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In Amerika erschien das Buch im Oktober unter dem Titel "The Widow". Besagte Witwe beauftragt den zockenden, in Scheidung lebenden und von Geldnöten geplagten Kleinstadt-Rechtsanwalt Simon Latch mit dem Aufsetzen ihres Testaments. Was zunächst nach reiner Routine aussieht, weckt bei dem Juristen bald Gier: Denn die alte Dame verfügt offenbar über ein Vermögen. Also gilt es, den letzten Wunsch so aufzusetzen, dass nach dem Ableben der Frau ein schöner Batzen Geld Latch selbst zufällt. Der Tod der Klientin kommt schneller als gedacht - und ihr Anwalt steht ebenso rasch unter Mordanklage.
Lange lässt sich Grisham Zeit, die Geschichte des nicht unsympathischen, aber auch nicht fehler- und lasterfreien Protagonisten Latch und dessen Beziehung zu seiner Mandantin zu erzählen. Man erfährt viel über Testamente, wie man dabei Steuern umgeht, und wie man als Anwalt hübsche Summen in die eigene Tasche tricksen kann. Die Hauptcharaktere sind gut gezeichnet, es treten zwielichtige Nebenfiguren auf, das Kleinstadtsetting liefert einen wunderbaren atmosphärischen Background. Als die Witwe stirbt und Gift in ihrem Körper gefunden wird, scheint alles angerichtet für einen Kriminalfall mit großem Knall am Ende. Denn Latch ist wohl nicht der Täter.
Ein Grisham kommt ohne Drama im Gerichtssaal nicht aus. Daher nimmt die Schilderung des Prozesses gegen Latch einen großen Teil in "Das Vermächtnis" ein. Hier ist der Autor zu Hause und liefert den bewährten Stoff aus Beweisführung, Zeugenaussagen, Rededuellen zwischen Anklage und Verteidigung. So packend der 71-Jährige das zu erzählen weiß, ist vieles redundant, da im Verfahren noch einmal alles aufgerollt und wiedergegeben wird, was man schon aus den vorangegangenen Kapiteln, also aus der Vorgeschichte, weiß.
Immer wieder streut Grisham verdächtiges Handeln diverser Personen ein, die auf eine in Verbindung mit dem vermuteten Vermögen des Opfers stehende Täterschaft vermuten lassen. Doch die Auflösung fällt wenig gefinkelt aus. Für "The Widow" habe er sich von Kollegen wie Raymond Chandler, Walter Mosley und James Lee Burke inspirieren lassen, schrieb Grisham in einem Newsletter. Mit deren Werken lässt sich "Das Vermächtnis" jedoch nicht vergleichen, auch wenn die Latch-Figur einem klassischen Noir-Krimi entsprungen sein könnte. Grisham hat zumindest unterhaltsame, streckenweise spannende, routiniert geschriebene Lektüre abgeliefert - mit Seitenhieben auf Staatsanwaltschaft, Sensationsgier, schamlose Anwälte und Vorverurteilung.
(Von Wolfgang Hauptmann/APA)
(S E R V I C E - John Grisham: "Das Vermächtnis", übersetzt von Imke Walsh-Araya und Bea Reiter, Heyne Verlag, 480 Seiten)






