Kriminalität von

Warum Jugendliche
kriminell werden

Kriminalität - Warum Jugendliche
kriminell werden © Bild: iStockPhoto.com/AlexRaths

Anfang August forscht die Polizeit eine Jugendbande in Oberösterreich aus, die seit Herbst 2018 an die 100 Delikte begangen haben soll. Ende Juli tötet ein 14-Jähriger in Niederösterreich seine Mutter mit mehreren Messerstichen. Nur wenige Tage zuvor verbreitete sich in den sozialen Medien ein Video, das zeigt, wie eine Mädchengruppe auf eine 13-Jährige in Wien einprügelt. Alles nur tragische Einzelfälle? News.at hat bei der Psychologin Dr. Sabine Völkl-Kernstock nachgefragt.

Jugendbanden, die Passanten zusammenschlagen und/oder ausrauben. Einbrüche aus Langeweile. Ein 14-Jähriger, der seine Mutter tötet. Glauben Sie, dass Österreich ein Problem mit seinen Jugendlichen hat?
Man merkt, dass die Überforderung in der Gesellschaft generell zunimmt, das wirkt sich auch auf aggressives Verhalten aus. Ich sehe es nicht als dezidiertes Problem der Jugendlichen alleine, aber natürlich zeigt diese generelle Entwicklung auch da ihre Auswirkungen.

Sind Jugendliche diesbezüglich besonders anfällig?
Gewisse Teile der Jugendlichen sicherlich. Da sind Soziologen gefragt um aufzuzeigen, in welchem Umfeld sich die Jugendlichen bewegen, wieso es dazu kommt, dass in der Gruppe massive Formen von Gewalthandlungen gesetzt werden. Das liest man nicht nur von Jugendlichen, manches wird in den Medien überzeichnet, manches ist tatsächlich sehr dramatisch. Das gilt aber auch für Gewalt, die Erwachsene Kindern oder anderen Erwachsenen antun.

»Erziehung trägt einen richtigen und wichtigen Teil gegen Kriminalität bei«

Was sind dann ausschlaggebende Faktoren für ein Abdriften Jugendlicher in die Kriminalität?
Es ist für Jugendliche eine wichtige Entwicklungsaufgabe, im Erwachsenenalter anzukommen. Ein wesentlicher Punkt dafür wäre, dass sie sich selbst mögen und sich selbst eine gewisse Verantwortung geben können, wie sie mit ihrem Leben umgehen. Aber auch die Verantwortung, wie er mit seinem Nächsten umgeht, in der Zweierbeziehung, in der Familie und in der Gesellschaft. Das sind ganz wichtige Verhaltensmuster, die Kinder lernen müssen.

Ich arbeite viel mit Eltern, da ist mir aufgefallen, dass sie oft schon mit sich selbst und Familienmitgliedern nicht gut umgehen. Da haben Kinder wenige Möglichkeiten, einem guten Beispiel zu folgen.

Kann man mit richtiger Erziehung Kriminalität verhindern?
Das ist sehr schwierig zu beantworten. Bei manchen Menschen ist möglicherweise auch eine Ausgeprägtheit vorhanden, sich in die eine oder andere Richtung zu entwickeln. Aber ich bin überzeugt davon, dass Erziehung einen richtigen und wichtigen Teil gegen Kriminalität beiträgt.
Zwei andere Dinge, die wesentlich sind, um erwachsen zu werden, ist, dass man nicht nach der Maximierung strebt, sondern nach der Optimierung dessen, was man hat. Und wenn wir unsere gesamte Gesellschaft betrachten, könnte man sagen, dass das eine Aufgabe für uns alle ist, weil unter diesem Gesichtspunkt noch viele nicht im Erwachsenenalter angekommen sind. Der dritte Aspekt wäre die Toleranzfähigkeit anderen Menschen gegenüber.

Ist also eher umgekehrt die Gesellschaft problematisch für Jugendliche?
Jugendliche an sich sind ja nicht schlecht. Es gibt Jugendliche, die abgedriftet sind, wobei hier zumeist eine Leidensgeschichte und wenig Halt seitens der Familie dahinterstecken. Wichtig ist es zu verstehen, dass man Grenzen setzen muss. Oftmals passiert da nicht viel. Welche Konsequenzen gibt es, wenn Kinder oder auch Erwachsene Gegenstände in der Öffentlichkeit verwüsten oder beschmieren? Sie bekommen vielleicht eine kleinere Strafe. Dass sie sich hinstellen und das wieder saubermachen müssen, das würden sie sich aber merken. Man braucht die Einsicht, dass man etwas gemacht hat, das nicht Ordnung ist. Jeder von uns hat schon einmal etwas gemacht, das nicht richtig ist, aber es braucht auch ein Korrektiv dazu, ein Gefühl der Wiedergutmachung.

»Wenn Eltern auslassen und kein Korrektiv sind, dann stellt sich die Frage, an wen wird es delegiert«

Dieses Korrektiv fehlt ihrer Ansicht nach in unserer Gesellschaft?
Genau, das fehlt. Wenn Eltern auslassen und kein Korrektiv sind, dann stellt sich die Frage, an wen wird es delegiert. Natürlich hat die Schule da auch einen Auftrag, aber eine fehlende Erziehung kann sie nicht ausgleichen.

Früher war’s die Musik, dann das Fernsehen, danach sind auch noch Internet, Videospiele und Soziale Medien hinzugekommen – lässt sich eine gewisse Mitschuld pauschal zuordnen, dass Jugendliche überfordert sind und zur Kriminalität verleitet werden?
Die Nutzung dieser Medien kann dabei eine Gefahr darstellen. Es ist aber nie linear zu bewerten, das ist ein Puzzlestein unter vielen. Wenn das Korrektiv fehlt, kann es schon passieren, dass ein Medium Oberhand gewinnt. Oft wissen wir Erwachsene ja gar nicht, welche Gefahren für Kinder im Internet lauern, wie viele Stunden Kinder damit verbringen und sich in einer Welt bewegen, wo man wenig Zugang zu einer direkten Person haben kann. Eine Überforderung, von der wir zuvor gesprochen haben, kann die Folge sein.

Sind Jugendliche heutzutage stärker gefordert als früher? Was machen Smartphones und Soziale Medien aus Jugendlichen?
Es macht mit uns sehr viel, nicht nur mit den Jugendlichen. Wir können uns dem ja auch als Erwachsene nicht ganz entziehen. Wer liest in der U-Bahn heutzutage noch ein Buch oder eine Zeitung? Gibt’s noch, aber die meisten Leute haben ihr Handy in der Hand. Man sieht auch noch ganz selten, dass sich Familien unterhalten, wenn Mütter oder Väter mit den Kindern unterwegs sind.
Ich glaube, dass das generell eine Überforderung ist, weil wir ja ständig mit Informationen, mit Werbung konfrontiert sind und wenig Zeit haben, unseren Gedanken nachzuhängen, zu reflektieren.

»Das Dazugehören ist für Jugendliche noch einmal wichtiger als später im Erwachsenenalter«

Weil man oft von Jugendgangs hört: Was steckt dahinter, dass sich Jugendliche davon angezogen fühlen?
Ich denke, dass man sich so einer Gang anschließt, weil man irgendwo dazugehören möchte. Viele gehören zu Gruppierungen, die sehr harmlos sind und wo der Großteil der Jugendlichen Dinge tut, die dem Alter auch entsprechen. Aber dieses Dazugehören ist für Jugendliche noch einmal wichtiger als später im Erwachsenenalter. Man möchte sich irgendwo abgrenzen, möchte aber nicht isoliert sein. Man möchte auch die Selbstbestätigung in der Gruppe haben. Und gerade Jugendliche, die das in anderen Gruppierungen nicht erfahren oder gar Außenseiter sind, bekommen eine gewisse Form der Mächtigkeit, wenn sie plötzlich Dinge tun, vor denen sich andere Leute fürchten.

Könnte man also sagen, dass fehlende Anerkennung und fehlende Aufmerksamkeit gegenüber Jugendlichen die stärksten Faktoren sind, die Jugendliche in die Kriminalität abdriften lassen?
Ich glaube, dass Anerkennung und auch die Möglichkeit einer Perspektive ganz wichtig sind für Jugendliche. Wenn die Hoffnung auf eine gute Entwicklung fehlt, kann viel schiefgehen. Bildung hat dabei einen ganz hohen Stellenwert. Man kann da sicherlich unterstützend eingreifen, ein fehlendes Elternhaus wird sich damit nicht gänzlich ausgleichen lassen.

In den meisten Fällen liest man, dass die jugendlichen Kriminellen Migrationshintergrund haben. Wieder nur ein Mediengespenst? Oder was läuft da schief?
Das sind jetzt persönliche Erfahrungen, die ich nicht generalisieren kann. Oftmals hat es mit Wertehaltung zu tun. Etwa Kinder, die zwar gerne die hiesigen Werte annehmen, aber dennoch nicht die Anerkennung bekommen und Enttäuschungen erlebt haben. Oder Kinder, die Fluchterfahrungen mit sich tragen, die schon anderes gesehen haben und anders aufgewachsen sind als ein Kind hier in Österreich.
Ein anderer Aspekt ist auch das Nicht-Ankommen-Können in einer Gesellschaft. Wenn Werte von der eigenen Familie nicht anerkannt sind, nicht mitgelebt werden. Das heißt nicht, dass man sich komplett umorientieren muss, aber dass zumindest beides zugelassen werden sollte. Und das beginnt schon mit der Sprache.

Sind Jungs anfälliger für Gewalt als Mädchen? Wo liegen die Unterschiede?
Wir kennen das tatsächlich aus Forschungen und Studien, dass Kinder, wenn sie Gewalt erlebt haben, unterschiedlich reagieren. Mädchen bleiben dann überwiegend in der Opferrolle, während Burschen eher dazu neigen, die Gewalt weiterzugeben, die sie erlebt hatten. Ein sehr hoher Prozentsatz, nämlich rund 70 Prozent, der Sexualstraftäter beispielsweise haben in ihrer Kindheit selbst schon einmal Gewalt erlebt.

Was treibt Jugendliche an, ihre Taten mit dem Handy zu filmen und das dann auch zu teilen?
Es gehört zu Jugendlichen, ein wenig die Grenzen auszuloten, indem man sie überschreitet. Manchmal geschieht das mit einer Straftat in Extremform. Da geht es um den Punkt, den wir schon vorhin angesprochen haben: man bekommt Anerkennung. Und Anerkennung kann man ja nicht nur positiv, sondern auch negativ erhalten.

Auch der Klassenkasperl, um ein ganz anderes, nicht kriminelles Beispiel anzuführen, macht es ja wegen der Anerkennung, selbst wenn er ständig von der Lehrerin ermahnt wird. Die Anerkennung uznd möglicherweise Bewunderung bekommt er durch seine Klassenkollegen.

»Es nützt ja nichts, sie mit Wasser und Brot zu bestrafen und sie noch mehr von der Gesellschaft auszugrenzen«

Nach der Straftat: Ist der „softe“ Weg der Resozialisierung, wie es bei uns bei jugendlichen Straftätern praktiziert wird, wirklich der richtige? Und welche Alternativen dazu gäbe es?
Bei diesem Thema spalten sich tatsächlich die Geister. Ich glaube, es ist besonders wichtig, dass man Jugendlichen die Chance gibt, ihr Unrecht einzusehen. Das ist ja nur einem ganz kleinen Prozentsatz gar nicht möglich. Genauso sollten sie auch die Möglichkeit haben, wieder in die Gesellschaft integriert zu werden.

Jugendliche mit härteren Strafen noch mehr an den Rand zu drängen ist meiner Ansicht nach nicht der richtige Weg. Es nützt ja nichts, sie mit Wasser und Brot zu bestrafen und sie noch mehr von der Gesellschaft auszugrenzen. Es ist wichtig für straffällige Jugendliche zu differenzieren, dass ihre Taten falsch sind. Die Person soll sich nicht als solche von Kopf bis Fuß abgelehnt fühlen. Abgelehnt wird ja nur die Handlung, die sie gesetzt hat.

Wie geht man als Angehöriger/Erziehungsberechtigter mit Gewalt bei Jugendlichen um?
Indem man Kindern hilft. Es beginnt bereits in der frühen Kindheit, in der man Kinder unterstützen soll, das Unrechtsbewusstsein zu schärfen. Als Eltern soll man uneingeschränkt zu seinem Kind stehen, das bedeutet aber nicht, jede Handlung gut finden und zu tolerieren. Wenn eine Handlung eine Strafe nach sich zieht, sollen Eltern ihr Kind beim Tragen der Konsequenzen unterstützen.

Und wie als Außenstehender?
Pauschal ist das schwierig zu beantworten. Man muss situationsbezogen abschätzen, was der richtige Weg ist. Wenn man eine aufgeheizte Gruppe von Personen wahrnimmt, egal ob das Jugendliche sind oder nicht, sollte man mögliche Gefahren einschätzen können. Ich glaube jedenfalls nicht, dass man in so einer Situation zu missionieren beginnen kann. Gerade deshalb, um nicht vom Zeugen zum Opfer zu werden. Und wenn man Gewalt schon nicht verhindern kann, dann sollte man diejenige rufen, die sie stoppen kann: die Polizei.

Zur Person: Mag.a Dr.in Sabine Völkl-Kernstock ist klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin und Psychotherapeutin. Ihr Tätigkeitsfeld umfasst auch die Funktion als allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Sachverständige für das Fachgebiet Familien-, Kinder- und Jugendpsychologie.