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"Feminist war ich keiner"

Joesi Prokopetz spricht mit News über sein bewegtes Leben

Joesi Prokopetz © Bild: Sebastian Reich

Sie werden es vielleicht nicht wissen, aber einige Ihrer liebsten Austropop-Songs hat Joesi Prokopetz geschrieben. Der frühere Ambros-Texter ist heute Kabarettist, wieder mit dem "Watzmann" auf Tour - und zum vierten Mal verheiratet

Auch nach mehr als 40 Jahren füllt das Rustical "Der Watzmann ruft", das Sie mit Wolfgang Ambros und Manfred Tauchen in den 70ern geschrieben haben, noch die Hallen. Ist das jetzt wirklich die letzte Tournee, Herr Prokopetz?
Ja! Der Wolfgang will nicht mehr, und ich auch nicht.

Was macht den "Watzmann" so erfolgreich?
Ich weiß es nicht. Die Gefahr ist mittlerweile aber, dass er seinen satirischen Charakter verliert. Weil auf der Volksgetümelseite haben die auf der Bühne mehr oder weniger dasselbe an wie wir. Und im Publikum zucken dort Zehntausende aus, wenn einer über "Äugerln" oder "Rehlein" singt. In den 70er-Jahren hätten sie so einen von der Bühne gejagt!

Sie fürchten, dass der "Watzmann" missverstanden wird?
Ich habe ein bisschen den Verdacht, dass da 20 Prozent aus der Vorstellung kommen und sagen: "Das hab ich mir aber anders vorgestellt." Man muss sich abgrenzen. Deswegen habe ich auch darauf bestanden, dass wir an einer bestimmten Stelle "Heimat großer Töchter Söhne" sagen, ganz gezielt. Also, wir zeigen da schon Flagge, wenn man so will.

Ursprünglich war der "Watzmann" nur eine Radioblödelei.
Ja, der ist aus einer Schnapsidee entstanden. Am Anfang hat das zehn Minuten gedauert, es gab nur ein Lied und zwei Szenen. Der Alfred Treiber von Ö1 wollte unbedingt ein Hörspiel daraus machen. Dafür war es aber zu kurz, also haben wir es auf 15 Minuten erweitert. Dann kam die Plattenfirma, und so ist es immer größer geworden.

Wie muss man sich den jungen Joesi Prokopetz vorstellen? Als Kette rauchenden Bohemien, der dauernd im Café Hawelka herumhängt und nur in Versen spricht?
Bohemien weiß ich nicht, aber viel geraucht habe ich natürlich schon, mit Zigarettenspitz. Und es stimmt, in Versen habe ich eine Zeitlang gesprochen. Ich stand in einem langen Mantel vor dem Hawelka, und wenn die Glocke von der Evangelischen Kirche geschlagen hat, sagte ich: "Jede Stund' tut's die Uhr dem Menschen kund."

Wollten Sie damals Dichter oder Musiker werden?
Natürlich musste man damals Gitarre spielen können, sonnst durfte man am Skikurs nicht einmal vorbeigehen am Mädchenzimmer. Ich hab' auch in einer Band gespielt, bin aber draufgekommen, dass ich das nicht wirklich kann. Also habe ich mich dem Schreiben verschrieben, und das hat geklappt.

Wer waren denn Ihre literarischen Helden?
Der Qualtinger, den "Herrn Karl" habe ich auswendig können. Wilhelm Busch habe ich auch sehr gern gelesen. Und "Micky Maus" in der Übersetzung von Erika Fuchs. Wenn der Donald sagt: "Mir kreißt der Hut!", fand ich das genial. Oder Gerhard Rühm, H.C. Artmann, solche Sachen. So bin ich auf den Dialekt gekommen. Am Anfang hat das ja nicht Austropop geheißen, sondern Dialektwelle. Ich habe da unbewusst Pionierarbeit geleistet.

Ohne Ihnen nahetreten zu wollen: Es ist fraglich, ob der "Hofa" oder die "Wintasun" so erfolgreich gewesen wären, wenn Sie sie gesungen hätten und nicht der Ambros.
Da gebe ich Ihnen hundertprozentig recht! Ohne die Interpretation vom Wolfgang wäre das nix geworden. Auf der anderen Seite wäre aus dem Ambros nix geworden, wenn er seine englischen Hervorbringungen gesungen hätte.

Das Los des Liedautors ist, dass er im Schatten des Sängers steht. Schmerzt das in der Künstlerseele?
Nein, damit hatte ich nie ein großes Problem. Und ich muss sagen: Für einen Textdichter bin ich eh halbwegs berühmt.

»Beim Wolfgang gibt es einen Punkt, wo ich weiß: Jetzt ist es sinnlos, weiter zu reden«

Ambros gilt als Mann, mit dem nicht immer gut Kirschen essen ist. Sie waren als einer der wenigen nie mit ihm zerstritten. Wie machen Sie das?
Wir sind wirklich Lebensfreunde, aber es gibt einen Punkt bei ihm, wo ich weiß: Jetzt ist es sinnlos, weiter zu reden, und dann höre ich einfach auf. Ich habe mich auch zweimal geirrt, als er mich um Rat gefragt hat. Einmal bei dem Lied "Gezeichnet fürs Leben", das heute ja eine Austropop-Hymne ist. Er hat mir den Text vorgelesen, und ich habe gesagt: "Na ja, Freud für Arme." Da war er bös. Und dann habe ich einmal gesagt: "Wie kannst du schreiben:,Das Selbstbewusstsein ist ein Hund'?" Zu "Schifoan" hab' ich nichts gesagt - da hätte ich mich auch geirrt.

Mit Manfred Tauchen haben Sie Jahre nach dem "Watzmann" DÖF gemacht. Mit dem sind Sie nicht mehr gut, oder?
Nein, wir sind charakterlich inkompatibel.

Dank DÖF sind Sie dann aber doch noch Popstar geworden.
Ja, aber das war ein Irrtum. "Codo" war eine Parodie auf "Fred vom Jupiter", "Major Tom" und diese ganzen Weltraumlieder. Aber die Leute haben es gekauft! Und ich gebe zu: Ich habe sie nicht davon abgehalten. Ich war jung und brauchte das Geld.

Ein Missverständnis?
Gewissermaßen. Wobei das Lied, das geblieben ist, nicht "Codo", sondern "Taxi" ist. Das ist heute weitaus bekannter.

Stimmt es, dass Sie großer Thomas-Bernhard-Fan sind?
Ich verehre Thomas Bernhard hündisch.

Was schätzen Sie an ihm?
Unter anderem seinen versteckten Humor. Wenn er in "Auslöschung" die eine Figur, die er gar nicht mag, nie beim Namen nennt, sondern immer nur "der Weinstöpselfabrikant" schreibt, finde ich das zum Beispiel wahnsinnig lustig. Ich versuche auch, mir von Bernhard etwas abzuschauen. Zum Beispiel kann ich nicht mehr "natürlich" schreiben. Ich muss "naturgemäß" schreiben.

Haben Sie selbst nie vom großen Roman geträumt?
Nein, das kann ich gar nicht. Ich bin ein Kurzgeschichten-und Gstanzlschreiber.

Sie sind nicht einmal daran gescheitert?
Nicht einmal das. Obwohl: Als junger Bursch habe ich einmal einen Roman geschrieben, der hieß "Zwischenbericht" - allerdings mit dem Untertitel "Noch kein Roman". Mit dem bin ich beim Zsolnay-Verlag hochkantig rausgeflogen. Dann habe ich damit aufgehört.

Ihre offizielle Berufsbezeichnung lautet "Autor mit eigenem Vortrag". Ist Ihnen der Vortrag wichtig, oder wären Sie lieber nur Autor?
Nein, ich höre mich ja gern reden. Und nur von satirischen Büchern kann man in Österreich ja nicht leben. Wenn ich 2000 Stück verkaufe, bin ich schon glücklich.

In Ihrem Buch "Hose runter!" schildern Sie den Alltag des Kabarettisten. Das klingt eigentlich nicht nicht so, als ob das ein großer Spaß wäre.
Man muss schon über manche Sachen hinwegsehen. An manchen Spielorten ist die Garderobe wirklich das letzte Häusl.

Wo ist es am schlimmsten?
Ich weiß nicht mehr, wo das war, aber da ist alles zusammen gekommen: Auf der Bühne war so ein grauer Bodenbelag mit einem Fleck, der so aussah, als hätten sich dort fünf Leute angespieben. Die Garderobe war gekachelt und so hell, dass man geglaubt hat, man wird jetzt gleich verhört oder operiert. Und am Klo gab es keine Türen!

In Ihrem neuen Buch "Vorletzte Worte" schreiben Sie, dass Sie im Alter immer mehr zum Misanthropen werden.
Man wird mürrischer und ungeduldiger. Andererseits duldet man aber auch still, man hört eher weg.

Sie verraten auch, dass Sie beim Schreiben Beruhigungsmittel brauchen.
Die Schwierigkeit beim Schreiben ist: Die Finger können nicht so schnell wie der Kopf tut. Ich habe da immer ein Zeitfenster von zwei, drei Stunden, in dem so ein Film in mir abläuft, den ich dann gewissermaßen abschreibe. Und dabei werde ich oft so narrisch, dass ich sage: Jetzt hau' ich mir ein halbes Tavor rein. Man ist dann entspannter und schreibt ein bissl langsamer.

Andere rauchen zu solchen Zwecken Cannabis.
Habe ich früher ja, damals war der Film dann auch noch intensiver. Aber ich vertrage die Raucherei nicht mehr.

Sie hatten in den Neunzigern eine Depression.
Das war die erste. Jetzt habe ich die zweite, bin aber medikamentös wirklich gut eingestellt. Die Dosis ist nur noch ein Sicherheitsgurt, wie mein Arzt sagt. Sodass es mich im Fall des Falles nicht gleich in die Windschutzscheibe haut.

»Manche kriegen eine Depression, wenn die ersten Blätter fallen. Die haben keine Ahnung, was das ist«

Es gab und gibt viele depressive Komiker, von Charlie Chaplin bis Robin Williams. Ist das eine Berufskrankheit?
Möglich. Mir kommt auch vor, dass die Depression oft romantisiert wird. Früher haben die Künstler alle Tuberkulose gehabt, heute ist die Depression als Salonkrankheit en vogue. Manche kriegen schon eine Depression, wenn im Herbst die ersten Blätter fallen. Da muss ich sagen: Die haben keine Ahnung, was das ist. Das ist ein Unterschied wie zwischen Kopfweh und einer Guillotinierung.

Wer das nicht gehabt hat, kann nicht darüber reden. Das ist ja auch Teil des Problems: Wer es nicht hat, kann es nicht nachvollziehen.
Meiner Meinung nach hat sich aber wenigstens bei den Ärzten das Bewusstsein dafür stark entwickelt. Wenn das mein Hausarzt damals nicht erkannt hätte, wüsste ich es bis heute nicht. Und baumelte vielleicht schon an irgendeinem Ast.

Auftreten war nie ein Problem?
Nein, das hat mich sogar rausgerissen. In diesen zwei Stunden auf der Bühne ist man ja irgendwie in einer anderen Welt, da war das weg.

Anfang der Achtzigerjahre haben Sie eine Zeitlang als Werbetexter gearbeitet, Slogans wie "Lustig samma - Puntigama" oder "Dann Dan" stammen von Ihnen. Fällt Ihnen sowas schwerer oder leichter ein als ein Liedtext?
Ideen waren nie das Problem. Schwieriger war es, sie in der Werbebranche zu verkaufen. "Lustig samma - Puntigama" zum Beispiel wollten die am Anfang gar nicht, weil es ja Puntigamer heißt und nicht Puntigama. Die Alternative war: "Ohne unser steirisches Wasser wäre Hopfen und Malz verloren".

Damit wären Sie nicht berühmt geworden. Warum haben Sie mit der Werbung aufgehört?
Weil ich mich nicht mehr stundenlang über Autoreifen, Weichspüler, Schokoriegel und Deos unterhalten wollte.

Reden wir lieber noch ein bisschen über Frauen. Stimmt es, dass Sie mit der "Wintasun" eine Frau erobert haben?
Na ja, erobert ... Ich habe ihr gesagt, ich schreibe ihr ein Gedicht - und es hat genützt.

War sie so toll wie das Lied?
Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern.

Wie hat sie denn geheißen?
Keine Ahnung, das war nur eine ganz kurze Geschichte. Ich weiß nur noch: Das war so eine Blonde mit einem Pagenkopf.

Wolfgang Ambros schreibt in seiner Autobiografie, er und Sie hätten in den Siebzigerjahren ein Sexualleben wie die Bonobos gehabt. Übertreibt er?
Sind das diese Affen, die alles ficken, was fickbar ist? Nein, so waren wir nicht. Aber mein Gott, wir waren jung, wir waren halbwegs berühmt, wir waren nicht schiach und nicht ganz deppert - und durch den Erfolg natürlich auch relativ mutig und direkt beim Ansprechen. Da ist schon was hängengeblieben, ist doch klar. Aids gab es auch noch nicht. Das Ärgste, was man kriegen konnte, war ein Tripper - und da hast du drei Ospen 1000 genommen, und die G'schicht' war erledigt. Heute bezahlt man unter Umständen mit dem Leben. Und das ist es nicht wert, das weiß ich heute.

Mit 21 haben Sie zum ersten Mal geheiratet. Warum?
Das war damals irgendwie modern. Das Einzige, was von dieser Ehe geblieben ist, war ein Dackel.

Mit Ihrer zweiten Frau hatten Sie zwei Kinder. Die Beziehung beschreiben Sie in einem Text aber denkbar unromantisch.
Die war auch schwierig. Sie war eine glühende Feministin, ich war ein ausglühender Macho. Das ist nicht zusammengegangen. Dabei bin ich sogar jeden Donnerstag zu Hause geblieben, damit sie in ihr feministisches Kollektiv gehen kann!

Sie waren eher Macho?
Natürlich. Es gab damals ja die Feministen, die ihren Frauen verboten haben, sich zu schminken. So einer war ich nicht.

Voriges Jahr haben Sie zum vierten Mal geheiratet.
Mit der Karin war ich 13 Jahre zusammen, und irgendwann hat sie gesagt: "Es soll schon seine Ordnung haben." Subtext: Ich möchte schon erben.

Haben Sie im Lauf Ihrer Ehen etwas über die Frauen gelernt? Oder haben Sie immer die selben Fehler gemacht?
Es ist schon immer anders gewesen, aber letztlich scheiterte es immer am Gleichen: an der Ausweglosigkeit der Zweierbeziehung. Irgendwann kann man das einfach nicht mehr erfüllen, so ist das eben. Erst wenn man in ein gewisses Alter kommt, verschieben sich die Prioritäten. Man ist dann nicht mehr treu, weil man treu sein muss, sondern weil einen eh keiner mehr nimmt. Aber gelernt habe ich nichts über Frauen. Das Einzige, was ich sagen kann, ist: Eine Frau, die nicht 37 Paar Schuhe hat, ist ein Mann.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie Nachrichten schauen? Wird Ihnen da nicht angst und bang?
Männer sterben im Durchschnitt mit 78, mir bleiben also noch 14 Jahre. Was soll ich mir da machen a Sorge? Die Welt ist sowieso schlecht, und wenn wir alle untergehen - wem gingen wir ab? Nachdem ich Egozentriker und Misanthrop und völlig empathielos bin, bleibe ich da ziemlich gelassen.

Haben Sie sich überlegt, was Ihre letzten Worte sein sollen?
"Jetzt bin ich gespannt."

Bilder und Videos aus dem Leben von Joesi Prokopetz:

  • Bild 1 von 17 © Bild: Nora Schuster / Imagno / picturedesk.com

    Joesi Prokopetz: Best of

    Mit "Da Hofa" hat er im zarten Alter von 19 Jahren nicht nur einen Klassiker der heimischen Musikgeschichte geschaffen, sondern mehr oder minder gleich den Austropop aus der Taufe gehoben: Joesi Prokopetz, seines Zeichens Musiker, Songschreiber und Kabarettist, kann auf eine sehr erfolgreiche Karriere zurückblicken.

    Im Bild: Die österreichischen Musiker und Songwriter Wolfgang Ambros und Joesi Prokopetz. Februar 1972.

    Weiter: Multitalent Joesi Prokopetz

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    Joesi Prokopetz: Best of

    Als Songschreiber fungierte Prokopetz nicht nur beim berühmten "Hofa", sondern wurde auch mit den Liedern "Es lebe der Zentralfriedhof" oder "Die Blume aus dem Gemeindebau", gesungen und gespielt von Wolfgang Ambros, bekannt. Gemeinsam mit seinem Klassenkameraden Ambros zeichnete er auch für das zum Kult avancierte Rustical "Der Watzmann ruft" verantwortlich. Die Liedtexte des Originals stammen alle aus der Feder von Prokopetz.

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