Feministische Pornos von

"Es geht darum, die
Lust der Frau zu zeigen"

Feministische Pornos - "Es geht darum, die
Lust der Frau zu zeigen" © Bild: miljko/iStock

In den meisten Pornos spielen Frauen keine Rolle, sie werden zum Objekt gemacht. Das will Adrineh Simonian ändern. Ein Gespräch über feministische Pornos und das Konzept der Monogamie.

Es begann in der Kantine. Ein Gespräch zwischen Kollegen und Kolleginnen am Nebentisch. Es ging um Pornos. Ein klischeehaftes Gespräch, die Männer in der Runde sprachen davon, dass sie Pornos geil fänden, die Frauen empfanden sie als abstoßend.

Ein Gespräch, das Adrineh Simonian nicht losließ. Zu diesem Zeitpunkt war sie Mezzosopranistin an der Wiener Volksoper.

"Die Worte gingen mir nicht aus dem Kopf. Ich stellte mir bewusst die Fragen: Was ist Pornographie? Brauchen wir Pornographie? Seit wann gibt es Pornographie?", erzählt Simonian.

Sie setzte sich mit dem Thema auseinander, stellte fest, dass Pornographie ein Teil des menschlichen Lebens ist, "weil es mit der Sexualität verknüpft ist und Sexualität wahrhaftig ein großer Schwerpunkt ist", beschäftigte sich mit der Geschichte, der Entwicklung, den Formaten, dem Mainstream, um sich schlussendlich die Frage zu stellen: "Ich habe nun viel gesehen, aber was würde ich denn tun? Wie würde ich denn Pornographie definieren?"

© ArthouseVienna Adrineh Simonian hat eine erfolgreiche Karriere als Opernsängerin zurückgelassen, um eine neue, kunstvolle Art der Pornographie zu erschaffen.

Simonian wird Porno-Produzentin, kehrt der Opernbühne den Rücken. Das war im Sommer 2014. Seitdem produziert sie feministische Pornos, auch "FemPorn" genannt. Sie hat ein kleines Produktions-Team zusammengestellt, sich das Filmen, das Schneiden selbst beigebracht und die Website "Arthouse Vienna" ins Leben gerufen.

News: Was ist das überhaupt ein feministischer Porno?
Simonian: Da spielen mehrere Aspekte eine Rolle. Ich benenne meine Arbeit "FemPorn", weil sie aus der Sicht einer Frau gemacht wird, sprich aus meiner Sicht. Zudem geht es bei "FemPorn" darum, auch die Lust der Frau zu zeigen. Zu zeigen: Frauen sind sexuelle Wesen, auch sie haben Lust.

Ist das der Unterschied zu den Mainstream-Pornos?
Im Mainstream geht es nie um die Frau. Vielmehr geht es um die Phantasien des Mannes. Dagegen habe ich prinzipiell auch nichts einzuwenden. Warum sollen Männer nicht auch ihre Phantasien ausleben? Der Punkt ist aber, wenn der Mann abspritzt, ist auch die Sexualität zu Ende. Die Frau hat zwar die ganze Zeit gestöhnt, aber man weiß nicht, ob sie jetzt Lust hatte, ob sie auch gekommen ist. Die Frau ist eher Mittel zum Zweck, sie ist ein Objekt. Das ist sie beim "FemPorn" nicht.

»Die weibliche Lust bedeutet nicht unbedingt Kuschelsex«

Wie würden Sie die Lust der Frau beschreiben?
Die Lust der Frau ist ein Mythos für den Mann. Viele wissen nicht mal, wo die Klitoris ist, welche Rolle sie spielt oder was der G-Punkt ist. Ich kenne viele Menschen, hauptsächlich Paare, die reden nicht über Sexualität. Dabei ist sie so facettenreich. Die weibliche Lust bedeutet nicht unbedingt Kuschelsex. Frauen mögen genauso auch harten Sex ...

Die Bandbreite ist groß ...
Ja, Frauen haben auch die unterschiedlichsten Wünsche und Vorstellungen und würden das auch gerne selbstbestimmt ausleben. Bisher hatten sie einfach noch keine Plattform um das zu zeigen und zu sagen: "Hört's, Menschen! Wir Frauen sind eigenständige Wesen mit einer eigenständigen Lust, die es wert ist, gesehen zu werden".

Simonian ist sehr konservativ aufgewachsen. Geboren in den 70ern, war Sexualität im Elternhaus ein tabu. Die gebürtige Iranerin bezeichnet sich selbst als sexuelle Spätzünderin. Mit dem Feminismus-Begriff von Alice Schwarzer und der 1987 von ihr lancierten Kampagne "PorNo" kann Simonian nicht viel anfangen, sie hält den Zugang für nicht effizient. "Mich hat es gestört, dass sich Frauen fast wie Männer ausgegeben haben, um zu zeigen, wir können es auch." Simonian vertritt die Ansicht, dass Frauen ihre eigenen Stärken und Schwächen haben. So wie Männer. "Vielleicht ist der Weg zum Ziel ein unterschiedlicher, aber zum Ziel kommen Frauen genauso wie Männer."

Was Alice Schwarzer zu ihren Pornos sagen würde? Darüber habe sie noch nie nachgedacht, sagt Simonian und glaubt, dass die Feministin wohl kein Verständnis dafür aufbringen würde.

Die Filme auf Simonians Website dauern von sieben Minuten bis zu einer Stunde. Wer einen Clip sehen will, muss zwischen knapp zwei und zehn Euro bezahlen. Bei den Formaten Black Box und Blind Date, in denen zwei Unbekannte mit verbundenen Augen aufeinandertreffen, arbeitet Simonian mit Amateuren.

Was sind das für Leute, die zu Ihnen kommen?
Keine exponierten Menschen. Es ist schwer, Leute zu finden, auch weil ich sehr streng auswähle. Die Menschen, die mir schreiben und die dann auch in Frage kommen, haben meistens eine sehr spannende Geschichte zu erzählen. Im Laufe unseres Mailverkehrs werden die Gespräche persönlicher, die Menschen öffnen sich.

Läuft das alles über Mail ab?
Am Anfang ist es immer per Mail. Dann trifft man sich auf einen Kaffee. Es geht viel um Kommunikation. Wie sprechen über Sexualität, Politik, Gesellschaft, Moral, Ethik und irgendwann kommen sie dann ganz von alleine und sagen: "Ich finde es toll, was du machst. Ich wäre gern ein Teil davon". Das kann von drei Wochen bis zu sieben Monaten gehen.

»Ich habe nie das Verlangen gehabt vor die Kamera zu gehen«

Und wie geht es dann weiter? Dann wird die Blackbox bei ihnen aufgebaut ...
Wenn es zum Dreh kommt, ist es immer in einer Wohnung, aber nicht in meiner. Ich baue das Setting auf, schwarzes Bett, schwarzer Boden, alles schwarz. Ein Spiel aus Licht und Schatten, bei dem Raum- und Zeitgefühl verschwinden. Man fokussiert auf den sexuellen Selbstausdruck des Menschen.

Es gibt keine Verpflichtungen. Anders als in der Mainstream-Branche gibt es bei Simonian keinen Vertrag, den man zu erfüllen hat. Wenn einem das Produkt gefällt und man mit der Veröffentlichung einverstanden ist, erst dann geht auch der Film online. Auf Wunsch kann der Film im Nachhinein auch gelöscht werden, das ist aber so gut wie noch nie vorgekommen.

Waren Sie selbst auch schon vor der Kamera?
Nein, ich habe noch nicht mitgemacht. Ich habe nie das Verlangen gehabt, vor die Kamera zu gehen. Ich glaube, ich belasse es auch dabei. Ich bin eigentlich ungern vor Kameras. Ich lasse mich auch sehr ungern fotografieren.

Das klingt ungewöhnlich für jemanden, der auf der Bühne stand.
Das ist etwas Anderes. Bei Konzerten stehst du als Adrineh Simonian vor dem Publikum, das heißt, das bin ich. Auf der Opernbühne kann ich mich in einer Rolle verstecken. Das heißt, die Simonian spielt die Rolle von ... Ich habe ein Kostüm an, ich bin geschminkt. Ich habe mich da hinter einer Rolle verstecken und meine emotionale exhibitionistische Ader ausleben können. Als Konzertsängerin kannst du das nicht. Du stehst praktisch nackig da als du selbst und da habe ich mir immer sehr schwer getan.

Heute steht sie nicht mehr auf der Bühne, versteckt sich hinter keinen Rollen. An ihrem Küchentisch tüftelt sie an neuen Konzepten, führt Gespräche mit ihren ProtagonistInnen. In der Wohnung im ersten Wiener Gemeindebezirk wohnt sie gemeinsam mit ihrem Partner. Einem bekannten Opernsäger. Er habe sie von Anfang an unterstützt, sie bestärkt das Risiko einzugehen. Er sei die Liebe ihres Lebens, so Simonian.

Sind wir Menschen monogam?
Ich behaupte, keiner von uns ist monogam. Ich halte nichts von diesem Konzept. Ich halte aber sehr viel von der Liebe des Lebens. Mein Mann ist die Liebe meines Lebens. Das ist unzerstörbar, das ist, wenn man so will, ein Zusammenleben von hundertprozentiger Gleichberechtigung. Das heißt aber auch, dass wir frei entscheidende Menschen sind ...

»Ich behaupte, keiner von uns ist monogam«

Auch in Bezug auf Liebesbeziehungen?
Wir nehmen in unserer Beziehung keine Rollen ein. Ich als Adrineh habe die Freiheit, Menschen zu treffen, bei denen ich das Gefühl habe, da ist was zwischen uns, da schwebt etwas. Das hat gar nichts damit zu tun, dass mein Mann dadurch einen geringeren Wert hat. Für meinen Mann gilt das natürlich auch. Diese Freiheit zu haben bedeutet aber auch, eine große Verantwortung zu tragen.

Die aber vielleicht auch nicht jeder tragen will ...
Viele können oder wollen diese Verantwortung nicht tragen, auch weil es der steinigere Weg ist. Aber wenn man den steinigeren Weg geht, ist es ein sehr erfüllender Weg. Ich habe mit meinem Mann keine Geheimnisse und kann über all meine Gefühle und Empfindungen reden.

Ist das eine offene Beziehung?
Das hat mit offener Beziehung nichts zu tun, wenn man darunter versteht, ich kann "rumschnacksl'n", mit wem ich will. Das interessiert mich nicht. Vielmehr geht es um Emotionen für andere Menschen, die man nicht unterdrücken sollte. Es geht darum, sich besser kennenzulernen, Erfahrungen zu sammeln, Gedanken und Gefühle zu artikulieren und diese zu teilen.

Das hat unglaublich viel mit Kommunikation zu tun.
Es ist wahnsinnig viel Kommunikation. Eine ständige Kommunikation. Der Punkt ist, man lernt, sich ehrlich auszudrücken. Wenn man etwas denkt und spürt, ist es vermutlich nicht so greifbar. In dem Moment, in dem ich aber versuche, es in Worte zu fassen, und diese Worte ausspreche, wird einem wahnsinnig viel über sich selbst bewusst.

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