Gefahrenquellen: Was Eltern
Ihren Kindern zutrauen sollten

Psychologe erklärt, in welchen Situationen Eltern ihr Kind einfach machen lassen sollten

Fürsorgliche Eltern sehen in vielen Situationen Gefahren. Sie würden ihr Kind am liebsten rundum in Watte packen. Ein großer Fehler wie der klinische Psychologe und Diplom-Pädagoge Mag. Johannes Achammer weiß. Er erklärt, wann Kinder Risiken richtig einschätzen können, mit wie viel Jahren sie alleine auf den Spielplatz gehen sollten und wann sie auch schon mal alleine zuhause bleiben können.

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Ihren Kindern zutrauen sollten © Bild: Imgorthand
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Mag. Johannes Achammer ist Klinischer Psychologe und ausgebildeter Diplom-Pädagoge. Am Vormittag arbeitet er als Lehrer, am Nachmittag als Psychologe und verbindet so zwei Welten. Gemeinsam mit der Klinische und Gesundheits- Psychologin Mag. Marcella Stolz führt er eine psychologische Praxis in Innbruck. Zudem engagiert Achammer sich als Notfallpsychologie in besonderen Krisensituationen.

1. Kind vor allem schützen - ein Fehler?

Eltern werden gerade bei ihren Erstgeborenen kreativ, um sie zu schützen. Wie sinnvoll ist dieser Versuch der Rundum-Sicherung? "Eine Sicherung für die Steckdose bei kleinen Kindern ist völlig okay", sagt Psychologe Johannes Achammer. Jede Ecke abzupolstern und die "heile Welt" für die Kinder zu schaffen birgt Gefahren. Das Kind könne keine Erfahrungen mehr machen. Dass eine Ecke spitz ist, dass man einmal hinfällt, dass ich mir einmal wehtue seinen wichtige Lernerfahrungen, die man sonst komplett unterbindet

Die Antwort lautet: Ein gewisses Maß an Sicherheit ja, aber das Kind in Watte zu hüllen, damit ja nichts passiert - damit schadet man dem Entwicklungsprozess des Kindes.

2. Warum sind Eltern so übervorsichtig?

Die Generation an sogenannten "Helikopter- oder Drohneneltern" nimmt zu. "Durch die Erfahrungen in meiner Praxis kann ich das bestätigen", so Achammer. Auch die vielen technischen Möglichkeiten würden Eltern immer mehr zu Überwachung ihres eigen Kindes nützen. Das habe sehr viel mit der eignen Ängstlichkeit zu tun.

»Übertriebe Vorsicht hat mit den eigenen Ängsten zu tun«

Das Problem: Wem ständig Ängste quälen, der verliert die Natürlichkeit in der Erziehung des Kindes. Man traut seinen Kindern nicht mehr viel zu.

Ein Beispiel: Manche Eltern lassen aus lauter Vorsicht gleich gar kein Klettern auf dem Baum zu. Mit diesem Verbot - das ja eigentlich eine Vorsichtsmaßnahme ist, weil ich als Elternteil ja nicht möchte, dass mein Kind vom Baum stürzt und sich verletzt - nehme ich meinem Kind ein Stück seines Entwicklungsprozesses. Nämlich die Selbstwirksamkeit: "Ich schaffe es als Kind selbst einen Baum heraufzuklettern." Sobald man als Elternteil daneben steht, vor allen Gefahren warnt und die Hand reicht, signalisiere man nur eines: "Ich traue dir nichts zu." Das hat negative Folgen für das spätere Leben.

»Das Kind meldet sich schon, wenn es Hilfe braucht«

Das alles sei natürlich altersabhängig, bei einem 3 bis 4-Jährigen kann man noch Hilfestellung leisten, später sollte man diese gutgemeinte Unterstützung besser lassen.

Wichtig: Kinder wollen generell ihren Eltern etwas beweisen und zeigen was sie schon alles alleine können. Das Kind meldet sich schon wenn es Hilfe braucht. "Eltern sollten lieber eine Beule in Kauf nehmen, als ständig das Selbstbewusstheit des Kindes zu schwächen", erklärt Achammer. Kinder müssen eigene Erfahrungen machen. Oft reiche schon der ängstliche Gesichtsausdruck der Eltern, um das Kind zu verunsichern.

Tipp: Wenn Eltern sich mehr zurückhalten zB: am Spielplatz und ihr Kind selbst entdecken lassen werden Sie erstaunt sein, was ihr Kind schon alles kann. "Da tut sich oft eine ganz neue Welt für überfürsorgliche Eltern auf", weiß der klinische Psychologe.

3. Was kann man Volksschulkindern zutrauen?

Ganz, ganz viel! Im Volksschulalter ist es ganz normal, dass Kinder sich zum Beispiel mit Freunden treffen. Das Kind kann also allein zum Freund (der in der Nähe wohnt), ihn abholen und gemeinsam auf den Spielplatz gehen. Wichtig: Bei solchen eigenständigen Unternehmungen oder auch beim Schulweg sei es gut einen Notfallplan zu haben. Also vorab schon spielerisch einüben, was zu tun ist, wenn etwas passieren sollte. Zum Beispiel: "Sprich einen Erwachsenen an, wenn du dich verletzt hast oder Hilfe brauchst." Falls das Kind schon technisch ausgestattet ist: "Ruf mich an."

4. Ab wann können Kinder Gefahren voraussehen?

"Das können Kinder eigentlich von Haus aus - die wissen, dass Verkehr oder zu große Höhen gefährlich sind", sagt Johannes Achhammer. Von 2- bis 3-Jährigen Kindern kann man freilich noch nicht erwarten, dass sie eine Straße alleine überqueren, sie befinden sich noch in der Übungsphase. Dennoch gilt: Je mehr Eltern ihrem Kind von Anfang an zutrauen und es damit auf die Umwelt sozialisieren, desto besser ist die Gefahreneinschätzung des Kindes. Der Grund: Im Gedächtnis wird neurobiologisch das abgerufen, was wir einmal gelernt haben. Die Prägung die Eltern ist daher ausschlaggebend. Alles zu unterbinden und jegliches Risiko automatisch auszublenden wirke sich negativ aus. Denn Kinder greifen auf Erfahrungswerte zurück. Tipp: Ab drei Jahren kann man ruhig einmal die Hand des Kindes beim über die Straße gehen loslassen. Am besten auf einer nicht zu stark befahrenen Straße am Zebrastreifen üben.

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5. Ab wann darf man Kinder alleine zuhause lassen?

Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten, weil für Eltern die gesetzliche Aufsichtspflicht besteht. Wenn etwas passiert hat man ein großes Problem. Grundsätzlich sollte man sich fragen: "Wie gewohnt ist es mein Kind einmal 20 Minuten alleine zu sein? Sollte ich es lieber mitnehmen, um schnell einkaufen zu gehen oder traue ich es meinem Kind auf Grund seiner ganzen Entwicklung und Persönlichkeit zu 20 Minuten alleine zu sein?

»Kinder immer in den Alltag integrieren, so können sie gute Erfahrungen machen«

"Hier kann man keine Alterszahl festlegen, das ist eine sehr individuelle Entscheidung", sagt der Psychologe. Während das eine Kind es schaffen wird, sich sich ein anderes Kind mit sechs Jahren das gleiche nicht zu. Und hat vielleicht sogar Angst alleine zu sein. Dann wäre es besser es mitzunehmen. Tipp: Kinder immer in den Alltag integrieren, damit sie möglichst viele, gute Erfahrungen machen können.

6. Freund des Kindes zu Besuch - wie vorsichtig muss ich als Elternteil sein?

Wie wir bereits wissen, kann es zwischen gleichaltrigen Kindern große Unterschiede geben. Was der eine sich zutraut, kann für den anderen ein noch unüberwindbares Hindernis sein. Wie vorsichtig muss ich als Elternteil nun sein, wenn ein Freund meines Kindes zu Besuch ist? Im Idealfall kennt man das Kind und die Familie des Kindes. So kann man schon ein bisschen einschätzen was man dem Kind zutrauen kann. Die Kinder ins Kinderzimmer zu schicken und gleichzeitig fünf Webcams einzuschalten und alles zu überwachen, wäre definitiv der falsche Weg. Falls es einmal zu ruhig wird reiche ein unauffälliger Blick - ohne das Spiel zu stören - völlig.

»Wir wissen immer alles über unser Kind«

Denn auch Kinder brauchen Rückzugsmöglichkeiten. "Die Überwachung der Kinder nimmt zu. Ich hatte schon Kinder in der Praxis, die mir Armbänder zeigten und erklärten, dass ihre Eltern sie damit tracken", berichtet Achammer aus seinem Arbeitsalltag. Eltern erzählten ihm auch, dass sie in jedem Raum zwei Kameras installierten. Durch die totale Überwachung ihres Zuhauses wüssten sie immer alles über ihr Kind. Eine schockierende Entwicklung, so der Experte.

7. Bringt ein Handy mehr Sicherheit?

Ob ein Kind tatsächlich schon im Volkschulalter ein Smartphone braucht, ist ein gesellschaftlich sehr schwieriges Thema. "Ist es wirklich notwendig mein Kind erreichen zu können, wenn es in der Schule ist?" stellt Experte Achammer die Frage in den Raum. "Gibt es da nicht auch andere Wege?" Generell steht er den Smartphones sehr skeptisch gegenüber.

»Kinder sind immer nur die Symptomträger der Erwachsenenwelt«

Schließlich seien diese Geräte für Erwachsene und nicht für Kinder gemacht. Klar sei es grundsätzlich okay, dass Kinder ihre Eltern jederzeit anrufen können. Aber in der Praxis würde mit solchen Geräten alles andere gemacht werden - nur nicht telefoniert. Und dies beginne schon früh. So habe Achammer schon öfter beobachtet, dass Eltern an ihren Kinderwägen eine Halterung fürs Smartphone montieren, damit ihre Kinder während dem Spaziergang ihre Kinderserien schauen können. Ein abschreckendes Beispiel für den Experten: "Was den Einsatz der neuen Technologien anbelangt, stehen wir vor einem großen Problem"

8. Urangst Fenstersturz: Wie kann ich vorbeugen?

Allein in Wien ereigneten sich seit Anfang 2020 fünf tragische Unfälle, bei denen Kinder zwischen zwei und neun Jahren aus den Fenstern stürzten. Weil derartige Unglücke immer wieder passieren, sollte man unbedingt technische Vorrichtungen an den Fenstern anbringen. Fenster kindersicher zu machen ist absolut empfehlenswert - vor allem wenn man in höheren Stockwerken wohnt.

9. Auf die jüngeren Geschwister aufpassen - ab wann?

Gerade in Großfamilien ist dies für Eltern häufig ein verlockender Gedanke. Aber ab wann kann man es einem Kind zutrauen, auf die Geschwister aufzupassen. "Es hängt von der Entwicklung des ältesten Kindes ab. Wenn es acht Jahre alt ist und ich als Elternteil beobachte, dass es im Alltag eine gewisse Verantwortung für die jüngeren Geschwister übernimmt, kann ich das dem Kind zutrauen", sagt Achammer.

»Viele Eltern haben das Gespür für ihr eigenes Kind verloren«

Freilich gebe es dann auch Kinder im gleichen Alter, die noch so mit sich beschäftigt sind und noch nicht genug Erfahrung für diese Aufgabe gesammelt haben. Hier seien die Eltern gefordert, ihr Kind selbst gut einschätzen. Leider hätten viele Eltern das Gespür für das eigene Kind verloren. Und wissen daher nicht, was sie ihm zutrauen können. "Ich stelle immer wieder fest, dass Eltern relativ wenig über ihr Kind wissen", sagt der Psychologe. Was die Erziehung betrifft, greift man auf die eigenen Erfahrungen von unseren Eltern aus der Kindheit zurück. Wer ängstliche Eltern hatte, wird selbst auch ängstlich sein und das an seine Kinder weitergeben.

Fazit: Kinder, die viel eigenverantwortlich ausprobieren dürfen und eigene Erfahrungen machen dürfen, haben in der Regel erheblich weniger Unfälle und es im weiteren Leben leichter mit Rückschlägen umzugehen, als die Kinder, denen alles abgenommen und die vor allen erdenklichen und ausgedachten Gefahren bewahrt werden. Sie lernen früh, dass man einfach aufpassen und achtsam sein muss, egal, was man tut. Die eigenen Erfahrungen sind immer die, die am besten sind. Nicht das ständige Erklären, sondern das Tun ist der Schlüssel zum Erfolg.