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Der Mann, der Cortina erfand

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©IMAGO / Filippo Carlot

Pisten, Seilbahnen, Olympia: Ein Italiener aus Wien schuf den mondänen Urlaubsort.

Winterurlauber in Cortina d’Ampezzo kennen die anspruchsvolle Piste Canalone Franchetti im Skigebiet Faloria, mit dem Start auf 2.356 Meter, einer Neigung bis zu 51 Prozent und einer Länge von mehr als tausend Meter. Eine der schönsten Abfahrten in Cortina. Vielleicht ist ihnen die Via Franchetti aufgefallen, die zur Gondelbahn Funivia Faloria führt. Zwei Berghütten tragen den Namen Franchetti und ein wunderbares Hotel – die Villa Franchetti.

Wer jedoch Baron Franchetti war, hat wahrscheinlich weder die Aktiven der Olympiade noch die Tausenden Besucher interessiert.

Der Wiener, Franchetti

Carlo Franchetti wurde 1896 in Wien geboren. Sein Vater, Giorgio Franchetti, aus einer jüdisch-italienischen Adelsfamilie, war verwandt mit dem Wiener Zweig der Rothschilds, in deren Palais in Wien die Franchettis oft residierten. Franchetti wuchs in einem wohlhabenden Umfeld auf, studierte in Oxford, doch seine Faszination galt den Bergen, dem Klettern – und dem Wintersport.

Klettertouren

Bei einer seiner zahlreichen Klettertouren in den Dolomiten kam er zufällig nach Cortina. Der Ort faszinierte ihn. Er beschloss, aus dem verschlafenen Bergdorf ein mondänes Skizentrum zu machen, und nutzte seine Kontakte zum europäischen Hochadel und zu wohlhabenden Industriellen für die Finanzierung von Hotelbauten und Modernisierung der Infrastruktur.

Die ersten Gäste kamen aus deutschösterreichischen Adelsfamilien. Franchetti besorgte Raupenfahrzeuge der französischen Firma Citroën, brachte Sportler zu den schneebedeckten Abfahrten und die High Society, eingehüllt in Pelzmäntel, zu den schönsten Aussichtspunkten in den Bergen.

Erste Projekte

1923 finanzierte er die erste Sprungschanze, das „Trampolino Franchetti“, mit Sprüngen bis zu 40 Metern. Die Anlage wurde mehrere Male ausgebaut und 1956 bei den Olympischen Spielen benutzt – das Trampolino Olimpico Italia.

1925 baute er die Pocol-Bahn, die erste Seilbahn von Cortina, und schuf damit den Beginn der Ära der Skilifte in den Dolomiten. Mit der Seilbahn erreichten Touristen das Pocol-Belvedere mit einem wunderbaren Blick über das Tal. Pferdeschlitten brachten die Gäste von der Bergstation zurück, oder sie fuhren auf Skiern ins Tal.

Bergrestaurant

1939 wurde aufgrund seiner Initiative die Faloria-Seilbahn gebaut. An der Bergstation entstand das erste Bergrestaurant mit Terrasse und Solarium. Die Kabinen waren groß genug, damit Skifahrer ihre Ausrüstung mitnehmen konnten. Der noble Cortina Klub „Sci Club 18“ geht auf Franchetti zurück, der nur die exklusivsten Vertreter der Gesellschaft aufnahm. Durch seinen Einsatz und seine Finanzkraft entwickelte sich Cortina zu einem der elegantesten Wintersportorte Europas. Ernest Hemingway kam öfter zum Jagen nach Cortina und wohnte bei Franchetti in dessen Villa.

„Der Aufstieg des Orts zu einem internationalen Wintersportzentrum, ebenso wie die Olympischen Winterspiele von 1956 und 2026 wären ohne das historische Engagement Franchettis kaum denkbar gewesen“, sagte ein Mitglied des Stadtrats in einem Interview.

Franchetti starb 1955 im Alter von 59 Jahren bei einem Verkehrsunfall.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 09/2026 erschienen.

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