Einweihungszeremonie des Olympischen Fackellaufs 2026 in Mailand, Cortina, Rom Giorgia Meloni scherzt mit Matteo Salvini und Luca Zaia vor dem Kohlenbecken.
©IMAGO / ABACAPRESSZwischen Milliardenbudgets, TV-Geldern und Infrastruktur: Was Gastgeber gewinnen können und warum der ökonomische Nutzen oft umstritten bleibt.
Die Olympischen Winterspiele gelten als globale Bühne für Sport, Tourismus und nationale Selbstdarstellung. Gleichzeitig sind sie ein ökonomisches Großprojekt mit ungleich verteilten Chancen und Risiken. Kurz vor Milano Cortina 2026 rückt erneut die Kernfrage in den Mittelpunkt: Sind die Winterspiele ein wirtschaftlicher Faktor, der sich für Gastgeber rechnet oder vor allem eine teure Wette auf langfristige Effekte?
Was Winterspiele wirklich kosten
Wer über Kosten spricht, muss zunächst klären, wovon genau die Rede ist. Ein Teil der Ausgaben steckt im Organisationsbudget des jeweiligen Organisationskomitees. Ein anderer, oft größerer Teil betrifft Infrastruktur wie Bahn, Straßen, Sicherheitsmaßnahmen, Telekommunikation oder städtische Umbauten, die politisch gern als „Legacy“ verkauft werden, aber nicht automatisch durch Olympia ausgelöst wurden.
Zur Einordnung helfen drei Kostenblöcke, die in vielen Abrechnungen getrennt laufen:
Organisationskosten für Planung und Durchführung der Spiele, inklusive Personal, Transport, Zeremonien und temporärer Infrastruktur
Sportbezogene Investitionen in Wettkampfstätten und deren Umbau oder Neubau
Allgemeine Infrastruktur und „Legacy“-Projekte, oft mit langfristiger Finanzierung und politischem Eigeninteresse
Die Größenordnungen sind erheblich. Eine vielzitierte Vergleichsstudie der Universität Oxford beziffert die durchschnittlichen sportbezogenen Ausgaben der Winterspiele (ohne allgemeine Infrastruktur) auf 3,1 Milliarden US-Dollar im untersuchten Zeitraum 1960 bis 2016. Die Studie nennt zugleich Sochi 2014 als teuerste Winterspiele in dieser sportbezogenen Abgrenzung mit 21,9 Milliarden US-Dollar und beschreibt systematische Kostenüberschreitungen als Regelfall.
Woher das Geld kommt und wer profitiert
Einnahmen entstehen vor allem aus Medienrechten, Sponsoring, Ticketing und nationalen Partnerschaften. Der Internationale Olympische Komitee (IOC) vermarktet zentrale Rechte international. Die Gastgeber erhalten zwar Anteile, tragen aber das Durchführungsrisiko und bei vielen Projekten auch die Folgekosten.
Ein Überblick aus den Wissenschaftlichen Diensten des Deutschen Bundestags beziffert die Erlöse des IOC im Zyklus 2017 bis 2021 auf rund 4,5 Milliarden US-Dollar aus Übertragungsrechten und rund 2,3 Milliarden US-Dollar aus Sponsorings, überwiegend über das weltweite TOP-Programm (The Olympic Partners). Der Bundestag verweist zudem auf das IOC-Prinzip, den Großteil der Erlöse an das olympische System zu verteilen.
Dass ein Organisationsbudget am Ende sogar mit Plus abschließen kann, belegt das Beispiel Beijing 2022. Die chinesische Regierung veröffentlichte Zahlen aus einem BOCOG-Finanzbericht, wonach das Organisationsbudget mit einem Überschuss von 350 Millionen Yuan (umgerechnet 52 Millionen US-Dollar) endete. Gleichzeitig wird deutlich, wie stark solche Budgets von IOC-Zuweisungen und nationaler Vermarktung abhängen und dass Ticketing im Pandemie-Setting komplett ausfallen kann.
Warum der ökonomische Nutzen umstritten bleibt
Die ökonomische Debatte ist seit Jahren geprägt von einem Gegensatz: Veranstalter und Politik verweisen auf Tourismusimpulse, Imageeffekte und beschleunigte Infrastruktur. Kritische Forschung und Rechnungshöfe betonen dagegen Verdrängungseffekte, Opportunitätskosten und das Risiko, dass die Rechnung erst nach den Spielen sichtbar wird.
Eine Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) kommt in einer Auswertung zu dem Ergebnis, dass sich für Winterspiele in den betrachteten Fällen kein klarer positiver Effekt auf das Wirtschaftswachstum nachweisen lässt und dass die ökonomischen Effekte im Durchschnitt eher schwach ausfallen.
Ähnlich nüchtern fällt eine Analyse der Banca d’Italia zu Turin 2006 aus: Sie diskutiert zwar mögliche lokale Impulse, warnt aber vor Verzerrungen durch Verdrängung und betont, dass die gesamtwirtschaftliche Bilanz stark von Finanzierung, Auslastung der Infrastruktur und dem Zeitraum der Betrachtung abhängt.
Wie klein der makroökonomische Effekt selbst bei Sommerspielen sein kann, zeigt ein aktueller Referenzpunkt aus Frankreich: Der Cour des comptes (Französischer Rechnungshof) beziffert den Beitrag der Spiele Paris 2024 zur jährlichen Wachstumsrate 2024 auf plus 0,07 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts und verweist ausdrücklich auf „Effekte d’éviction“, also verdrängten „normalen“ Tourismus und andere Ausweichreaktionen.


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Milano Cortina 2026 als aktuelles Beispiel
Bei Milano Cortina 2026 tritt die ökonomische Logik besonders klar zutage: Die Winterspiele werden auf mehrere Orte in Norditalien verteilt, mit zwei zentralen Clustern in Mailand und Cortina d’Ampezzo. Die italienische Regierung koppelt die Erzählung von Olympia eng an Infrastrukturpolitik.
Reuters berichtet unter Berufung auf italienische Regierungsvertreter, das Gesamtbudget liege bei 5,2 Milliarden Euro, davon 3,5 Milliarden Euro öffentliche Mittel für Infrastruktur und 1,7 Milliarden Euro private Mittel für Organisation und Durchführung. Zudem erwartet die Regierung rund 2 Millionen Besucher und eine weltweite Reichweite von mehr als 3 Milliarden Menschen, wobei diese Reichweitenannahmen erfahrungsgemäß schwer unabhängig zu prüfen sind.
Gleichzeitig wächst der Druck auf Transparenz und Kontrolle. Ein Bericht der italienischen Investigativ-Plattform lavialibera über das zivilgesellschaftliche Netzwerk Open Olympics 2026 betont, dass ein großer Teil der erfassten Ausgaben in „Legacy“-Projekte fließe und dass es weiterhin Lücken bei Datenzugang, Umweltprüfungen und Nachvollziehbarkeit von Vergaben gebe. Der Bericht beschreibt zudem, dass viele Vorhaben erst nach den Spielen fertig werden sollen, was die klassische Frage verschärft: Wer trägt die Lasten, wenn der olympische Zeitplan nicht mehr zieht?
Was nach den Spielen zählt
Ob Olympische Winterspiele als wirtschaftlicher Faktor wirken, entscheidet sich selten in den zwei Wochen der Wettbewerbe. Entscheidend ist, ob Infrastruktur später genutzt wird, ob Destinationen Tourismus dauerhaft steigern, ob Schulden tragbar bleiben und ob Folgekosten realistisch einkalkuliert sind. Die Oxford-Studie warnt, dass Kostenüberschreitungen bei Olympischen Spielen historisch eher die Norm als die Ausnahme sind und dass Gastgeber sich mit der Bewerbung auf ein Projekt mit besonders hohem Finanzrisiko einlassen.
Für Gastgeber bleibt damit eine unbequeme Wahrheit: Winterspiele können Investitionen beschleunigen und kurzfristige Umsätze erzeugen. Aber der ökonomische Nutzen ist oft schwer messbar, hängt von lokalen Bedingungen ab und wird von unabhängiger Forschung und Rechnungshöfen regelmäßig deutlich kleiner eingeschätzt als in Vorabstudien der Veranstalter.
