Fragen und Antworten von

Frauenmord-Land Österreich?

Wie hoch sind die Zahlen im internationalen Vergleich und wer ist besonders betroffen?

Vier Frauenmorde in diesem, noch nicht einmal drei Wochen alten, neuen Jahr 2019 erschütterten Österreich, ganze 41 Frauen wurden im vergangen Jahr getötet. Sogar der Innenminister hat bereits reagiert. Was ist passiert? Wie sehen die Zahlen im internationalen Vergleich aus? Und wer ist besonders gefährdet?

Was ist passiert?

In den ersten Tagen des neuen Jahres wurden bereits vier Frauen in Österreich Opfer eines Mordes. Im vergangenen Jahr fielen 41 Frauen Morden zum Opfer. Und auch wenn die Ereignisse an sich nichts miteinander zu tun haben, zeigen sie, dass in allen Fällen Frauen mit den – männlichen – Tätern in einem Familien- oder Beziehungsverhältnis standen. In keinem anderen Land ist der Anteil der weiblichen Opfer bei Tötungsdelikten so hoch wie in Österreich.

Infos zu den Fällen:
16-Jährige in Park erwürgt
25-Jährige am Wiener Hauptbahnhof erstochen
Vierfache Mutter in Amstetten erstochen

Wie viele Frauen und wie viele Männer sind Opfer?

Im Jahr 2018 wurden insgesamt 70 Menschen in Österreich ermordet, davon 41 Frauen. 2017 waren es 62, davon 36 Frauen. 2016 waren von 49 Mordopfer 28 Frauen.

Mordstatistik
© APA/Waxmann

Wie ist das Verhältnis von Opfer und Täter?

Von Jänner bis November 2018 standen mehr als drei Viertel der Mordopfer in einem Verwandtschafts- oder Bekanntschaftsverhältnis zum Täter.
Dass die meisten Gewalttaten nicht auf offener Straße sondern im eigenen Umfeld bzw. zuhause stattfinden, unterstreicht auch der Tätigkeitsbericht aus 2017 der Wiener Interventionsstelle. Dieser besagt, dass in fast 46 Prozent der von ihnen verzeichneten Gewaltfälle Opfer und Gefährder in einem Paarverhältnis standen und bei 25 Prozent es sich um den Ex-Partner handelte. In 19 Prozent der Fälle kam der Gefährder aus der Familie (Großeltern, Onkel, Geschwister) und in 10 Prozent der Fälle handelte es sich um Personen aus dem sozialen Nahraum wie etwa Bekannte, Kollegen oder Nachbarn. Nur 1,1 Prozent der Fälle waren mit einem fremden Gefährder konfrontiert.

Dazu interessant: Häusliche Gewalt - Darum bleiben Frauen

Gewalt in der Familie betrifft also nur Frauen?

Nicht nur, aber zu einem viel höheren Anteil als Männer, wie etwa die Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie in ihrem Tätigkeitsbericht von 2017 beschreibt: Die Stelle bereit in dem Jahr 5.339 Klientinnen – und 846 Klienten. „Das macht deutlich: Frauen und Mädchen sind überproportional von Gewalt betroffen “, ist dort zu lesen. Zudem wird noch festgehalten, dass auch in den meisten Fällen, in denen Männer beraten wurden – die Gefährder ebenso männlich waren. „Mit 95,6 % handelt es sich bei einem überwiegenden Teil der Fälle, in denen weibliche Erwachsene Opfer von Gewalt werden, um männliche Gefährder; demgegenüber stehen nur ca. 5 % der Fälle, in denen Gefährderinnen Gewalt an weiblichen Erwachsenen ausübten.“
Die Dunkelziffer bei Gewalt an Frauen und häuslicher Gewalt sei zudem hoch, weil viele Opfer es nicht wagen würde, diese anzuzeigen.

Wie sieht diese Statistik im internationalen Vergleich aus?

„Frauenmord-Land Österreich – Trauriger Europa-Rekord“ titelte zum Beispiel die Zeitung der Vereinigung der Österreichischen Kriminalbediensteten in ihrer Mai 2018-Ausgabe. Laut einer „Mord-Bilanz“ von Eurostat halte Österreich beim Frauenanteil getöteter Menschen den Rekord , schreibt die Zeitung. Denn quer durch den Kontinent würden mehr Männer als Frauen umgebracht – im Gegenteil zu Österreich. Nur in Norwegen und Slowenien würden ebenso mehr Frauen als Männer Opfer von Morden – jedoch zu einem geringeren Prozentsatz als in Österreich.

Warum in Österreich so hoch?

Warum die Zahlen in Österreich so erschreckend hoch sind, kann in den vielen Diskussionen die derzeit rund um das Thema stattfinden, niemand wirklich konkret beantworten , weil es auch an Informationen fehlt. An den Gesetzen liege es nicht, sind sich die Experten meist einig, die sei in Österreich gut und auch das Netz der Schutzeinrichtungen breit. Die Gründe werden laut Vermutungen durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Genannt wird zum Beispiel ein immer stärkerer Anpassungsdruck sowie die damit einhergehende Angst der Männer, ihre Männlichkeit nicht zur Geltung bringen zu können und der daraus folgende Frust , der sich oft auch in Form von Hass-Postings entlädt. Ebenso werden die nach wie vor vorherrschenden konservativen Rollenbilder hierzulande sowie dem großen Aufholbedarf im Bereich Gleichberechtigung als Gründe vermutet.

Welche Altersgruppen sind von Gewalt in der Familie besonders betroffen?

Die größte Altersgruppe der Opfer umfasse Menschen zwischen 22 und 50 Jahren , so die Interventionsstelle. Dazu wird jedoch angemerkt, dass die Tatsache, dass die Gruppe über 60 Jahren relativ klein ist, nicht bedeute, dass ältere Personen seltener Gewalt erfahren würden. Eher müsse davon ausgegangen werden, dass diese über weniger Wissen über den Zugang zu Beratungseinrichtungen verfügen und weniger oft die Polizei verständigen würden.

Welche Staatsangehörige sind am häufigsten von Gewalt in der Familie betroffen?

Ein Großteil der Opfer, die von der Wiener Interventionsstelle beraten wurden sind Österreicher (über 50 Prozent der Klienten). Dies zeige, dass Gewalt kein kulturelles Phänomen sondern ein gesamtgesellschaftliches weltweites Problem sei, so der Bericht.

Wer sind die Gefährder?

Die Zahlen der Wiener Interventionsstelle machen das Problem gut sichtbar: So waren in fast 92 Prozent der Fälle die Täter männlich – was sich auch im Laufe der vergangenen Jahre kaum verändert habe. „Der Anteil der männlichen Gefährder lag in den vergangenen Jahren konstant bei über 90 Prozent; betroffen sind vor allem Frauen. Das zeigt: Gewalt war und ist kein geschlechtsneutrales Phänomen“, ist in dem Bericht zu lesen. Die größte Altersgruppe lag übrigens wie auch bei den Opfern zwischen 22 und 50 Jahren und 48 Prozent kamen aus Österreich.

Was kann gegen diese häusliche Gewalt – die im Extremfall in einem Mord endet – getan werden?

Die Wiener Interventionsstelle etwa schreibt: „Im Kontext der Gewaltprävention müssen die Ursachen von Gewalt reflektiert werden. Dazu zählen u.a. traditionelle Geschlechterrollenverteilungen und damit verbundene Rollenbilder, die männliche Aggression verharmlosen.“
Präventionsarbeit zielt oftmals auch darauf ab, bei Jungen und Mädchen das Bewusstsein zu ändern , wobei die Burschenarbeit dabei zentral ist, wie etwa Maria Rösslhumer vom Verein „Autonome Österreichische Frauenhäuser“ laut kontrast.at erklärte. Mit diesen würde diskutiert, was es heißt, ein Mann zu sein und dass dies nicht mit Aggressivität verbunden sein muss und es wichtig sei, miteinander zu reden, wenn es Probleme gibt und das Zeigen von Gefühlen keine Schwäche sei.
Sei ein Mann einmal gewalttätig geworden, sei es wichtig, gleich nach der ersten Wegweisung mit verpflichtender Täterarbeit zu beginnen, um zu verhindern, dass diese erneut zuschlagen sowie bei diesem sofort eine Gewalteinschätzung zu machen und bei Gewaltpotenzial U-Haft zu verhängen, da sich die Frauen sonst vor der Reaktion ihres Partners fürchten müssen.

Wie reagiert die Politik?

"Die Morde an Frauen in den vergangenen Tagen und Wochen haben gezeigt, dass wir akuten Handlungsbedarf in diesem Bereich haben", sagte Innenminister Kickl und kündigte an, eine Screening-Gruppe einzurichten. Diese soll Mordfälle die seit 1. Jänner 2018 verübt wurden und als Beziehungstat eingestuft werden, aufrollen, screenen und analysieren . In den Fokus gefasst werden sollen beispielsweise die Vorgeschichte des Täters, die Opfer-Täter-Beziehung und Opfer-Täter-Charakteristika. "Es geht uns unter anderem darum zu analysieren, wer was wann wo wie womit und warum getan hat. Daraus sollen Muster abgeleitet werden. Eine weitere Frage, die sich die Gruppe stellen wird, ist, ob es Kommunikationsmängel zwischen verschiedenen Stellen gibt, die behoben werden müssen. Dadurch soll ein präventiver Ansatz erzielt werden, wodurch künftige Gewalttaten verhindert werden können", betonte der Innenminister.
Die Screening-Gruppe soll sich aus Experten von Polizei, Innenministerium, Justiz, Profiling/Psychologie, Opferschutz und dem Austrian Center for Law Enforcement Sciences (ALES) zusammensetzen. Außerdem soll mit internationalen Einrichtungen Kontakt aufgenommen werden.

Die Einrichtung der Gruppe sei zwar laut SPÖ „ein erster Schritt“, allerdings beklagte die Bundesfrauengeschäftsführerein Andrea Brunner das vorherige Stoppen Kickls der Teilnahme der Polizei an den Opferschutz-Fallkonferenzen „Marac“. So wie auch viele andere die Kürzung der Mittel für viele Frauenprojekte der Regierung immer noch scharf kritisieren.

Infos und Links:

Frauenhelpline gegen Gewalt
0800 222 555 (österreichweit gebührenfrei)
Beratung: rund um die Uhr, anonym und kostenlos, 365 Tage im Jahr.

Eine Linkliste der Hilfseinrichtungen finden Sie hier.