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Longevity: Das Geschäft mit der Langlebigkeit

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©Getty Images / Yana Iskayeva

Wer spät sterben will, muss früh damit beginnen. Im Silicon Valley will man den Tod gleich ganz abschaffen und nur die intelligentesten Embryos zu Babys werden lassen. Wie weit darf Optimierung gehen?

25 Pillen am Tag. Dazu Rotlicht, ein Saunazelt im Wohnzimmer, viel Sport, Entspannungstraining. Richard Staudner ist es ernst mit der Optimierung seines Körpers. Der Einfachheit halber nennt er sich deshalb „Der Optimizer“. Als Performance Coach macht er vor keinem Lebensbereich halt: Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Laune. Um zur besten Version seiner selbst zu gelangen, trinkt er keinen Alkohol, verzichtet auf Nikotin und überprüft regelmäßig sein Nährstoffprofil.

Staudners Programm lässt sich mit „Biohacking“ zusammenfassen. Es passt damit auch gut in die Longevity-Bewegung, die weltweit wächst und sich mit gesunder Langlebigkeit beschäftigt. Allein in Wien haben in den vergangenen Jahren ein Dutzend Longevity-Zentren eröffnet: mit Fieberbetten, Kältekammern, Blutwäschen, selbst entwickelte Nahrungsergänzungsmitteln.

Auch Longevity-Retreats sind in. In Luxus-Resorts gönnen sich Gäste ab 5.000 Euro wöchentlich scheinbar lebensverlängernde Wellness-Pakete. Nicht alle angebotenen Leistungen sind wissenschaftlich fundiert.

Der Mensch als Businessmodell

Warum also fließt so viel Geld in ein Ziel, das derart vage ist?

Weil es sich rechnet. Die Longevity-Industrie verspricht doppelte Rendite: Sorge vor Erkrankungen lässt Klienten große Summen für Analysen ausgeben, die Hoffnung auf ein langes, gesundes Leben rechtfertigt teure Behandlungen. Die erste Longevity-Klinik Human Longevity öffnete 2013 in San Diego, Kalifornien. Co-Founder J. Craig Venter prägte den Ausspruch: „Sie können mir sagen, ob Sie sich gesund fühlen. Ich kann Ihnen sagen, ob Sie es auch wirklich sind.“

Ermöglichen sollen das umfassende Anamnesen und Tests. Mit Franchise-Unternehmen wie Next Health oder Serotonin Centers bleibt Kalifornien das Epizentrum der Langlebigkeitsindustrie. Initiale Gesundheitsassessments („Executive Physicals“) dauern mehrere Stunden bis Tage und umfassen Blut- und Gentests, sportdiagnostische Leistungstests, Knochendichtemessungen, MRT- und CT-Aufnahmen. Die Ergebnisse zeigen Verkalkungen der Herzkranzgefäße oder weisen auf Gendefekte hin, die zu Aufnahmestörungen von Mikronährstoffen führen können. Kostenfaktor: Rund 20.000 Euro.

Mein Leben hat es auf jeden Fall verändert

Hadi Saleh
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Hadi Saleh

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Die Vermessung des Selbst

Ist es das wert? „Mein Leben hat es auf jeden Fall verändert“, sagt Hadi Saleh. Der Deutsche war Orthopäde, bevor er sich der Wirtschaft zuwandte. Lange Arbeitstage, viel Reisetätigkeit und schlechte Ernährung prägten seinen Alltag.

Im Mai 2025 sprach Saleh auf dem Life Summit, einer Longevity-Konferenz in Berlin, gerade hat er sein Buch „Mission Gesundheit. Mit Köpfchen gesund alt werden“ präsentiert. Eine 180-Grad-Wende ließ ihn vom Couch-Potato zum Marathonläufer werden. Er begann, Puls, Schlaf und Kalorienverbrauch zu messen, probierte sich durch sämtliche Nahrungsergänzungsmittel.

Am Ende trug er ein über eine Nadel mit seinem Hautgewebe verbundenes Blutzuckermessgerät am Oberarm. Saleh habe durch die Tests, die er in den USA machen ließ, „enorm viel“ über seinen Körper gelernt. Etwa, dass er aufgrund eines Genfehlers Vitamin B12 nicht in ausreichender Form produzieren könne, ähnlich verhielte es sich mit Folsäure. Heute nehme er außerdem Magnesium, Omega 3 sowie ein Kombipräparat aus Vitamin D3 und K2.

Damit ist Saleh in guter Gesellschaft: Vegetarier sind mit Vitamin B12 häufig unterversorgt, an Vitamin D3 (das nur in Kombination mit K2 gut aufgenommen wird) mangelt es mehrere Monate im Jahr einem Gutteil der nördlichen Hemisphäre, auch Omega 3 und Folsäure nehmen viele Menschen nicht ausreichend zu sich. Alle diese Nährstoffe können beim Allgemeinmediziner auf die Anforderungsliste für den Bluttest im Labor geschrieben werden. Werden sie aber vielfach nicht. Und das ist der Kern der Longevity-Medizin.

Vor 15 Jahren haben wir noch ein bisschen gelacht über die Longevity-Medizin

Stefan Lorenzl
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Stefan Lorenzl

 © Krankenhaus Agatharied

Proaktiv statt reaktiv

Die westliche Medizin hat mit der alternden Bevölkerung ordentlich zu tun. Anfang der 1950er-Jahre lag in Österreich die durchschnittliche Lebenserwartung laut OECD bei 70 Jahren, bis heute kletterte sie auf 80. Das sind zehn Lebensjahre mehr – aber mitnichten zehn gesunde.

Österreich liegt mit 60 gesunden Lebensjahren gerade mal im EU-Mittelfeld. Das sind elf Jahre weniger als Spitzenreiter wie Malta oder Bulgarien. Im Alter nehmen Krebs, Alzheimer und andere neurodegenerative Erkrankungen stark zu. 26 Prozent der Österreicher sind heute über 60 Jahre alt, Tendenz steigend.

In den meisten Fällen gilt: Behandelt wird, was krank ist. Und nicht unbedingt, was krank macht. Das Mindset der Longevity-Forscher setzt an einem anderen Punkt an. Vorsorge und Prävention, Proaktivität statt Reaktivität stehen im Vordergrund. „Vor 15 Jahren haben wir noch ein bisschen gelacht über die Longevity-Medizin. Aber seither hat sich viel getan, es gibt heute aus dieser Ecke etwa sehr gute Studien zu neurodegenerativen Erkrankungen und deren Prävention“, sagt Stefan Lorenzl, Professor der Neurologie, Chefarzt im Krankenhaus Agatharied und Leiter des Instituts für Palliative Care an der privaten Paracelsus Universität Salzburg.

Longevity- und Vorsorgepraxen setzen Benchmarks für Krankmachendes tendenziell niedriger an. Das gilt für Biomarker wie den Folsäurespiegel, um Mängel zu beheben ebenso wie für Blutdruckwerte, die bereits früher als gesundheitsschädlich eingestuft werden. Gesundheitsförderndes wird höhergeschraubt: Mehr Bewegung, höhere Gewichte beim Krafttraining bei Frauen, mehr körperliche Flexibilität bei Männern, mehr pflanzliche Kost. Und wie bei Hadi Saleh kommen immer öfter Gentests zum Einsatz.

Gentests für alle?

Die erste Genom-Sequenzierung liegt über 20 Jahre zurück und kostete (inklusive über zehn Jahren Forschung am „Human Genome Project“) 2,7 Milliarden US-Dollar. Heute sind Direct to Consumer-Tests ab 100 Euro im Internet erhältlich. Die Tests versprechen viel, halten aber wenig. Gerade wenn es um polygene und multifaktorielle Erkrankungen wie Herzkrankheiten oder Diabetes geht, die nicht einem einzelnen Gen zuzuschreiben sind.

Monogene Erkrankungen entwickeln sich anders: „Hier ist eines der ungefähr 22.000 menschlichen Gene kausal mit der Entstehung der Erkrankung verbunden – bei vielen dieser Tausenden Erkrankungen hängt die Behandlung auch von der genetischen Diagnostik ab“, sagt Markus Hengstschläger, Leiter des Zentrums für Pathobiochemie und Genetik an der Medizinischen Universität Wien und einer der renommiertesten Genforscher Österreichs.

Von Tests aus dem Internet hält Hengstschläger nicht viel – es fehle dabei die so relevante genetische Beratung, die nach dem österreichischen Gentechnikgesetz bei bestimmten Tests auch vorgeschrieben ist.

Solche Gentests bringen oft keine wirklichen Vorteile und es besteht auch die Gefahr von Fehl- oder Überinterpretationen

Markus Hengstschläger
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Markus Hengstschläger

 © Heinz Stephan Tesarek

American Exceptionalism

Anders in den USA: Immer wieder kommen Menschen schwer erschüttert mit Ergebnissen retour, erzählt Neurologe Stefan Lorenzl, der sich intensiv mit Demenzpatienten beschäftigt. „Das wird als handfeste Diagnose angesehen, beispielsweise für Alzheimer, obwohl die genetische Prädisposition nicht mit dem Vorhandensein der Erkrankung gleichzusetzen ist. Das kann bis zum Suizid führen, wenn das nicht vernünftig begleitet wird“, so der Neurologe.

Gentests aus dem Internet beinhalten oft viele verschiedene Aussagen, wie dass man eher eine Abneigung gegen Koriander hat, mehr oder weniger zu einem bestimmten Typ an Ohrläppchen neigt oder aber ein um zwei Prozent höheres Risiko hat, eine multifaktorielle Erkrankung auszubilden als die Durchschnittsbevölkerung. „Oft bringen solche Tests keine wirklichen Vorteile und es besteht auch die Gefahr von Fehl- oder Überinterpretationen“, sagt Hengstschläger.

Die Hälfte meiner Klienten spricht von Konzentrationsschwierigkeiten, Wortfindungsstörungen und Hirnnebel

Richard Staudner
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Richard Staudner ist Performancecoach. Er ist überzeugt: Longevity beginnt im Kopf

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Das vernachlässigte Organ

Womit sich die westliche Medizin ebenfalls schwerzutun scheint, ist die Gesundheit des Gehirns. Neurologe Lorenzl verweist auf vernachlässigte Diagnostik neurologischer Alterserscheinungen, die nicht das klassische Pickerl von Alzheimer tragen. „Dem Gehirn und der Psyche hat man nicht so große Aufmerksamkeit gewidmet.“

Das Longevity-Mindset räumt der neurologischen und mentalen Gesundheit dagegen einen Platz auf dem Stockerl ein. Und das nicht erst im Pensionsalter, sagt Performancecoach Staudner: „Die Hälfte meiner Klienten spricht von Konzentrationsschwierigkeiten, Wortfindungsstörungen und Hirnnebel. Das muss ich differenziert betrachten von einem einfachen Eisenmangel.“

Staudner ärgert sich, dass etwa der Neurotransmitterhaushalt beim Hausarzt kaum Thema ist. „Das muss mir doch einleuchten, dass ich mir das ansehe, wenn ich ständig mit Menschen zu tun habe, die sich ihren Serotonin- und Dopaminhaushalt durch ihren stressigen Lebensalltag komplett zerschossen haben“, so Staudner.

Serotonin- und Dopaminmängel, aber auch andere Nährstoffdefizite sind unmittelbar an psychischen und neurologischen Erkrankungen wie Depression, Burnout oder auch Demenz beteiligt. Das gelte auch für die Schilddrüse, legt Staudner nach.

Have your best baby

Im Silicon Valley denkt man größer. Die enfants terribles der Tech-Industrie, allen voran Peter Thiel (Palantir), Jeff Bezos (Amazon), Sam Altman (OpenAI) und Mark Zuckerberg (Meta) sind die Speerspitze der Investoren in Biotech-Unternehmen, die an Zellverjüngung, Reprogrammierung von Zellen sowie der Entschlüsselung epigenetischer Einflussfaktoren auf das Altern arbeiten. Ausgeteilte Kapitalspritzen an entsprechende Start-ups gehen in die Milliarden. Longevity heißt für sie, technik-unterstützt fitter und stärker zu werden, um der Natur ein Schnippchen zu schlagen. Peter Thiel bezweifelt, dass der Mensch sterben muss.

Bryan Johnson zeigt in seinem „Blueprint Project“ medienwirksam, wie rigorose Lifestyle-Regimes die biologische Uhr flugs nach hinten drehen können. Sein Motto: Don’t die. Jährliche Kosten: zwei Millionen Dollar. Besonders wichtig: Brain Health und geistige Leistungsfähigkeit. Die wichtigste Währung im Silicon Valley waren immer schon IQ und gute Connections, nicht umsonst befinden sich die Hubs der Innovatoren im sogenannten „Cerebal Valley“, dem Tal der smartesten Gehirne.

Damit man nicht erst geboren werden muss, um sich in die Riege der Top-Performer einzureihen, behaupteten Unternehmen wie Heliospect Genomics, mit Gentests die Intelligenz von mittels künstlicher Befruchtung gezeugter Embryonen feststellen zu können. Werdenden Eltern war das bis zu 50.000 Dollar wert. Nucleus Genomics schließlich lässt Eltern unter dem Slogan „Have your best baby“ Embryonen in ein Ranking überführen. Die kleine Lea auf Nummer eins, Mark auf der zwei, Shelly hat es leider nicht ins Ranking geschafft. Alle Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Aber nicht alle können sich das „beste Kind“ leisten.

Reality Check

Durch Errungenschaften wie die als Genschere bekannte Technologie CRISPR-Cas9 wurden Veränderungen am Genom einfacher und präziser möglich als je zuvor. Davon (und von anderen Therapieformen) profitieren Menschen mit bestimmten monogenen Erkrankungen. Bei der sogenannten somatischen Gentherapie werden Erkrankungen direkt im Gewebe oder betroffenen Organ behandelt.

Kann man über Gentests an Embryonen nun voraussagen, wie intelligent ein Mensch wird?

„Intelligenz ist das Produkt der Wechselwirkung vieler Gene und vieler verschiedener Umweltfaktoren. Daher ist es auch nicht möglich, über genetische Untersuchungen darüber eindeutige Rückschlüsse zu ziehen“, erklärt Genforscher Hengstschläger. Anbieter solcher Tests informieren ihre Klienten nicht ausreichend über diesen Umstand.

Der IQ als gängigstes Maß für intellektuelle Leistungsfähigkeit korreliert nachweislich mit der Zeit, die mit Bildung zugebracht wird. Die wenigen IQ-Punkte, die angeblich durch Selektion von Embryos erreicht werden sollen, sind teilweise mit wenigen Monaten in Bildungseinrichtungen gleichzusetzen.

Aus guten Gründen

Könnten Eingriffe ins Genom des Embryos Verbesserungen genetisch determinierter Eigenschaften erzielen? „Das wäre die sogenannte Keimbahntherapie und die ist verboten. In Österreich genauso wie in den USA“, winkt Genforscher Hengstschläger entschieden ab. Aus guten Gründen: Was mit der Keimbahntherapie am embryonalen Genom verändert wird, wird auch an dessen Nachfahren vererbt.

Hengstschläger, der auch Mitglied der österreichischen Bioethikkommission ist, führt zusätzlich Off-Target-Effekte ins Treffen – durch CRISPR/Cas9 können ungewollt auch andere Abschnitte in der DNA verändert werden, was zu unerwünschten Nebenwirkungen führen kann. Da Gene oft mehr als nur ein Merkmal beeinflussen, ihre Wechselwirkung mit der Umwelt oft noch wenig verstanden ist und viele Merkmale von mehreren Genen beeinflusst werden, sind die Folgen von genetischen Eingriffen in die Keimbahn außerdem schwer abzuschätzen.

Wie ist das nun mit der Unsterblichkeit? Wann müssen nicht mehr die Normalos, sondern Bestatter ums Überleben kämpfen und was lässt uns wirklich gesund altern?

Ein letzter Exkurs in die (Epi-)Genetik: Wir sterben mit denselben Genen, mit denen wir geboren werden. Welche davon aktiv sind oder nicht und wie das unsere Gesundheit beeinflusst, wird auch von der Epigenetik beeinflusst. Sind unsere Gene die immer gleiche Schallplatte, entscheidet der Plattenspieler der Epigenetik, welche Tracks gespielt werden. Zu epigenetischen Einflussfaktoren zählen Klassiker wie Bewegung (wichtig: nicht nur Ausdauer- sondern auch Kraftsport), Ernährung, Rauchen, Alkohol, mentale und soziale Aktivitäten, Schlaf, Stress oder Umweltbelastungen.

„Wir sehen immer wieder Patienten, die eindeutig biochemische Veränderungen der Alzheimererkrankung aufweisen. Aber sie sind ihr Leben lang aktiv, ernähren sich gesund – und haben dadurch keine oder nur geringe feststellbare Symptome“, erklärt Neurologe Lorenzl das Zusammenspiel von Genetik und Lifestyle.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 05/2026 erschienen.

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