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"Mama, Papa, wir wollen
bei euch bleiben!"

Chronik - "Mama, Papa, wir wollen
bei euch bleiben!" © Bild: Ricardo Herrgott/News

Erziehungsunfähig? Diese drei Mädchen werden von ihren Eltern getrennt und müssen in ein 300 Kilometer entferntes Heim: Die Familie ist verzweifelt, deren Heimatort empört.

Die Kinder im Dinosauria-Park; die Kinder beim Schwimmen im Schotterteich, beim Eislaufen am Pinguin-Parcours, auf der Spielplatzrutsche, beim Farbklecksen am riesigen Packpapierbogen: Die himmelblau gerahmte Fotocollage, die hinter der Eckbank der Wohnküche hängt, zeigt das exakte Gegenteil dessen, was das behördliche Stigma einer zerrütteten Familie vermuten lässt. "Wir lieben unsere Kinder", sagt Helmut mit brüchiger Stimme, "wir lieben sie über alles." Er macht kurze Pausen, um die Tränen zu schlucken, seine Frau Andrea lässt sie ungebremst fließen. "Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn sie nicht mehr hier sind."

Mut der Verzweiflung

Mit einem rechtsgültigen Beschluss des Bezirksgerichtes Graz-Ost, Aktenzahl 236PS136/13t-29, wird dem 50-jährigen Steirer und seiner 44-jährigen Frau auf Antrag der Bezirkshauptmannschaft Graz- Umgebung die Obsorge für drei ihrer fünf Kinder entzogen: Lion, 19, und Lisa, die im Herbst 18 wird, dürfen bei ihren Eltern in der kleinen Grazer Umlandgemeinde bleiben -doch Tina, 13, Nena, acht, und Abby, vier, müssen weg. Weit weg. In ein Kinderdorf in Salzburg, etwa drei Fahrtstunden und 300 Kilometer von daheim entfernt. "Mama, Papa, wir wollen bitte, bitte bei euch bleiben", antwortet Tina, ohne lange nachzudenken, auf die Frage nach ihrem größten Wunsch. Und es ist die Verzweiflung, die sie mutig macht: "Gemeinsam schaffen wir das ganz, ganz sicher."

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Die Nachbarn und Freunde, die Lehrer der Kinder, der Dienstgeber des Vaters, ja sogar der Bürgermeister -sie alle sehen das genauso und haben sich zusammengeschlossen, um die bedrohte Familie doch noch irgendwie beisammenzuhalten. Doch die Behörde sieht das komplett anders, sie hält Vater und Mutter für die eigentliche Bedrohung. Ein Willkürakt? Es ist ein ganzes Aktenkonvolut, das der Entscheidung zugrunde liegt -im Laufe der Jahre angewachsen und mittlerweile dick wie ein Telefonbuch.

Xenia Prinzhorn, die Frau des Großindustriellen und Ex-Politikers Thomas Prinzhorn, ist im Laufe der vergangenen Monate zu einer Art Sprecherin der Familie avanciert, die sie bei Behördenwegen unterstützt und gemeinsam mit einer Baufirma aus dem Ort den unentgeltlichen Dachbodenausbau des kleinen Hauses organisierte. Prinzhorn wohnt in unmittelbarer Nähe, Mutter Andrea kennt sie von klein auf, noch aus gemeinsamen Volksschultagen. "Das sind sehr einfache, aber grundanständige, hart arbeitende Menschen", sagt sie. Nachsatz: "Auch wenn ihr Umgang mit den Behörden nicht immer sehr geschickt und diplomatisch war." Die beiden Kinder von Prinzhorn sind eng mit Nena, der Achtjährigen, und Abby, der Vierjährigen, befreundet und treffen sich fast täglich zum Spielen. "Die beiden sind gut erzogen und brav", sagt Prinzhorn.

Angstfaktor Auto

Treffen? Trafen! Denn der Beschluss der Behörde ist eigentlich unverzüglich vollstreckbar. Das wurde am 14. Februar 2019 festgelegt. Seither wird jedes unbekannte Auto, das sich auf der engen, kurvigen Straße der Zufahrt zu dem kleinen, einfachen Häuschen zwischen Bach und Waldrand nähert, für Kinder und Eltern zum Angstfaktor. Prinzhorns Anwalt ist zwar dabei, einen Rückführungsantrag einzubringen, und die Bezirkshauptmannschaft hat signalisiert, mit der Abholung der Kinder vielleicht doch noch bis zum Ende des Schuljahres zuzuwarten. Doch fix ist das nicht und offiziell schon gar nicht.

"Die Übertragung der Obsorge wurde im Wesentlichen damit begründet, dass die Erziehungsfähigkeit der Eltern nicht gegeben sei und sie das Wohl der Kinder nicht gewährleisten könnten", heißt es im Beschluss des Gerichtes. "Ich kenne die behördliche Vorgeschichte nicht im Detail, aber aus meiner Sicht ist das eine ganz normale Familie", sagt Reinhard Pichler, Bürgermeister von Eggersdorf, wo die Familie -noch -gemeinsam wohnt. Der Ortschef hat bereits an der Seite der Eltern bei der BH vorgesprochen, nun hilft die Gemeinde ihnen, den Garten, der das Haus umgibt, zu planieren und so kindgerechter zu machen.

Fundamentaler Unterschied

Erziehungsunfähig? Ganz normale Familie? Wie kann es nur zu solch fundamentalen Wahrnehmungsdifferenzen kommen? Was müssen diese Eltern für Versager sein, dass sie mit Kindesentzug, der Höchststrafe für alle Väter und Mütter, belegt werden?"Aus einem familienpsychologischen Gutachten ergibt sich, dass beide Eltern in den pädagogischen Kompetenzen Defizite und Einschränkungen zeigen, vor allem in Bezug auf die Signalerkennung, die Feinfühligkeit und das elterliche Lenkungsverhalten", heißt es in der Urteilsbegründung, auf die sich die BH stützt. "Weiters bestehen bei beiden Elternteilen Einschränkungen in ihrer psychischen Belastbarkeit."

Nun, und auch das muss gesagt werden: Helmut und Andrea, die als eingeschränkt eingestuften Eltern, schlummern nicht in der sozialen Hängematte bis weit in den Tag hinein. Im Gegenteil: Um die Großfamilie über die Runden zu bringen und auch noch die restlichen 20.000 Euro eines 120.000 Euro umfassenden Häuslbauerkredits möglichst rasch abzustottern, arbeiten beide nachts. Denn auch die Sparkonten der Kinder wollen langsam befüllt werden, derzeit sind es 20 Euro pro Monat, Kopf und Nase, aber immerhin. Helmut ist Lkw-Fahrer, der für eine Supermarktkette Lebensmittel zustellt. "Er ist zuverlässig und gewissenhaft und zeigt außergewöhnliches Engagement", heißt es in einem Dienstzeugnis seines Arbeitgebers, in dem der fünffache Vater auch "wegen seines freundlichen Wesens und seiner kollegialen Einstellung" gelobt wird. Andrea führt in ihrem Wohnbezirk Zeitungen aus, muss jeden Tag um zwei Uhr aus den Federn.

Oft, das gibt sie zu, war sie genervt, oft schienen ihr die Dinge völlig über den Kopf zu wachsen, irgendwann ist sie dann plötzlich ohnmächtig in der Küche zusammengebrochen. "Mama, Mama!" - Erst durch die Rufe der Kinder kam sie wieder zu Bewusstsein. Und den Kindern die Bedeutung der Mutter in ihrem Leben.

Gute Zeiten, schwierige Zeiten

"Ich nutze diesen Tag, um dir zu sagen, dass ich dich gerne habe, egal ob in schwierigen Zeiten oder in guten", schreibt ihr Tina, die 13-Jährige, zum Valentinstag. Dazwischen drei knallrote Filzstiftherzen und darunter in Blockbuchstaben: "Ich hab' dich lieb!!!" Doch nun, so die unter der Aktenzahl 236PS136/13t-29 gebündelten Erkenntnisse, soll das Ganze zur Fernbeziehung werden.

"Es stimmt schon, wenn die Fürsorge da war, wollte ich ab und zu ganz einfach nur meine Ruhe haben und schlafen", räumt Helmut ein. Dann sei er schon ab und zu rüde geworden. Aber zu Gewalttätigkeiten im Haushalt, wie es die Behörde andeutet, sei es nie gekommen, das bestätigt die gesamte Familie. "Ich habe das Gefühl, wir haben nie eine echte Chance bekommen", meint Andrea. Sie selbst stammt aus schwierigen Verhältnissen, als sie jung war, musste die Fürsorge immer wieder zu ihr und ihrer Mutter ausrücken. Man kennt sich von klein auf, die wechselseitigen Urteile und Vorurteile sind gewachsen und gefestigt -und so entstanden auf beiden Seiten Kränkungen. "Sie sieht keine eigenen Fehler in der Vergangenheit, sondern sucht immer wieder extern die Schuld an den Vorkommnissen, vor allem bei der Bezirkshauptmannschaft", vermerkt die Behörde pikiert.

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Doch diese "Fehler der Vergangenheit", wie haben sich die ganz konkret auf die Gegenwart ausgewirkt?"Tina ist belastet und emotional labil", konstatiert die Behörde. Der Klassenvorstand der 13-Jährigen und dessen Stellvertreter sehen das anders: "In die Klassengemeinschaft hat sie sich von Anfang an gut eingelebt und Freunde gefunden", schreiben sie in einer Stellungnahme. Sie sei "zurückhaltend und freundlich", ihr Erscheinungsbild "ordentlich und sauber", Tina selbst sei "ein freundliches und empathisches Mädchen". Und: "Deshalb ist die Herausnahme von Tina aus dieser Gemeinschaft als absolut traumatisches Ereignis für sie und auch die Klassenkameraden zu werten."

Bei Abby, der Vierjährigen, kommt die BH zu folgendem Schluss: "Bezüglich des Entwicklungsstandes konnten Verzögerungen der sprachlichen und sozialen Entwicklung des Mädchens erkannt werden." Doch jene Pädagogin, die Tag für Tag mit ihr arbeitet, will das nicht so stehen lassen: "Als langjähriger Kindergärtnerin fällt mir auf, dass Abby keine Anzeichen von Entwicklungsstörungen aufweist. Im Gegenteil, im kognitiven Bereich ist sie absolut altersentsprechend", schreibt sie in einem Mail.

Schlechte Zähne, beste Kreise

Nena, die Achtjährige, wiederum soll "durch den ständigen Konsum von Süßigkeiten" schwarze Zähne haben. Doch auch hier reagiert der behandelnde Zahnarzt: "Natürlich sind auch einige Zähne der Kinder kariös, was in den besten Kreisen vorkommt." Die Milchzahnkaries habe aber keinen Einfluss auf das bleibende Gebiss. "Die Eltern sind sehr auf die Zahngesundheit bedacht, selbst private Leistungen wurden von ihnen bezahlt." Auch Abby soll gesundheitlich vernachlässigt worden sein, auch hier widerspricht ein Mediziner, nämlich der benachbarte Hausarzt: "Die Mutter ist stets besorgt und sucht immer wieder meinen Rat."

Nacht für Nacht, wenn Vater Helmut im Lkw seine Runden zieht, denkt er an den Tag, der da draußen vor seiner Windschutzscheibe heraufdräut -und daran, was er wohl bringt. Kommen sie in ein paar Stunden, um drei seiner fünf Kinder abzuholen? Oder kommen sie morgen, übermorgen? Wenn dann die Sonne aufgeht, beginnt er zu träumen: Was, wenn sie ganz einfach darauf vergessen? Sein Lkw ist langsam und behäbig. So behäbig, dass ihn die Realität jederzeit überholen kann.

Die Geschichte ist ursprünglich in der Printausgabe 20/2019 erschienen.

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