ABO

Josef Winkler stellt am Dienstag einen großen Roman vor

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
6 min
Neuer Roman von Josef Winkler
©APA/APA/Suhrkamp Verlag
1979 hat Josef Winkler mit "Menschenkind" seinen Debütroman vorgelegt und damit beim Ingeborg-Bachmann-Preis Aufsehen erregt. Seither hat er ein großes Werk geschaffen und wurde dafür u.a. mit dem Großen Österreichischen Staatspreis und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Mit 73 Jahren legt der Präsident des Österreichischen Kunstsenats nun ein Opus summum vor. Am Dienstag präsentiert er seinen Roman "Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht" im Literaturhaus Wien.

von

Auf über 400 Seiten arbeitet er die Grundmotive seines Schreibens in eindrucksvoller Weise in eine Emanzipationsgeschichte ein, deren viele Facetten er bereits in einer großen Anzahl längerer und kürzerer Prosaarbeiten geschildert hat. Auch den Leser, der durch kontinuierliche Winkler-Lektüre seit langem mit dem Ringen des Kärntner Bauernsohns mit seiner Herkunft, den übergroßen Patriarchengestalten seines Großvaters und Vaters, bedrückenden Erfahrungen mit Sexualität und Religion, der Aneignung von Literatur als Befreiungsinstrument und dem Erleben eines schmerzhaften Außenseitertums vertraut ist, trifft diese geballte Komprimierung noch einmal mit voller Wucht. Wie muss es erst jenen ergehen, die hier erstmals in Winklers Welt eintauchen, denkt man sich.

"Gerne wäre ich der Sohn von Schah Reza Pahlavi und seiner Frau, der Farah Diba, gewesen oder der Sohn von John F. Kennedy und mit ihm gemeinsam im fahrenden Chevrolet erschossen worden, hätte auch gerne als Sohn an der Seite von Sophia Loren gestanden, aber ich hieß nicht Carlo, sondern Seppl oder Null Komma Josef, dem vom Lehrer Emil Hofmann der Arsch ausgerissen und ins eigene Gesicht geschmissen wurde, und der weder in Cinecittà in Rom noch in einem Palast in Persien, sondern auf einem Plumpsklo zwischen gackernden Hühnern, grunzenden Schweinen, delirierenden Kruzifixen, Totenvögeln - 'Komm mit! Komm mit!' -, Selbstmördern, Kinderschändern, Sauschneidern und Katzenmördern aufwuchs ..." So eine Stelle fällt nicht nur ins Auge, weil man mit dem echten Schah-Sohn derzeit in den Weltnachrichten immer wieder konfrontiert wird, sondern weil es den vom Autor erlebten Gegensatz gut auf den Punkt bringt.

"Du liegst uns quer!" - Das bekommt der Ich-Erzähler immer wieder zu hören. Und zu spüren. Sich aus der als dumpf und bedrohlich empfundenen familiären und dörflichen Atmosphäre in den Selbstmord zu flüchten, ist eine vom kleinen Sepp immer wieder überlegte Alternative zu einem Leben, in dem er sich nicht am rechten Platz fühlt. Der Tod im Allgemeinen und der Selbstmord im Besonderen ist eine auch im Dorf regelmäßig wiederkehrende Tatsache, mit der man sich zu arrangieren hat. Der Hass, den man sich als jemand, der sich von klein auf lieber mit einem Buch verzieht, als bei Stall- und Feldarbeit mitzuhelfen, zuzieht, multipliziert sich noch, als ruchbar wird, dass der Außenseiter seine Sicht auf die ihn Umgebenden zu Papier bringt und sich alle nach der Publikation des ersten Buches an den Pranger gestellt fühlen. Die Warnrufe der fünf Jahre älteren Schwester Maria, deren psychische Erkrankung in dem Buch einfühlsam geschildert wird, man möge den Bruder nicht aufknüpfen, sind keinesfalls bloß allegorisch gemeint. Doch Anerkennung hilft auch im "wilden Kärnten" - ob sie vom Tierarzt kommt, der die Karl-May-Lektüre des Buben lobt, oder von Literaturjurys, "die sich dabei schon etwas gedacht haben werden", wenn sie das vermeintliche Geschreibsel für preiswürdig erachten.

"Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht" ist ein Buch voller starker Bilder und Kontraste und insistierender Wiederholungen. Den Mehlspeisen und Patisserien, die von der ausgebildeten Konditorin Maria gebacken werden, begegnet man ebenso häufig wie dem "Sautratten" genannten Gemeinschaftsfeld am Ufer der Drau, auf dem die Leiche des dort verscharrten Nazi-Massenmörders Odilo Globocnik sich immer wieder erhebt und der Ermordung von zwei Millionen Juden rühmt. Dass in dieser Tragödie Hass und Liebe gleichermaßen ihren Platz haben, Wärme und Zuneigung ebenso zu finden sind wie Verbitterung und Schmerz, ist eine große Leistung.

Das alles geht so an die Nieren, dass man froh ist, gelegentlich auf Stellen zu stoßen, in denen Humor aufblitzt. "Hätte ich damals, unmittelbar nach dem Tod des Vaters, als ich auch schon das fünfzigste Lebensjahr erreicht hatte, zur vollkommen willenlos gewordenen, über achtzig Jahre alten Mutter gesagt: 'Mame! Komm, wir gehen jetzt gemeinsam in die Hölle!', so wäre ihre Antwort wohl gewesen: 'Wart ein bißchen, Seppl, ich muß erst meine Schuh anziehen!' Bloßfüßig und ohne Kopftuch wäre sie mit mir nicht in die Hölle gegangen."

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Josef Winkler: "Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht", Suhrkamp Verlag, 432 Seiten, 26.80 Euro; Buchpremiere am 10.3., 19 Uhr, im Literaturhaus Wien, Wien 7, Seidengasse 13)

BERLIN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/Suhrkamp Verlag

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER