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Ausgehend von der Figur eines Buchhändlers aus Rabat in Marokko verlegt Benzine seine Erzählung (im Original: "L'homme qui lisait des livres", Der Mann, der Bücher las) nach Gaza im Jahr 2014. Die Stadt ist vom Krieg gezeichnet – einem anderen als dem heutigen. Inmitten der Ruinen sucht Julien, ein junger französischer Fotograf, nach Bildern.
Auf seinen Streifzügen durch die zerstörte Stadt entdeckt Julien in einer versteckten Gasse eine kleine Buchhandlung. Dort sitzt Nabil Al Jaber, liest und schenkt jedem Besucher ein eigens für ihn ausgewähltes Buch, statt es zu verkaufen.
Als Julien ihn fotografieren will, bittet Al Jaber ihn, erst seine Geschichte zu hören – denn ein Bild, sagt er, brauche das Wissen um den Menschen dahinter. Auf Französisch beginnt Nabil zu erzählen: von Flucht, Exil, Krieg und Verlust.
Benzine erzählt durch das Porträt des Buchhändlers die Geschichte Palästinas seit 1948. Jedes Kapitel verknüpft ein persönliches Ereignis mit einem historischen Einschnitt – Sechstagekrieg, Intifada, Operation "Sommerregen" – und setzt es in Beziehung zu klassischen Werken von Shakespeare über Victor Hugo bis Mahmoud Darwich: Weltliteratur, in der der Buchhändler Zuflucht, Widerstand und Heimat findet.
Der Franko-Marokkaner und Islamwissenschafter gilt als eine bedeutende Stimme für einen historisch‐kritischen, aufgeklärten Zugang zum Islam. Mit "Der Buchhändler von Gaza" hat der 55-Jährige ein poetisches und reflektiertes Werk geschrieben. Die Sprache ist klar und eindringlich, Bilder von zerstörten Häusern, wackeligen Teetischen und leeren Straßen wechseln sich ab mit Momenten stiller Hoffnung und intellektueller Tiefe.
Auf über 120 Seiten verbindet Benzine Sensibilität mit politischer Klarheit und einer Sprache von großer poetischer Dichte. Kaum eine Seite bleibt ohne einen Satz, der nachhallt. Die Stärke des Romans liegt nicht zuletzt darin, dass er ohne Hass auskommt und dennoch die Gewalt sichtbar macht – indem er zeigt, was sie zerstört: Erinnerungen, Beziehungen, Lebensentwürfe.
Dem Autor, der seit seiner Kindheit in Frankreich lebt, gelingt es, über Krieg zu schreiben, ohne ihn zu instrumentalisieren. Stattdessen rückt er das Leben in den Mittelpunkt – und die Literatur als Kraft, die Sinn stiftet und Halt gibt. In einer Welt, in der Bomben das letzte Wort beanspruchen, setzt dieser Roman auf das leise, beharrliche Gegenwort der Bücher.
"Der Buchhändler von Gaza" ist eine eindringliche Hommage an die Literatur und an den Frieden. Ein kraftvolles Buch, das berührt, erschüttert und nachwirkt – weil es daran erinnert, dass Lesen, mitten im Chaos, ein zutiefst menschlicher Akt des Widerstands sein kann.
(Von Sabine Glaubitz/dpa)
(S E R V I C E - "Der Buchhändler von Gaza", von Rachid Benzine, aus dem Französischen von Andreas Jandl, Piper Verlag, 128 Seiten, 22,50 Euro)
MÜNCHEN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/Piper Verlag






