Die Zukunft unserer musealen Identitätsstifter

Vor einer Woche von News gemeldet, nun knapp vor Redaktionsschluss offiziell: Ralph Gleis folgt Klaus Albrecht Schröder in die Albertina. Auch über das Kunsthistorische Museum wurde entschieden.

von Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

So kontraproduktiv hat sich die Doppelnummer, mit der ich Sie 14 Tage allein lassen musste, gar nicht ausgewirkt. So konnte ich Ihnen schon am vergangenen Mittwoch digital und ohne die Bedrängnisse des Redaktionsschlusses anvertrauen, was nun eine Woche später (eine halbe Stunde vor meinem Redaktionsschluss) regierungsseitig verlautbart wurde: dass nämlich der kluge und umgängliche Westfale Ralph Gleis Anfang 2025 dem schwer wegdenkbaren Klaus Albrecht Schröder ins minimalistisch-imperiale Chefbüro der Albertina folgen wird. Der Direktor der Alten Nationalgalerie in Berlin kann auf lang gelebte Österreich-Praxis verweisen: Er war, überwiegend unter der sich glückhaft darstellenden Direktion Wolfgang Kos’, acht Jahre Kurator im Wien-Museum. Das Schröder’sche Blockbuster-Gen ist ihm von der himmlischen Verleihstelle nicht vorenthalten worden: Soeben hat er in seinem Berliner Imperium mit Getöse die aus Wien entlehnte goldene Klimt-„Judith“ präsentiert.

Beinahe, so ist zu hören, wäre es die in Bern amtierende Kunsthistorikerin Nina Zimmer geworden. Doch da waren die mittlerweile identitätsmitbestimmenden Leihgeber vor, die Schröder mit dem ihm eigenen Vernetzungsgenie an sein Haus gebunden hat. Unter den neuen Umständen wird sich nun keiner von ihnen zurückziehen. Gleis, über den man vom Demnächst-Vorgänger Schröder nur Gutes erfährt, denkt auch nicht daran, das Leuchtturmprojekt Albertina Modern im Künstlerhaus unfreundlich evaluieren – und damit den Mäzen Hans Peter Haselsteiner verärgern – zu wollen. Und den marketingtechnisch nicht zu unterschätzenden Vierziger erwischt Gleis außerdem noch um einen Monat: Er wird erst am 9. August 50.

Schröder wird indes vermutlich mit März 2024 einen letzten Pflock in die österreichische Landschaft einschlagen: Sieben Monate lang, zwischen März und Oktober, werden im stillgelegten Klosterneuburger Essl-Museum (dessen Bestände ihrerseits in die Albertina Modern gewandert sind) neue Riesenformate aus dem Besitz der Albertina gezeigt. Schröder verweist auf Baselitz-, Lassnig- und Nitsch-Konvolute, die auf Grund ihrer Dimension im Hauptgebäude nicht präsentabel wären.

Wird das Wetter im Herbst ausflugsunfreundlich, schließt auch die Albertina 3 in Klosterneuburg (ein vom Schweizerhaus im Prater mit durchschlagendem Erfolg erprobtes Modell). Ob sie im März 2025 von Direktor Gleis wiedereröffnet wird, weiß derzeit keiner der Beteiligten. Dass er selbst dort oder anderswo, in welcher Funktion auch immer, ein Museum übernehmen werde, schließt Schröder aus.

Auch dass ich Ihnen keine Blitzdiagnosen zum neuen Direktor des Kunsthistorischen Museums stellen musste, war kein Nachteil. Der amerikanische Kunsthistoriker Jonathan David MacLachlan Fine ist ein kompetenter, vernünftiger Mann (und dass sich Staatssekretärin Mayer für beide Personalien nicht unter Quotendruck setzen ließ, ist ihr anzurechnen). Er ist quasi eine Hausbesetzung, denn das von ihm geleitete Weltmuseum gehört zum Portfolio. Die Korrektheitsgründe, aus denen es nicht mehr Völkerkundemuseum heißen darf, erschließen sich indes nicht (möglicherweise ist der Name dem Sachslehner’schen Marxismus-Check zum Opfer gefallen, wo doch die „Internationale“ in den Refrain „Völker hört die Signale“ mündet).

Gestatten Sie mir an dieser Stelle dennoch den Hauch einer Beunruhigung? Dass Mr. Fine Menschenrechtsanwalt in New York war: großartig! Dass die Personale des Maori-Künstlers George Nuku im Weltmuseum sein persönlicher Coup ist: Chapeau! Dass er die Federkrone des Moctezuma nun nicht mehr an Mexiko restituieren wird können: tragisch. Er muss nur wissen, dass all das mit seiner neuen Funktion nichts zu tun hat: Die Ägypten- und die Römersammlung sind im Kunsthistorischen am exakt richtigen Platz, und sollten die Niederlande überraschend Begehrlichkeit nach den Breughel-Beständen verspüren, ist beherzter Widerstand zu leisten.

Ich merke das auch deshalb an, weil die tadellose Direktorin Sabine Haag zuletzt mangelnder Innovation und Öffnungsbereitschaft bezichtigt wurde. Dabei empfand ich ihre Amtszeit gerade konträr: Die großartigen Akte von Georg Baselitz im Dialog mit den alten Meistern zu setzen, war so kreativ und innovativ, wie man es einem Museum voller Pretiosen der europäischen Kunstgeschichte nur wünschen kann. Und das ungeachtet geäußerter Bedenken, dass die beteiligten alten, weißen Männer seit Rubens und Cranach an einem Diversitätsproblem laborieren. Der Maori-Künstler George Nuku in allen Ehren.

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