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"Pervers sind nicht die Menschen"

Warum im Schlachthaus Moral und Ethik kaum eine Rolle spielen

  • Schlachthaus in Österreich
    Bild 1 von 10 © Bild: Rudi Froese

    Impressionen aus dem Schlachthof

  • Schlachthaus in Österreich
    Bild 2 von 10 © Bild: Rudi Froese

    Impressionen aus dem Schlachthof

Der Schlachthausskandal zeigte Ende 2015 nicht nur auf, auf welche Weise in Österreich Schweine, Rinder, Hühner und andere sogenannte Nutztiere getötet werden, sondern er ließ auch in die Abgründe der menschlichen Seele blicken. In 20 Betrieben hatten Unbekannte heimlich Kameras installiert und die Videos der Tierschutzorganisation "Verein gegen Tierfabriken" (VGT) zugespielt. Zu sehen waren neben dem Schlachthausalltag auch Szenen, bei denen die Tiere nicht nur "unsachgemäß" behandelt, sondern regelrecht gequält wurden.

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Der Kulturwissenschaftler Lukasz Nieradzik untersuchte die Tierschlachtung unter anderem am Beispiel des Wiener Schlachthofs St. Marx im 19. und frühen 20. Jahrhundert und erklärt, warum sich im Sinne des Tierwohls nicht die Schlachthöfe und deren Mitarbeiter ändern müssen, sondern die Gesellschaft als Ganzes.

Schlachthausmitarbeiter gehen mitunter sehr brutal mit den Tieren um. Wie kommt das?
Ich bin kein Psychologe und plädiere dafür, Pauschalisierungen kritisch zu betrachten. Aber natürlich stellt sich die Frage: Was treibt einen Menschen dazu, einem Schwein einen Elektroschocker ins Gesicht zu drücken? Hat er jegliches Mitgefühl verloren? Ich denke, dass vieles am Produktionssystem und den Arbeitsbedingungen liegt. Und es ist eine altbekannte These, dass die Unterdrückung von Tieren eng verflochten ist mit der Unterdrückung von Menschen. Karl Marx bezeichnete im 19. Jahrhundert Fabrikarbeiter als Schlachtopfer, die wie Schlachtvieh ins Schlachthaus ihrerseits in die Fabriken zogen. Für ihn war das Schlachthaus Synonym für katastrophale Arbeitsverhältnisse. Auch heutzutage ist der Schlachthof ein Ort, an dem niemand wirklich arbeiten möchte. Schlachthöfe gleichen immer mehr rechtsfreien Räumen, an denen Menschen arbeiten, die schlecht entlohnt werden, kaum eine soziale Absicherung genießen und in einer körperlich anstrengenden und emotional höchst belastenden Arbeit Tiere im Akkord töten.

Immer mehr Menschen essen bio, auch in der Hoffnung, dass Tiere artgerecht gehalten werden. Für die Schlachtung scheint sich aber kaum jemand zu interessieren. Woran liegt das?
Zum großen Teil an einer werbeinszenierten Verblendung. Die Werbung für tierische Lebensmittel vermittelt nicht selten ein naturromantisches Idyll, das mit dem Leben wirtschaftlich genutzter Tiere kaum etwas gemeinsam hat. Nicht dass viele Menschen so naiv wären zu glauben, Werbung spiegle die Wirklichkeit wider. Nichtsdestotrotz schaffen es die schönen Bilder, das eigene schlechte Gewissen ein Stück weit zu beruhigen. Hinzu kommt, dass die Schlachtung in den vergangenen 150 Jahren zunehmend unsichtbar geworden ist und seitdem im gesellschaftlichen Abseits passiert. Dort zählt nur noch rationales Wirtschaften. Fragen der Moral und Ethik spielen kaum eine Rolle.

Also ist den Konsumenten das Leid der Tiere doch nicht egal?
Natürlich wollen die meisten Menschen, dass Tiere nicht leiden und dass es ihnen gut geht. Pervers sind nicht die Menschen, die Tiere wie im Fall der österreichischen Schlachthofskandale misshandeln, pervers sind die Bedingungen, die ein solches Handeln begünstigen und verstärken. Insgesamt reden wir von einem System, in dem Tiere zu bloßen organischen Rohstoffen degradiert sind. Der gesellschaftliche Status eines sogenannten Nutztieres ist heutzutage mit Kategorien des Lebens gar nicht mehr fassbar.

Wozu gibt es dann eigentlich Tierschutzgesetze?
Wir sollten uns immer vor Augen halten, dass Tierschutzgesetze nicht zwangsläufig das einzelne Tier als schützenswertes Individuum adressieren, sondern, wie der Wiener Tierethiker Herwig Grimm schreibt, die Grenze des gesetzlich Erlaubten markieren – für ein wirtschaftliches System, das am Limit läuft. Recht und Gerechtigkeit sind zwei Paar Schuhe, und das Recht ist dazu da, eine bestehende Ordnung aufrechtzuerhalten. Tierschutzgesetze sind auch nicht unbedingt zum Schutze der Tiere entstanden.

Sondern?
Der heutige Tierschutzgedanke findet seine historische Begründung vor allem in einem aufklärerischen Motiv. So behauptete Immanuel Kant, dass Grausamkeit gegenüber Tieren die Hemmschwelle zur Grausamkeit gegenüber Menschen senke. Das war ein zentraler Punkt, warum 1846 in Österreich Tiermisshandlungen im öffentlichen Raum durch ein Hofkanzleidekret verboten wurden. Beispielsweise wurden damals in Wien die Rinderschlachtungen in zwei Schlachthäuser an der damaligen städtischen Peripherie ausgelagert. Denn es bestand eben jene Angst vor einer moralischen Verrohung, wohnte man allein Tierschlachtungen bei. Das betraf vor allem Frauen und Kinder. Ein weiterer Ansatz für den Tierschutz ist ein religiöser: Die Schöpfungsgeschichte entwirft die Vorstellung, wir alle seien Geschöpfe Gottes, und zieht damit eine Analogie zwischen tierischem und menschlichem Leid.

Glauben Sie, dass die Diskussionen, die der Schlachthausskandal angestoßen hat, Verbesserungen bewirken können?
Das hoffe ich. Aber wir sollten nicht eines aus dem Blick verlieren: Der eigentliche Skandal sind die Bedingungen, die skandalöse Handlungen ermöglichen. Ich denke, dass im Falle von Tierschlachtungen ethische Fragen und Forderungen gut, relevant und dringend erforderlich sind. Nur zielen sie nicht auf das eigentliche Problem. Denn das betrifft die ökonomischen Strukturen dieser Gesellschaft, die eine trügerische Aura des Unveränderlichen umgibt. Gerade wenn es um die Nutzung von Tieren geht, heißt es oft: So ist halt die Natur der Dinge, und gegen die Natur kann man nichts machen. Aber wir müssen uns insgesamt viel mehr ins Bewusstsein bringen, dass die ganze Welt so geworden ist, wie sie ist, die meisten Selbstverständlichkeiten sind das Produkt eines langen gesellschaftlichen Prozesses. Erst wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir wirklich etwas verändern.

Video: News-Schlachthofreport vom November 2015

© Video: News.at

Kommentare

Vor dem EU Beitritt hatten wir schon recht gute Tierschutzgesetze. Z. B. durften Schlachttiere nur bis zum nächst gelegenen Schlachthof transportiert werden und nicht weiter. Jetzt werden diese bedauernswerten Tiere durch halb Europa gekarrt. Eine menschliche Schande!

Schuld an diesem Dilemma ist die EU, da sie wirtschaftliche Abhängigkeit schafft. Frei Marktwirtschaft ist schon ok, aber mittlerweile ist diese schon auf 3 große Konzerne geschrumpft. Das ganze ohne Absprachen, versteht sich doch schon von selbst!

Solange es Schlachthäuser, Tierfabriken und Gatterjagden gibt, sind wir Menschen nicht die Spitze der Evolution, sondern ein stinkender Kackhaufen.

Seit 1945 bestimmen Rot und Schwarz unsere Gesetzgebung. Es ist NICHT die FPÖ die solche skandalöse Zustände gesetzlich erlauben!!!
Das kleine Österreich hat gleich 10 verschiedene Gesetzgeber (im Bund und Ländern) die ALLE von Rot oder Schwarz geleitet werden.
Wer etwas änder will, muss nur so wählen damit sich etwas ändert.

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