Toxische Männlichkeit:
Warum Männer Frauen schlagen

Fünf Frauen wurden in den ersten drei Wochen des Jahres in Österreich bereits ermordet, zahlreiche verprügelt oder vergewaltigt. Die Täter: allesamt (ihnen bekannte) Männer. Was verleitet Brüder, Väter oder Ex-Männer dazu Gewalt an Frauen auszuüben? Was geht in ihnen vor? Und wie kann man sexualisierte Gewalt verhindern? Eine Suche nach Antworten

von Gewalt - Toxische Männlichkeit:
Warum Männer Frauen schlagen © Bild: Shutterstock/sdecoret

"Und was machst du, wenn das Wutmonster so riesig wird, dass du es nicht mehr kontrollieren kannst?“, fragt Christine Krossmeier. „So lange auf die Tür einschlagen, bis ich traurig werde“, antwortet das zehnjährige Mädchen mit der dicken Brille, das wir Sarah nennen. „Voll in ein Kissen hauen“, sagt Max. Die beiden sind zwei von 14 Kindern unterschiedlichen Alters, die in die alternative Privatschule in Wien Favoriten gehen. Hier wird Wert auf Gewaltprävention und das Erlernen sozialer Kompetenzen gelegt. „Das ist eine besondere Insel. In anderen Schulen schaut es bei weitem nicht so gut aus“, sagt Krossmeier. Sarah und ihre Klassenkameraden sollen von der Psychologin und Pädagogin des Vereins Samara heute lernen, wie man das Wutmonster ohne Gewalt loswird. Eine Lehre, die die Heranwachsenden davon abhalten soll, Konflikte in Zukunft mit Fäusten zu regeln. Es liegt am Engagement von Vereinen wie diesem, Kinder dahingehend zu erziehen, dass über Gefühle zu reden nicht „schwul“ ist und Mädchen nicht nur gut „nähen und malen“, sondern genauso gut „Fußball spielen“ können, wie Buben.

Konservatives Land

Dass das in Österreich dringend notwendig ist, sagen nicht nur viele Experten. Auch die Zahlen sprechen dafür: das Verständnis von Geschlechterrollen ist hierzulande nämlich trotz #metoo und einer starken Frauenbewegung sehr konservativ. Laut dem Hofstede Index of Masculinity, sind patriarchale Einstellungen weltweit nur in Japan und Ungarn tiefer verwurzelt, als in Österreich.

© APA/HELMUT FOHRINGER Soziologin Laura Wiesböck

Wie Männlichkeit definiert wird, hängt laut der Soziologin Laura Wiesböck vom Milieu ab: „Auch wenn sich in urbanen Mittelschichten natürlich schon Konzepte von Männlichkeit zeigen, die nicht auf Dominanz, Kontrolle und Macht basieren, beobachten wir in allen westlichen Demokratien, dass das traditionelle Männerbild noch sehr stark ausgeprägt ist.“ Was das mit Gewalt von Männern an Frauen zu tun hat, beschreibt sie in einem Kapitel ihres Buches „In besserer Gesellschaft“: „Ärger und Wut sind akzeptierte und erwartete Formen des emotionalen Ausdrucks von männlichen Gesellschaftsmitgliedern.“ Und gerade in Gesellschaften, oder in Partnerschaften, in denen sich das Rollenbild wandelt und eine gewisse Anspruchsberechtigung an die Frau schwindet, wird auf die „männlichste“ Manier zurückgegriffen, um die Machtverhältnisse wieder herzustellen. In vielen Fällen ist Gewalt also die Strafe dafür, dass die Frauen sich emanzipieren.

»Es ist wichtig, Verletzlichkeit als Teil der Männlichkeit zu konzipieren«

Andererseits sind Gewalt oder Hass immer ein Ausdruck von Schmerz oder Verletzlichkeit. Wenn es in einer Gesellschaft als unmännlich gilt, diese zu zeigen oder einzugestehen werden viele Männer handgreiflich. Das beobachtet die Erziehungswissenschaftlerin Natascha Bousa in Beratungen häufig: „Ich sehe dahinter sehr oft eine große Angst, schwach zu wirken. Viele sind der Meinung, sie könnten sich etwas nicht gefallen lassen, oder sind einfach ohnmächtig oder ratlos und wissen nicht, wie sie sonst reagieren sollen.“ Laut der Soziologin Laura Wiesböck wäre es „gerade deshalb so wichtig, Verletzlichkeit als Teil der Männlichkeit zu konzipieren.“

Mit Spandex gegen Klischees

Die Vienna Fearleaders, eine rein männliche Cheerleading-Gruppe hat sich genau das zur Aufgabe gemacht. Mit geölten Muskeln, knallengen Spandex-Hotpants und sexy Posen schlüpfen die jungen Männer ganz bewusst in eine gemeinhin als unmännlich geltende Rolle. Mit ihren akrobatischen Aufführungen feuern sie weibliche Sportlerinnen beim Roller-Derby an. Die Message dahinter: Geschlechterstereotype zu durchbrechen. Für Soziologin Wiesböck eine wichtige – wenngleich schwerere – Aufgabe, als die Verschärfung der Strafen gegen Gewalttäter, wie sie jüngst die Regierung gefordert hat. „Eine umfassende Reformierung des Männerbildes, mit beispielsweise mehr Männern in fürsorglichen Berufen, einer verpflichtenden Karenz für Männer und geschlechterbewusster Pädagogik, würde wohl mehr bringen“, sagt sie. Und auch Erziehungswissenschaftlerin Bousa sagt: „Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ein Bewusstsein zu schaffen. Ich glaube nicht, dass Beratungsstellen und Einrichtungen alleine was bewirken können. Es fängt bei der Erziehung im Kindergarten an, über wachsame Lehrer in der Schule und schließlich zur Zivilcourage jedes Einzelnen auf der Straße.“

Täterarbeit mangelhaft

Ein wichtiger Teil, der laut Bousa darüberhinaus oft vernachlässigt wird, ist die Täterarbeit. „Ich glaube, dass es den meisten Tätern nach der Tat leid tut, nur fehlt der Kontrollmechanismus. Das müsste sehr zeitnah nach der Tat geschehen.“ Dieser Meinung ist auch Arno Dalpra. Als Psychotherapeut und Gewaltberater beschäftigt er sich seit rund 25 Jahren mit gewalttätigen Menschen und deren Rehabilitierung. Gemeinsam mit der Polizei hat er in Vorarlberg ein Pilotprojekt ins Leben gerufen, dessen Ziel es ist, Täter möglichst schnell nach der Tat zu erreichen. „Es geht um eine möglichst schnelle und klare Reaktion. Je zeitnäher wir seine Handlung beurteilen, desto eher haben wir die Chance, dass er den Fehler einsieht und können wir eine Verhaltensänderung bewirken“, sagt Dalpra. Oft wäre es den Tätern nicht möglich ihre Fehler selbst zu erkennen. „Viele schlagen aus Ohnmacht“, sagt Dalpra. Deshalb sei eine unmittelbare Beurteilung von außen wichtig. Was Dalpra am meisten überrascht hat, sei die hohe Bereitschaft der Tatverdächtigen gewesen, das freiwillige Angebot anzunehmen. "Über 50 Prozent waren bereit, sich auf einen Dialog und eine Auseinandersetzung einzulassen. „Der Bereich zwischen dem Übergriff und der juristischen Beurteilung einer Gewalttat liegt extrem brach“, sagt Dalpra. Bis die Unschuld eines vermeintlichen Täters nicht widerlegt wurde, wird die Täterarbeit Großteils vernachlässigt. „Dieses Vakuum gilt es mit Kontakt, Auseinandersetzung, Beratung, Therapie zu füllen.“ Das Gewaltschutzgesetz sei über 20 Jahre alt „und erst jetzt beginnt die Diskussion, ob die Gefährder eine Rolle spielen könnten“, sagt Dalpra. Da zeige sich, mit welcher Haltung dieses Phänomen gesellschaftlich und politisch betrachtet wird. „Wir müssen dazu stehen, dass es Täter gibt, und wir auf diese Menschen reagieren müssen.“

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Selbst Schuld

»Wir sagen ‚sie wurde vergewaltigt’ anstatt zu sagen ‚er hat sie vergewaltigt’«

Dieser Meinung ist auch Soziologin Laura Wiesböck: „Die Frage die wir uns stellen sollten ist: warum liegt der Fokus in so einem Übermaß auf der Opferrolle und warum thematisieren wir die Täter überhaupt nicht?“Dieses sogenannte „victim blaming“ wird zum Beispiel dadurch befördert, dass bei sexuellen Straftaten oft nach der Verantwortung des Opfers gefragt wird. War sie vielleicht zu aufreizend angezogen? Spielt sie vielleicht nur die Opferkarte aus? „Das würde uns bei einem Einbruch niemals in den Sinn kommen“, sagt Wiesböck. Und auch der Sprachgebrauch kann eine solche Verantwortung am Verbrechen befördern: „Wir sagen ‚sie wurde vergewaltigt’ anstatt zu sagen ‚er hat sie vergewaltigt’. Wenn man die Täter beim Namen nennen würde, sagen würde ‚Gewalt von Männern gegen Frauen’ oder ‚männliche Gewalt’ dann wären die Täter sichtbarer.“

Charmante Gewalt

Abgesehen davon ortet Dalpra durch eine Verharmlosung von Gewalt ein Problem: „Die ‚gesunde Ohrfeige’ hält sich hartnäckig als anerkanntes Erziehungsmittel. Dabei ist sie ein massiver Gewaltakt. Dennoch würden Sie wegen einer Ohrfeige wohl keinen Artikel schreiben.“ Gewalt sei immer ein ganz dramatisches, aber auch effektvolles Mittel seinen Willen durchzusetzen. „Es besteht für Menschen also grundsätzlich die Gefahr, Gewalt als Lösung in Kauf zu nehmen. Es gibt auch Menschen, die gelernt haben mit Konflikten umzugehen, und sich dennoch für Gewalt entscheiden, weil dies - furchtbarer Weise - der 'kürzere Weg' ist.“ So lange diese Vorstellung vorherrscht, ist wohl niemand davor gewappnet, in Gewaltsituationen zu kommen.

Den Kampf dagegen und zur Prävention sexualisierter Gewalt führen Vereine wie Samara derzeit mit vollem Engagement weiter. Dass Sarah in Zukunft „musikhören“ anstatt „gegen Türen schlagen“ und Max „Lego spielen“ oder sich „einfach irgendwo hinsetzen und durchatmen“ will, um gegen das Wutmonster anzukommen, motiviert zum Weitermachen.

Anlaufstellen für Betroffene

Sollten Sie Hilfe brauchen oder jemanden kennen, der Schutz und Hilfe braucht, hier können Sie sich melden.

Samara – Verein zur Prävention (sexualisierter) Gewalt

Männerberatung

  • Website: www.maenner.at
  • Telefon: +43 1 603 28 28
  • E-Mail: info@maenner.at

Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie

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Kommentare

Totentrompete
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5 Frauen wurden dieses Jahr bereits ermordet. Der Großteil der Täter haben einen Migrationshintergrund. Sie kommen also aus einem anderen Kulturkreis (Islam). Was steht nun im Koran. In der Sure 4 (Sure von den Weibern) Vers (?)38 heißt es wörtlich: " Die Männer sind Höherstehend als die Weiber, weil Gottjene vor diesen auszeichnet,und weil sie ihr Vermögen aufwenden. Die Ehrbaren sind .....

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gehorsam, ein Geheimnis bewahrend, weil Gott sie bewahrt; diejenigen aber, deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet, vermahnet, verlasset ihr Lager und schlaget sie.......

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