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Satire ernst genommen: "Ausradiert" von Percival Everett

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Percival Everett hat in seinen Romanen viel zu bieten
©BRYAN BEDDER, GETTY IMAGES NORTH AMERICA, APA
Ein afroamerikanischer Autor, dem gesagt wird, seine Bücher verkaufen sich nicht, weil sie nicht "schwarz" genug seien, schreibt unter Pseudonym eine Parodie auf "Ghetto-Romane". Kritiker durchschauen die Satire nicht und loben die Authentizität des Werks, das zum Bestseller mutiert. Percival Everetts vielschichtige Story mit dieser Ausgangslage wurde bereits 2008 in Übersetzung veröffentlicht. Nach einer Oscar-prämierten Verfilmung erscheint "Ausradiert" neu. Ein Glücksfall!

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Ob er nun die Geschichte des Sklaven Jim aus "Abenteuer des Tom Sawyer" weitererzählt ("James", mit dem Pulitzerpreis gekrönt) oder wie zuletzt einen Seitenhieb auf die USA und ihre seltsamen Milliardäre austeilt ("Dr. No"): Everett schaffte es stets, brennende Themen, vor allem um Ethnie und Rassismus, in originelle wie meisterlich erzählte Romane zu packen, die Lesende herausfordern, aber nicht überfordern. 25 Jahre nach der Erstveröffentlichung unter dem Originaltitel "Erasure" gilt das auch für "Ausradiert", solide übersetzt von Jens Seeling, aus dessen eigenem Verlag der Band nun zu Hanser gewandert ist.

Trotz Oscar-Gewinn für das "beste adaptierte Drehbuch" wurde die Verfilmung als "Amerikanische Fiktion" in nur wenigen österreichischen Programmkinos gezeigt, ist aber bei Streamingdiensten abrufbar. Möge die literarische Vorlage nun ein größeres Publikum erreichen! Denn die Geschichte hat viel zu bieten - nicht nur bissige Kritik an stereotypischer Darstellung von Schwarzen in der US-Literatur und an der Kommerzialisierung des Verlagswesens. Die Hauptfigur, der Schriftsteller Thelonious Ellison, muss nicht nur versuchen, mit dem Erfolg seines Alter Egos klarzukommen, sondern auch mit familiären Verlusten.

Everett verknüpft in "Ausradiert" viele Menschen betreffende Themen wie etwa Alters-Alzheimer, Verrat an eigenen Idealen, Gewissenskonflikte, Familiendynamik und -zwist, Akzeptanz sowie die Frage nach Identität und Rollen in der Gesellschaft (ist Thelonious in erster Linie der Autor Ellison oder der in seiner Familie "Monk" genannte Liebling von Vater und Mutter oder sein Pseudonym Stagg E. Leigh oder alle drei?). Die stilistische Aufbereitung ist so vielschichtig wie der Inhalt - mal ernst, mal von bissigem Humor durchzogen, unterhaltsam und anregend.

Erzählt wird aus der Sicht der Hauptfigur. Der "Ghetto-Roman" von Ellison alias Leigh ist aber ebenso Teil des Buches wie die Beschreibung einer Talkshow, Briefe und u.a. Dialoge zwischen Ludwig Wittgenstein und Jacques Derrida sowie Oscar Wilde und James Joyce. So aufgesetzt das klingen mag, es funktioniert hervorragend.

(Von Wolfgang Hauptmann/APA)

(S E R V I C E - Percival Everett: "Ausradiert", aus dem Englischen von Jens Seeling, Hanser Taschenbuch, 352 Seiten, 15 Euro)

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