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Dominic Thiem: Die
Eltern der Erfolgsgeschichte

Karin und Wolfgang Thiem haben für ihren Sohn kein Risiko gescheut

Menschen - Dominic Thiem: Die
Eltern der Erfolgsgeschichte © Bild: Gepa Pictures

Karin und Wolfgang Thiem haben kein Risiko gescheut, um ihren Sohn Dominic an die Tennis-Weltspitze heranzuführen. Doch in ihre Freude über seine rasante Entwicklung zum Nationalhelden mischen sich auch Sorgen

Mit seinen Turniersiegen in Buenos Aires, Acapulco und Nizza sowie dem Halbfinaleinzug bei den French Open überraschte Dominic Thiem die gesamte Sportnation. Im Frühjahr 1993 überraschte er nur seine Eltern, die dafür umso mehr: "Als wir erfuhren, dass wir ein Kind bekommen, sind wir zunächst aus allen Wolken gefallen", sagt Karin Thiem, und ihr Mann Wolfgang nickt beipflichtend.

Damals waren die beiden erst Anfang 20, sie Ökologiestudentin im ersten Abschnitt, er Grundwehrdiener kurz vor der Abrüstung und beide weitgehend mittellos. Also mussten dringend Einnahmen her für diese eigentlich noch recht lose Verbindung, die nun zur Familie wuchs. Auch wenn da nicht viel war, was Wolfgang Thiem in dieser Zeit wirklich beherrschte. Außer vielleicht - Tennis.

Die Ausbildung zum Tennislehrwart war rasch absolviert, es folgte der Feinschliff zum Tennislehrer. Auch Karin, ebenfalls eine passionierte Tennisspielerin, stand bereits wenige Monate nach Dominics Geburt als weiß gewandete Ausbildnerin auf dem Court. Bald hatten die Thiems vier Klubs im Großraum Wiener Neustadt als Arbeitgeber, die jungen Eltern erteilten im Akkord Unterricht, brachten es auf bis zu 60 Wochenstunden.

© Gepa Pictures Wolfgang und Karin Thiem

"Der Dominic war von Anfang an dabei, als Baby saß er im Ballwagerl und hat eine Filzkugel nach der anderen rausgeworfen", erinnert sich Karin Thiem. Im Alter von vier Jahren schnappte sich der Kleine dann erstmals selbst ein Racket, ließ das Sandkistenschauferl für immer fallen und umklammerte mit linker und rechter Hand gleichzeitig den leicht gepolsterten Schlägergriff. Erst mit zwölf, vergleichsweise spät für einen angehenden Profi, lernte er, die Rückhand einhändig zu spielen. Die Milieuprägung funktionierte dennoch. Und wie!

Ein Sportschuh namens Thiem

Adidas benennt ein eigenes Schuhmodell nach dem Youngster, sein Rackethersteller Babolat entwickelt einen speziellen Schläger. Und selbst der Premier- League-Club Chelsea FC aus dem schnöseligen Londoner Westen hofiert seinen Fan aus dem südlichen Niederösterreich in Form eines Glückwunschpostings.

Kurzum, seit Jahresbeginn wurde aus dem nunmehr 22-jährigen, 182 Zentimeter langen, stets ein klein wenig schüchtern und verlegen wirkenden Burschen aus Lichtenwörth im niederösterreichischen Industrieviertel ein Sportheroe von der Bedeutung eines David Alaba oder Marcel Hirscher. Zumindest in den Augen jener, die das hierzulande endgültig beurteilen. "Riesen-Triumph: Thiem, Superstar!" titelte die "Krone".

Auch wenn der patriotisch gesinnte Teil der Öffentlichkeit seine Neuentdeckung nun sofort für sich reklamiert, auch wenn bei der improvisierten Pressekonferenz zu Thiems Rückkehr aus Acapulco sofort die Frage hochschwappt, ob unser Dominic denn nicht wichtige Turniere sausen lassen wolle, um zu Ehren der Heimat den sportlich eher unbedeutenden Tennisbewerb bei den Olympischen Sommerspielen zu absolvieren - Thiem bestreitet mit scheuem Lächeln und leichtem Jetlag Satz für Satz. Und beteuert, wie gerne er grundsätzlich für Österreich Davis Cup spiele. Wie etwa vor einigen Wochen, als er in Guimarães erfolgreich gegen Portugal im Einsatz war. Disziplinierte Höflichkeit als Return gegen überbordendes Wir-Gefühl.

© Gepa Pictures

Doch was, fragt sich Vater Wolfgang Thiem halblaut, wenn Dominic im Sommer statt des Davis Cups das für sein persönliches Ranking so wichtige ATP-Turnier in Hamburg bestreitet? Wird er dann vom Superhelden zum Vaterlandsverräter?

Wer die Sorgen der Eltern verstehen möchte, der muss ein Jahrzehnt zurückblicken, in die Zeit, als ihr Sohn mit dem intensiven Wettkampftraining begann. "Die vergangenen Jahre haben mich doch ein wenig verbittert", sagt Karin Thiem. Und: "Wenn du den Weg gehen willst, zu dem Dominic und wir uns entschlossen haben, darfst du nicht nach links oder rechts schauen, sonst wirst du wahnsinnig."

Ein kleiner Skifahrer, der Talent besitzt, kann sich durch die Jugendkader des ÖSV kontinuierlich nach oben wedeln; ein leidlich begabter Kickerknirps findet stets in Nachwuchsakademien Unterschlupf; doch das Familienunternehmen Thiem mit seinem adoleszenten Hauptakteur, das gewann nicht dank, sondern trotz des Österreichischen Tennisverbandes (ÖTV) kontinuierlich an Flughöhe. Davon sind zumindest Karin und Wolfgang Thiem überzeugt.

In der vergangenen Saison hat ihr Sohn, wie das Fachportal tennisnet.com berechnete, mehr als eine Million Dollar erspielt, allein der jüngste Turniersieg in Acapulco spülte vor Steuern weitere 320.000 Euro in die Kasse. Doch während jener kargen Jahre, in denen sich Dominic im Rahmen unzähliger Future-und Challenger-Turniere dem ganz großen Tenniszirkus annäherte, habe man, wie es Wolfgang Thiem formuliert, "den Fugenkitt aus den Fenstern gefressen" und vom Verband "keinerlei Unterstützung erhalten".

Match der gekränkten Eitelkeiten

Kleinkrämerische Funktionäre, die Startrainer Günter Bresnik vor dem Hintergrund langjähriger Animositäten und gekränkter Eitelkeiten nicht als Dominic Thiems Coach akzeptieren wollten, hätten in den entscheidenden Phasen ganz gezielt Förderungen zurückgehalten. Die damaligen Verantwortlichen sind längst Geschichte, die Wunden aber noch nicht vernarbt.

Zwischen 60.000 und 100.000 Euro habe Dominics Weg an die Weltspitze pro Saison gekostet. Karins Mutter, Dominics Großmutter also, verkaufte eigens ihre Wohnung im ersten Bezirk in Wien, eine Immobilie, die sie selbst von ihrer Mutter geerbt hatte - nur, um zwei Lehrjahre ihres Enkels zu finanzieren. "Es gab keine Wochenendausflüge, kaum Freizeit, keine Urlaube, wir haben uns eingeschränkt, wo es nur ging", erinnert sich Karin Thiem. Viele Freunde und Bekannte hätten sich aus Unverständnis abgewandt.

Gerade in jener Zeit, als sich die Eltern entschlossen, ihren 16-jährigen Sohn aus dem Gymnasium für Hochleistungssportler zu nehmen, weil selbst die Zeichenlehrerin die turnierbedingten Fehlstunden mit einem Fünfer quittieren wollte, standen die Thiems ziemlich alleine da. Ganz zu schweigen von jener Phase, in der Dominic ein rätselhaftes Bakterium zu bekämpfen hatte und einen Monat lang völlig geschwächt im Spital lag. "Doch innerhalb der Familie herrschte stets dieses Urvertrauen", sagt Wolfgang Thiem. "Die Frage, ob unser Weg vielleicht falsch ist, stellten wir uns nie."

Kommentare

Wenn der Verband kein besonderes Interesse an der Entwicklung eines Sportlers zeigt, hat er auch keinen Einfluss auf seine Entscheidungen zu haben. Spielt er Davis- Cup ok! wenn nicht seine persönliche Sache.

Ich kann nur eines immer wieder sagen und werde jeden Tag erneut bestätigt. Dieses Land hilft dir nicht weiter. Man kann sich nicht auf Österreich und auch nicht auf ein Unternehmen verlassen. Nur die Familie ist das was zählt. Österreich hat wohl genau NICHTS dazugesteuert um dieses Talent zu fördern. Ich finde es äußert richtig wie die Familie agiert. TOP!

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