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Wenn die Super-Sanis ausrücken

Sie sind die besten und erfahrensten Sanitäter: die Super-Sanis der Wiener Berufsrettung

Wiener Rettung © Bild: Matt Observe

Der letzte Noteinsatz liegt ein paar Stunden zurück. Alexander Schussmann wurde im Nachtdienst nach Liesing an den Stadtrand gerufen, zu einem 92-jährigen Patienten, der reanimiert werden musste. Rettungswagen, Notarzt, Polizei waren schon dort, da stieß der "Fisu" (Field Supervisor) dazu, einer der zwölf "Super-Sanitäter" der Wiener Berufsrettung. Da schreit man nicht rein oder macht sich wichtig, sondern verschafft sich einen Überblick über den laufenden Einsatz, die Patientengeschichte - und die Angehörigen. Wenn alles richtig abläuft, kann sich der "Super-Sani" um diejenigen kümmern, die hilflos und geschockt zuschauen. In diesem Fall war es die Ehefrau des Patienten.

Als alles vorbei war und das Einsatzteam wieder abzog, kehrte Stille ein. Es war nicht gelungen, den Patienten zu retten, ihren Lebenspartner über Jahrzehnte. Da war Alexander Schussmanns wichtigste Arbeit, bei ihr zu bleiben und mit ihr zu reden: "Das ist eine wichtige Aufgabe, die dazu gehört." Wäre er nicht da gewesen und hätte geduldig zugehört, was sie aus ihrem Leben erzählte, bis weit zurück, als sie ihren Mann kennengelernt hatte: Die Frau wäre, bis zur Totenbeschau, allein mit dem Toten zu Hause gesessen.

Beobachten, eingreifen

Läuft beim Einsatz nicht alles ganz ideal ab, dann greifen die Fisus behutsam korrigierend ein. Sie haben langjährige Erfahrung, die höchste Ausbildungsstufe und erkennen Dinge, die anderen entgehen könnten. Henrik Maszar ist der Leiter des Fisu-Teams und lehrt wie seine Fisu-Kollegen an der Rettungsakademie. Er sagt: "Wenn du zu einem Einsatz kommst, wo ein Patient vom Auto zusammengeführt worden ist, arbeiten die Kollegen am Patienten. Aber du hast den Überblick und siehst zum Beispiel, dass die Windschutzscheibe vom Auto kaputt ist und der Patient 30 Meter durch die Luft geflogen ist. Das ist eine wichtige Information über die Verletzungen des Patienten."

Wiener Rettung
© Matt Observe

Die Wiener Berufsretter hatten das Field-Supervisor-System bei einer gemeinsamen Studie mit Med-Uni und Kollegen aus den USA kennengelernt. Dort ist es Standard. Nach einer Testphase arbeitet die Berufsrettung seit dem Jahr 2012 damit. Im ersten Jahr hatten die Super-Sanis 300 Einsätze jährlich, inzwischen sind es rund 3.000. In London gibt es Ähnliches, sonst nicht in Europa, und auch in Österreich ist Henrik Maszars Truppe einzigartig.

Die zwölf Mann (noch sind keine Frauen im Team) haben drei Fahrzeuge, in der Zentrale im 3. Bezirk, im 17. und im 22. Bezirk. Sie führen schweres Spezialequipment mit, unter anderem den Einsatzrucksack samt CO-Warngerät, Sauerstoff, Intubationsgeräte und ein Videolaryngoskop, mit dem in eine nicht gut einsehbare Luftröhre geschaut werden kann, einen Defibrillator und "Lucas", ein Thoraxkompressionsgerät. Es spielt zwei Hände des Rettungsteams für anderen Tätigkeiten frei und reanimiert immer weiter, auch wenn der Patient bereits transportiert wird. Ohne das Gerät muss sich ein Sanitäter zusätzlich auf die Trage setzen und manuell weiterarbeiten. Dieser Unterschied kann vor allem bei engen Platzverhältnissen oder schwieriger Bergung lebensrettend sein.

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In der Leitstelle der Rettung wird, wie international üblich, mit einem standardisierten Abfrageschema gearbeitet. Je nach Art des Notfalls ergibt sich ein Einsatzcode - von Alpha, niedrig priorisiert, bis Echo, bei einem lebensbedrohlichen Zustand. Je nach Einsatzcode und Zusatzinformationen werden die Teams in unterschiedlicher Zusammensetzung und Anzahl zum Einsatz geschickt: Rettungstransportwagen, Notarzt-Einsatzfahrzeug mit Notarzt/Notärztin und NotfallsanitäterIn, ein Wagen des Fisu-Teams, Rettungshubschrauber oder der Katastrophenzug. Zwischen Notruf -1.000 Mal pro Tag -und Einsatz vergehen in Wien im Durchschnitt acht bis zwölf Minuten. Insgesamt sind 700 Sanitäterinnen und Sanitäter der Berufsrettung in 12,5-Stunden-Schichten rund um die Uhr im Einsatz. Sie sind in zwölf Rettungstationen über die Stadt verteilt, um Einsätze im ganzen Stadtgebiet schnell absolvieren zu können.

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Der schwerste Ernstfall

Zu hoch priorisierten Einsätzen, wo es um Atem-oder Kreislaufstillstand, brennende Personen oder schwer Verletzte nach Arbeits-oder Verkehrsunfällen geht, wird auch ein Fisu hingeschickt. Der greift ein, wo es notwendig ist. Für das Fisu-Team sind die schweren Einsätze Alltag, während andere Sanitäter solche Einsätze alle paar Monate einmal erleben. Diese Erfahrung gibt den Fisus auch bei dramatischen Einsätzen die notwendige Ruhe.

Ihre wichtigste Aufgabe ist die Qualitätssicherung, die Nachbesprechung im Team. Die Einsätze werden genau dokumentiert um zu sehen, wo man nachjustieren muss. Anfangs waren die Kollegen eher argwöhnisch. Nicht jeder lässt sich gern auf die Finger schauen. Henrik Maszar sagt: "Inzwischen fragen sie nach uns, wenn wir einmal nicht dabei sind." Sein Kollege Bernhard Saxinger sagt: "Es soll ja ein Benefit herauskommen. Wir haben langjährige Diensterfahrung, fliegen fast alle auch im Hubschrauber, wir sehen aus der Distanz Dinge, die andere nicht sehen." Ihre Beobachtungen, die Daten und Rückschlüsse fließen in Aus-und Fortbildungen bei der Berufsrettung ein.

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Alle Erfahrung aber schützt nicht davor, von Schicksalen berührt zu werden. Das drei Tage alte Kind, das reanimiert werden musste, ist Saxinger gut in Erinnerung geblieben. Er hatte beim Einsatz geholfen, hatte das Intensivbett im Krankenhaus organisiert und den Eltern beigestanden: "Es war ein langer Ritt in den Morgenstunden." Als er erfuhr, dass das Kind schadenfrei überlebt hatte, war er sehr froh. Auch wenn die Rettungsleute professionelle Distanz brauchen: "Wenn man da völlig emotionslos wäre, ist man falsch im Job", sagt Maszar. Für ihn sei es schwerer, den Angehörigen eine schwere Nachricht zu überbringen, als einen Patienten in seinem Blut zu sehen.

Was sich einbrennt

Und es gibt Einsätze, "die sich ins Hirn einbrennen", sagt Schussmann. Wie der etwa elfjährige Bub, der von der Schule heimkam und den leblosen Vater fand. Da war keine Hilfe möglich, der Mann war seit Stunden tot. Die Mutter des Kindes lebt nicht mehr, die Schwester war noch in der Schule. "Muss ich jetzt auf der Straße schlafen? Ich hab ja niemand mehr", fragte er Fisu-Chef Henrik Maszar, der bei ihm blieb, als der Rest des Teams schon abgezogen war.

Nach so einem Einsatz geht für den Rest des Tages nichts mehr. Saxinger sagt: "Darüber muss man reden, damit wir keinen Knopf im Hirn bekommen."

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Die Super-Sanis geben ihre Erfahrungen im Unterricht an der Rettungsakademie weiter. Rainer Gottwald, der Leiter der Berufsrettung, ist vom Fisu-System überzeugt: "Die Berufsrettung Wien hat die größte Anzahl an NotfallsanitäterInnen mit Spezialkompetenzen in ganz Österreich. Damit wir die notfallmedizinische Betreuung auf höchstem Niveau sicherstellen können, sind das Field Supervising und die Erkenntnisse für die Fortbildung unser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besonders wertvoll."

Alexander Schussmann hat seine Lehre aus der extremen Arbeit gezogen: "Ich bin in meinem Leben sehr viel dankbarer und zufriedener geworden und denk mir manchmal: Was regst dich auf?" Fisu-Chef Maszar sagt: "Der Job prägt. Man sieht Dinge nicht so eng, wo sich andere über Kleinigkeiten aufregen." Sie sehen täglich, was zählt.