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James Ellroy: Der Höllenhund des Hardboiled Crime

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James Ellroy

©imago/Agencia EFE
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Der Mord an seiner Mutter ließ James Ellroy zum härtesten Kriminalschriftsteller der amerikanischen Literatur werden. Mit News spricht er über seinen Roman "Die Bezauberer", Marilyn Monroe und sein eigenes Überleben.

Die Nachricht, die Detektiv Fred Otash am Morgen des 6. Juni 1962 erreicht, hat es in sich: "Freddy, sie war kalt", stammelte eine verstörte Stimme in britischem Englisch ins Telefon. Sie, das ist Marilyn Monroe, der Anrufer Peter Lawford, Freund des Detektivs und Schwager des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. Im Auftrag von Polizeichef William H. Parker unternimmt Otash die forensische Bestandsaufnahme und dokumentiert folgendes: "Sie lag flach auf dem Rücken zwischen zwei weißen Laken. Ich fuhr mit der Hand darunter. Sie war nackt / ihre Haut war kalt / die Decken hatten keine Wärme gespeichert. Ich sah mir die Dosen an. Nembutal, Seconal, Chloralhydrat. Instant-Traumland. Der Mist sorgte für tiefen Schlaf. Unter dem Nachttisch stapelten sich Filmskripte. Garniert mit Mäusescheiße."

Der Höllenhund des Harboiled-Crime

Ob der Bericht tatsächlich aus Otashs Feder stammt, ist nicht belegt. Aber in der Geschichte ist der Detektiv jedenfalls eingetrofffen und nunmehr auch in der Literaturgeschichte: Er gibt in James Ellroys jüngstem Thriller, "Die Bezauberer", den Ich-Erzähler. Der Autor millionenfach verkaufter Romane wie "L.A. Confidential" oder "Die schwarze Dahlie" blickt darin in die dunkelsten Abgründe der falschen Traumfabrik. Mit seinen 78 Jahren ist Ellroy selbst zur Ikone des Hardboiled Crime – so nennt man eine besonders düstere Spezies der Kriminalliteratur aus den USA – geworden. Er selbst nennt sich "The Demon Dog of American Crime Literature". In der Nachfolge von Raymond Chandler und Dashiell Hammett versorgt der "Höllenhund" Ellroy nervenstarke Anhänger dieses Genres. Sein Markenzeichen: kurze Sätze im Staccato, die wie von einer Stimme aus dem Off gesprochen den Rhythmus seiner Prosa vorgeben.

"Scandal language" beschreibt er seinen speziellen Stil im Gespräch, zu dem ihn News in seinem Domizil in Denver, Colorado erreicht. Kommuniziert wird per WhatsApp über das Mobiltelefon seiner Gefährtin, der Autorin Helen Knode. Sie lebt in der Nachbarwohnung. Denn der Autor verweigert alle moderne Gerätschaften. Handys, Computer, nicht einmal ein TV-Gerät lässt er in seinem Haushalt zu. Seine Romane verfasse er handschriftlich mit einem speziellen Stift, verrät er.

Dieser ganze Bullshit mit der Zensur ist doch schon im Ausklingen

Aber was ist mit seiner Sprache? Hat ihn denn kein Cancel-Moralist für seine "Skandalsprache", für seinen Hardcore-Stil, der sich nicht selten unflätiger Begriffe bedient, in die Schranken gewiesen? Oder hat er nichts zu befürchten, weil er so bekannt ist? "Dieser ganze Bullshit mit der Zensur ist doch schon im Ausklingen. Dafür interessiert sich doch heute hier niemand mehr. Die Leute haben genug davon", räumt er jegliche Bedenken aus und kommt auf seinen Roman zu sprechen. Die Idee sei wie aus dem Nichts auf ihn zugekommen, blickt er zurück. "Plötzlich waren sie da, Freddie Otash, die Kennedy-Brüder, Marilyn Monroe. Niemand hatte je einen guten Roman über sie geschrieben", beschreibt Ellroy sein Schaffen.

Das Buch

Der Meister des härtesten kriminalistischen Stoffs schrieb "Die Bezauberer"*, einen finsteren Bericht aus Hollywoods Hölle. Ullstein, € 27,80

Die Bezauberer: Roman | Der große Hollywood-Roman um den Tod von Marilyn Monroe!

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EUR 20.99
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Hollywoods Voyeur

Wie für die meisten seiner mehrere Hundert Seiten umfassenden Romane rekrutierte Ellroy seine Figuren aus der amerikanischen Historie und seiner Fantasie. 70 der realen Personen führt Ellroy am Ende seines Romans in einem eigenen Register an. Einer, der bereits in Ellroys früheren Geschichten auftritt, ist der ehemalige Polizist und Hollywood-Aufdecker Fred Otash. 1922 als Sohn libanesischer Immigranten in Massachusetts geboren verdingte sich Otash als Polizist, bevor er begann, für die Klatschpresse Hollywood-Stars auszuspionieren. Ellroy kannte Otash persönlich. "Er war ein Voyeur und hatte eine gewisse Art, mit Frauen umzugehen. Ich habe ihm nichts geglaubt", beschreibt er das reale Vorbild seiner Figur. "Über Marilyns Tod hat er mir eine andere Geschichte erzählt als der BBC. In Italien berichtete er anders darüber als in Spanien. Es werden so viele Geschichten über Monroes Tod erzählt. Aber fragen Sie mich nicht, was tatsächlich die Wahrheit ist, denn die interessiert mich als Romanautor nicht. Das ist kein Roman über Marilyn Monroe. Denn ich mochte sie nie, nicht als Schauspielerin, nicht als Frau. Sie benahm sich sehr schäbig gegenüber anderen. Sie ließ manche Menschen ganz nah an sich herankommen, und dann ließ sie sie fallen."

Und wie brachte sie es dann in Zentrum seines Romans? Stimmt es, dass er die ersten Jahre seiner Kindheit dort verbracht, wo die Monroe unter ihrem bürgerlichen Name Norma Jean Baker aufwuchs? Hat er sie gar selbst gekannt? Weder habe er sie gekannt noch sei er ihr jemals begegnet, beteuert Ellroy. Und dass er nicht weit von ihrem ersten Zuhause aufgewachsen sei, gehöre eben falls ins Reich der Fama: Sie lebte in West-L.A., acht Meilen vom Haus seiner Kindheit entfernt.

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UNSTERBLICH. Marilyn Monroe, am 1. Juni 1926 in Los Angeles geboren. Im Alter von 36 Jahren verstarb sie nach dem Konsum verschiedener Medikamente

© Getty Images/Bettmann

Über die oft kolportierte Affäre mit dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy will Ellroy nur mutmaßen: "Vielleicht hatte er sie ganz gern. Vielleicht hat sie ihn amüsiert. Aber dieser Mann hatte doch so einen wichtigen Job. Er musste die Welt regieren. Wenn es hochkommt, brachte er es insgesamt auf höchstens acht Stunden mit ihr. Viel mehr Zeit hatte er nicht. Und was kann man da in so einer Stunde mit einer Frau schon machen? Schnell ins Bett, einen Drink nehmen, dann noch ein Clubsandwich essen. Und ist doch ganz schön viel für diese kurze Zeit", beendet er das Thema Marilyn.

Sein Roman beschäftige sich in erster Linie mit dem Jahr 1962 und hier wiederum mit ihm, Ellroy selbst. Denn wie die meisten seine Romane hat auch dieser einen autobiografischen Hintergrund und der ist schrecklich.

Prägende Katastrophe

Ellroy wurde am 4. März 1948 als Sohn der Krankenschwester Geneva Hilliker und des Lebenskünstlers Armand Ellroy geboren. Der Vater verdingte sich für einige Zeit als Manager der Hollywood-Schauspielerin Rita Hayworth und schlug sich später mit Gelegenheitsarbeiten durch. Als James sechs war, ließen sich die Eltern scheiden. Vier Jahre später dann die Katastrophe: Die Mutter wurde Opfer eines Verbrechens. Ihre Leiche wurde entblößt aufgefunden, Spuren deuteten auf Vergewaltigung. Der Fall wurde nie gelöst. Unter dem Eindruck des Verbrechens begann Ellroy wie besessen, Kriminalromane zu lesen. Dashiell Hammett war einer der prägenden Autoren. Später versuchte er, mit der Polizei den Fall seiner Mutter neu aufzurollen. Doch ohne Erfolg. Das hat ihn sein Leben lang geprägt. Auch seine Literatur. Im Roman "Die schwarze Dahlie"* beschrieb er den ungelösten Mord an einer fiktiven Filmschauspielerin. Der Roman verschaffte ihm den Durchbruch als Kriminalschriftsteller und wurde von mit Scarlett Johansson verfilmt. Auch der Roman Die Stadt der Teufel"* lieferte Stoff für die Traumfabrik. Doch von der will Ellroy heute nichts mehr wissen. "Ich halte überhaupt nichts von diesen Filmen. Die stinken gegenüber meinen Romanen total ab. 'L.A. Confidential' ist so schal. Das hat nichts mit meiner Erzählung zu tun. Kim Basinger war darin nicht gut, der Film wirkt einfach billig. Und Russell Crowe und Kevin Spacey waren damals noch Buben. Aus Spacey wurde dann auch noch ein schrecklicher Mensch", merkt Ellroy an. Dass der Letztgenannte von den Beschuldigungen wegen Missbrauchs junger Männer freigesprochen wurde, interessiere ihn nicht. "Ich lebe immer noch im Jahr 1962. Ich interessiere mich nicht für die Gegenwart." Denn das Amerika von damals sei dem von heute nicht zu vergleichen. Die ganze Welt habe anders ohne Internet und Computer ausgesehen.

Todesstrafe? Manche gehören einfach weg

Im Roman gibt er eine Art Warnung vor Rechtsextremismus ab, in der Gestalt einer Truppe, die sich White Dog nennt. "Die Zeiten waren in den Sechzigerjahren ganz anders als heute. Ich gebe keine politischen Kommentare ab." Aber im neun Jahre zurückliegenden News-Gespräch hatte er sich doch noch für die Todesstrafe ausgesprochen! Hat der bekennende Christ seine Meinung inzwischen geändert? "Helen und ich sind der Meinung, dass einige einfach weggehören", antwortet er lakonisch und kehrt zu seinem Kernthema, der Vergangenheit zurück. Ist es eine Art Nostalgie oder gar eine Weltflucht, die ihn im Jahr 1962 festhält?

Exzesse wie bei Monroe

"Damals war ich 14. Alles war für mich aufregend. Ich wollte die Welt kennenlernen. Und dann kamen alle diese fantastischen Filme aus den Ausland in unsere Kinos. 'La Dolce Vita' von Fellini ist in Beverly Hills über ein Jahr lang gelaufen. Alles war so neu für mich", gerät der sonst erbarmungslose Betrachter menschlicher Abgründe ins Schwärmen. Das Jahr 1962 habe für ihn aber noch ein ganz anderes Ereignis parat gehabt. "Ich bekam meinen ersten Lohn von meinem Job in einem Krankenhaus in L. A. Das war eine lausige Arbeit. Ich musste Flaschen waschen. Aber ich verdiente so um die 100 Dollar."

Was Ellroy gegen Ende des Gesprächs erzählt, könnte einem seiner Romane entnommen sein. "In diesem Alter hätte ich legal keinen Alkohol konsumieren dürfen, doch ich habe älter ausgesehen." Also legte er seinen Verdienst in Rauschmitteln an. In einer Nacht brachte er es auf elf Martinis und zwei Nembutal. Vier Tage später erwachte er in einem Kinosaal. "Auf der Leinwand lief dieser dämliche Film 'The Swimmer' mit Burt Lancaster. Ich hatte bereits einen leichten Bart und keine Ahnung, wie ich dort hingekommen bin. Stellen Sie sich vor, Marilyn hat so etwas regelmäßig über die Jahre praktiziert! Das überlebt doch kein Mensch. Ich bin damals davongekommen. Übrigens, was diese Jahre noch zu bieten hatten, werden Sie in meinen nächsten Romanen lesen."

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 27+28/2024 erschienen.

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