindämmung von Infektionskrankheiten bei Nutztieren. Im Fall des Patents des Pirbright Institutes handelt es sich um einen Virenstamm aus der großen Familie der Coronaviren, der Geflügel betrifft. Zudem weist das Institut auf seiner Website aus, dass die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung die betreffende Coronavirus-Forschung gar nicht gefördert habe, sondern ein anderes Projekt, nämlich das Zentrum für Abwehrstoffe von Tieren, das erforscht, wie Tiere besser vor Krankheiten zu schützen sind.

4. Bill Gates plant, Menschen im Zuge der Impfung gegen Covid-19 einen Mikrochip einpflanzen zu lassen, um so totale Kontrolle zu erlangen.

DIE FAKTEN:
Bill Gates wurde in einer Diskussion mit Usern der Website "Reddit" gefragt, wie in der Corona-Krise eine Rückkehr in die Arbeitswelt zu bewerkstelligen sei. Darauf antwortete er, dass es vielleicht eines Tages einen "digitalen Nachweis" geben werde, der anzeigt, wer getestet, wer nach einer Erkrankung immun und wer geimpft sei.

Diese Aussage wird mit verschiedenen Forschungen vermischt, die von der Gates-Stiftung unterstützt werden, aber nichts miteinander zu tun haben. Zum einen wird an einer Technik geforscht, die den Impfstatus auf der Haut sichtbar machen soll. Zum anderen gibt es ein Projekt, das an so etwas wie einer digitalen, weltweit abrufbaren Gesundheitsidentität forscht. Eine weitere Forschung eines anderen Instituts betrifft Mikrochipentwicklungen zur Geburtenkontrolle. All diese Forschungen haben laut Stiftungsauskunft nichts miteinander zu tun.

5. Corona ist eigentlich gar nicht so schlimm, Fotos von Särgen waren Fälschungen.

DIE FAKTEN:
Die dramatischen Ereignisse der Coronakrise in Italien waren ein wichtiger Grund, warum auch in anderen europäischen Ländern strenge Maßnahmen getroffen wurden. Manche Menschen behaupten: Es wurde heillos übertrieben, an der Grippe sterben jährlich mehr Menschen. Zumindest für Italien bestätigen mehrere Quellen aber einen deutlichen Anstieg der durchschnittlichen Mortalitätsrate im März. Rund um Fotos von Särgen italienischer Corona-Opfer ranken sich unterschiedliche Mythen. Zu Beginn der Krise kursierten im Internet Fotos, die gar nicht in Italien entstanden sind, haben Faktenchecker herausgefunden. Daraus könnte sich die irrige Annahme entwickelt haben, dass alle Sargfotos aus Bergamo gefälscht sind.

6. Das Virus wurde verbreitet, um endlich das Bargeld abzuschaffen.

DIE FAKTEN:
Wahr ist: Manche Menschen verzichten derzeit lieber auf den Gebrauch von Bargeld und viele Geschäfte fordern ihre Kunden auf, "nach Möglichkeit" mit Karte zu bezahlen. Eine Studie, die während der Corona-Zeit durchgeführt wurde, hat aber ergeben, dass die Österreicher ihr Bargeld immer noch heiß lieben und für das sicherste Zahlungsmittel in der Krise halten. Es gibt keine Hinweise darauf, dass es ihnen weggenommen wird.

7. Das Coronavirus stammt aus dem Labor und ist eigentlich eine Biowaffe.

DIE FAKTEN:
Schon vor Monaten fanden Wissenschaftler heraus, dass das Coronavirus höchstwahrscheinlich natürlichen Ursprungs ist. Dennoch halten sich hartnäckige Gerüchte, es handle sich in Wahrheit um eine Biowaffe. Wer das Virus entwickelt und gegen wen eingesetzt hat, darüber gehen die Theorien auseinander. Manche glauben, dass die Amerikaner damit die Chinesen angreifen wollten, andere vermuten einen Angriff Chinas auf das eigene Volk (um die Bevölkerungszahl zu dezimieren) bzw. andere Staaten. Auch wenn Wissenschaftler davon überzeugt sind, dass beides falsch ist -die Grundstruktur des Virus spreche gegen eine gentechnische Manipulation und es sei für eine hochgerüstete Biowaffe letztlich zu harmlos -, bekommt die haltlose Verschwörungstheorie derzeit ein gefährliches Eigenleben: Die schlechte Stimmung zwischen den USA und China schaukelt sich immer mehr auf. Trump- Berater Peter Navarro sagte in einem Interview, China habe das Coronavirus im November "wahrscheinlich in diesem Waffenlabor in Wuhan" erschaffen und anschließend "hinter dem Schutzschild der WHO versteckt".

8. Das Coronavirus wurde verbreitet, um eine neue Weltordnung zu etablieren.

DIE FAKTEN:
Wenn das Coronavirus doch eigentlich gar nicht so schlimm ist, warum dann diese drastischen Maßnahmen? Klar, um eine neue Weltordnung zu etablieren. Und wie so oft in größeren oder kleineren Krisen kursieren auch diesmal antisemitische Verschwörungstheorien. Im Internet werden Videos verbreitet, die den jüdischen Investor George Soros oder die Familie Rothschild mit dem Virus in Verbindung bringen. Auch Bill Gates wird oft fälschlicherweise als Jude bezeichnet, der die Weltherrschaft an sich reißen und/oder mit einem Corona-Impfstoff reich werden will. Diese Behauptungen bedienen uralte antisemitische Klischees und Feindbilder. Schon für die Pestepidemie, die Europa im Mittelalter heimsuchte, wurden Juden verantwortlich gemacht -und grausam und ohne jeglichen Beweis für ihre Schuld bestraft.

9. Das Coronavirus wurde in Filmen und Serien bereits vorhergesagt.

DIE FAKTEN:
In einer "Simpsons"-Folge aus dem Jahr 1993 steckt sich Homer beim Öffnen eines aus Japan gelieferten Entsafters mit einem Virus an. Auch andere Bewohner von Springfield erkranken an der sogenannten "Osaka Flu". Bei Fans sorgte diese Entdeckung jüngst für große Aufregung. Bill Oakley, einer der Co-Autoren der Folge, distanzierte sich von rassistischen Kommentaren, die in Zusammenhang damit durchs Internet geistern: "Die Vorstellung, dass sie irgendwer missbraucht, um das Coronavirus als asiatische Verschwörung darzustellen, ist schrecklich." Auch die Comic-Zeichner Jean-Yves Ferri und Didier Conrad haben es anscheinend immer schon gewusst. In "Asterix in Italien" ließen sie 2017 einen Bösewicht auftreten, der Coronavirus (in der deutschen Übersetzung Caligarius) heißt. So ungewöhnlich ist das allerdings nicht. Coronaviren wurden Mitte der 60er-Jahre erstmals beschrieben und durch die SARS-Epidemie 2002/2003 breit bekannt. Außerdem ist an diesen -nicht immer ganz ernsthaft vorgebrachten - Verschwörungstheorien unklar, wer davon profitieren sollte, seine geheimen Pandemie-Pläne vorab amerikanischen und französischen Comic-Künstlern zu verraten.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der Printausgabe von News (21/2020) erschienen und wurde am 31. 5. 2021 aktualisiert.

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