Wer verstehen will, warum manche Menschen im Iran selbst Angriffe auf das Regime nicht nur fürchten, sondern auch begrüßen, muss die Geschichte eines Landes kennen, das seit Jahrzehnten unter Unterdrückung lebt, und die Verblendungen des Westens, die zu dieser Lage beigetragen haben.
Ein Kommentar von Soli Kiani.
Um zu verstehen, warum Iran heute in der Lage ist, in der es sich befindet, und warum es dort Menschen gibt, die sich sogar über Angriffe freuen, muss man die Geschichte des Landes kennen. Man muss vor allem die jahrzehntelange Unterdrückung verstehen, die dieses Land gezeichnet hat.
Vielleicht lässt es sich so greifbarer machen: Die Revolution von 1979 und vor allem die Mullahs, die seither an der Macht sind, gleichen einem Krebsgeschwür im menschlichen Körper. Die ersten Tumorzellen entstanden womöglich schon 1953, nach dem Sturz des ersten demokratisch gewählten iranischen Premierministers Mohammad Mossadegh durch die Geheimdienste der USA, die CIA, und Großbritanniens, den MI6, unter dem Codenamen Operation Ajax. Der Auslöser war die Verstaatlichung des Öls im Jahr 1951 durch Mossadegh.
Danach wuchs dieser Krebs weiter. Er wuchs mit der Weißen Revolution von 1963, mit der darauffolgenden Landflucht, mit den tiefen sozialen Verwerfungen, die das Land veränderten. Bis 1979 war der Tumor längst da. Die „Ärzte“ im Westen hatten ihn gesehen, aber sie erkannten nicht, wie bösartig er war.
Am 3. und 4. Januar, nach der Konferenz von Guadeloupe, an der die USA, Frankreich, Großbritannien und Deutschland teilnahmen, wurde der Schah fallengelassen. Damit wurde Khomeini indirekt unterstützt.
Was ich damit sagen will: Das Mullah-Regime konnte sich seit 1979 wie ein Tumor im Land ausbreiten, auch weil der Westen es jahrzehntelang falsch einschätzte. Als ließe sich Krebs mit esoterischen Methoden behandeln, wurde 2015 in Wien das Atomabkommen beschlossen, ungeachtet der Hinrichtungen der achtziger Jahre und der Massaker in den Jahren nach dem Irakkrieg. Man glaubte ernsthaft, die Mullahs plötzlich gezähmt zu haben.
Dass es im Iran keine Menschenrechte gibt und wie das Regime gegen das eigene Volk vorgeht, hat im Westen bis vor zwei Monaten kaum jemanden wirklich interessiert. Hauptsache, Öl und Märkte blieben gesichert. Dass die Mullahs in der Region so mächtig werden konnten, ist auch das Ergebnis einer Vogelstrauß-Strategie, also einer westlichen Politik des Wegsehens, Beschwichtigens und Kalkulierens.
Und nun wird plötzlich, innerhalb von nur zwei Monaten, erkannt, wie gefährlich und wie bösartig dieser Tumor tatsächlich ist. Die Revolutionsgarden werden im EU-Parlament als Terrororganisation anerkannt, und es wird Chemotherapie verabreicht, also Krieg. Natürlich entscheidet sich der betroffene Mensch, in diesem Fall das Volk, nicht freiwillig für eine Chemotherapie. Aber er ist froh, dass das Regime überhaupt, endlich und sichtbar bekämpft wird. Und so nimmt er diese Chemo, also den Krieg, in Kauf, obwohl er weiß, dass dabei auch andere Organe, also Zivilisten, zerstört werden und Institutionen des Landes vernichtet werden.
Die Menschen nehmen den Krieg in Kauf, weil sie hoffen, dass sie danach in einem freien Iran selbstbestimmt leben können.
Was Iran jetzt braucht, ist eine sehr schwierige Frage. Was Iran aber ganz sicher nicht braucht, vor allem die Menschen im Land, die ohnehin die Leidtragenden sind, das sind ein paar Wochen Krieg, Leid und Zerstörung, gefolgt von westlichen Politikern mit imperialistischen Gedanken, die sich am Ende wieder mit den übrig gebliebenen Krebszellen an einen Tisch setzen, Geschäfte machen und so die nächste Wucherung des Tumors ermöglichen.
Was die Menschen im Land brauchen, sind zukunftsorientierte Ideen, die nicht aus einer westlich privilegierten Position kommen. Sie brauchen Vorstellungen, die sich nicht an neuer Ausbeutung, sondern am Wiederaufbau des Landes orientieren. Vielleicht wäre etwas Ähnliches wie die Präsenz der Alliierten in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg auch für Iran nach dem Sturz der Mullahs, wenn es überhaupt dazu kommt, eine denkbare Lösung. Zumindest bis zu den ersten freien Wahlen im Land.
Über die Autorin:
Soli Kiani wurde 1981 in Shiras, Hauptstadt der iranischen Provinz Fars, geboren und lebt seit 2000 in Wien. Sie studierte an der Universität für angewandte Kunst Wien und diplomierte 2012 bei Christian Ludwig Attersee. 2019 erhielt sie den Anerkennungspreis des STRABAG Artaward International.



