"Nicht aufhören, am Leben teilzunehmen"

Mittendrin statt nur dabei: In ihrem neuen Essay "Altern" erklärt Elke Heidenreich, warum es wichtig ist, auch jenseits der 80 im Leben zu stehen, und dass der Lebensabend nichts ist, vor dem man sich fürchten muss – solange man gute Freunde und eine Aufgabe hat.

von Elke Heidenreich © Bild: Bettina Flitner / laif / picturedesk.com

Nur weil man nicht mehr jung ist, ist man noch lange nicht alt: Jane Fonda beweist, dass man auch mit 86 Jahren noch Klimaaktivistin sein kann, Monica Bellucci hob den Altersschnitt der "Bond Girls" von 28,8 auf 51 Jahre. Isabelle Huppert ist mit 71 Jahren immer noch eine gefragte Schauspielerin, Grece Ghanem ist trotz (oder gerade wegen) ihrer 58 Jahre eine der erfolgreichsten Mode-Influencerinnen (2 Millionen Follower) und die deutsche Bestsellerautorin Elke Heidenreich hat soeben erst, mit 81 Jahren, ihren Essay zum Thema Altern veröffentlicht: Ein liebevoller und dennoch ehrlicher, ungeschönter Wegweiser fürs Älterwerden, der aufzeigt, dass es durchaus noch Dinge gibt, auf die man sich im Alter freuen darf.

Nicht mehr zuständig

Alter, so scheint es, ist heute mehr eine Zahl als eine Bestimmung. Trotzdem fürchten sich die meisten davor und das, obwohl das Älterwerden auch allerhand Schönes mit sich bringt, wie Heidenreich beschreibt. Zum Beispiel, dass man sich frei machen darf, von sozialen Konventionen und gesellschaftlichem Druck, wie dem Jugendwahn. "Wir haben doch heute eine Generation sehr fidelen Alters. Der Jugendwahn findet eher in mittleren Jahren statt. Da steht das Alter wohl noch als ein Gespenst in der Zukunft." Von ästhetischen Korrekturen, um die optischen Zeichen der Zeit zu minimieren, hält die Autorin jedenfalls wenig. Sie steht ihrem eigenen Alter durchaus nicht feindlich gegenüber: "Wenn man es dann erreicht hat, merkt man, dass es eine fabelhafte Zeit sein kann! Und ich denke, das spricht sich langsam rum."

Mit Begriffen wie "Ageism" (dt. Diskriminierung aufgrund des Alters) kann Heidenreich ebenfalls wenig anfangen und auch mit Kritiken, die ihre Generation betreffen: "Man wirft ja gerade meiner Generation vor, dass wir am schlechten Zustand der Welt schuld sind. Das weise ich aber weit von mir. Wir sind genau die Generation, die das nicht ist. Wir haben die Grünen gegründet, Greenpeace, Amnesty International, 'Ärzte ohne Grenzen'. Wir haben gegen Paragraph 218 und 175 gekämpft, und wir haben einen Teil dazu beigetragen, die Welt nach der Nazizeit unserer Eltern besser zu machen." Heidenreich ist der Ansicht, dass man im Alter nichts mehr beweisen muss, was eine gewisse Freiheit verschafft: "Man hat sein Leben gelebt, und man ruht sich jetzt nicht irgendwie auf Lorbeeren aus, man nimmt schon noch an der Welt teil, aber man ist nicht mehr zuständig für alles. Das kann eine große Erleichterung sein."

Freundschaften halten fit

Das Bild der Älteren – vor allem dem von Frauen – wandelt sich gerade massiv. Frauen mit grauem Haar wollen nicht länger als gütige, liebe Oma porträtiert werden. "Wir haben durch bessere medizinische Versorgung und weitgehend weniger schwere körperliche Arbeit heute eine viel höhere Chance, alt zu werden als die Menschen früher. Das ist die größte Veränderung. Aber es hat sich auch am Bild der Alten in der Gesellschaft etwas geändert. Wir sind nicht mehr der 'weise Großvater' oder die 'gütige Oma', sondern erwachsene Menschen nach einem langen Berufsleben, die noch am Leben teilnehmen, sofern sie dazu gesund genug sind, wenn sie jenseits der 80 sind. So wie ich." Nicht nur das Bild, sondern auch die Werte älterer Frauen verändern sich. Viele von ihnen stehen ohnehin auch jenseits der 60 noch im Berufsleben, manche haben auch wenig Lust darauf, gleich wieder die Care-Arbeit für die Enkelkinder mitzutragen, sobald die eigenen Kinder aus dem Haus sind. Ihre eigene Kindheit bezeichnet die Autorin als trostlos, für Heidenreich war eine eigene Familie deshalb nie wirklich ein Thema, obwohl sie zweimal verheiratet war. Ein Talent zu sexueller Treue hat sie, wie sie selbst schreibt, jedoch nicht, weshalb sie sich selbst auch wenig geeignet für die Ehe empfand. Dennoch bereut sie ihre Erfahrungen nicht, was auch daran liegt, dass sie viele gute Freundschaften pflegt. "Man sollte einigermaßen versorgt, noch einigermaßen gesund und zwar gern mal allein, aber nie einsam sein. Wenn man das hinkriegt, ist Altern wunderbar", so die Autorin.

»Man sollte Freundschaften pflegen, geistig beweglich bleiben und nicht denken, Ruhestand wäre ein so äußerst erstrebenswertes Ziel«

Elke Heidenreich, Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Journalistin

Dass ein intaktes Netz aus kontinuierlichen Sozialkontakten gerade im Alter eine entscheidende Rolle spielt, ist auch wissenschaftlich bestätigt: Eine Meta-Analyse um das Forscherteam der Psychologin Julianne Holt-Lunstad zeigte, dass Menschen mit einem starken sozialen Netzwerk länger leben. Gute Freunde bis ins hohe Alter zu haben, sei der Gesundheit ebenso zuträglich wie auf das Rauchen zu verzichten, so die Forscher. Und: Der Analyse zufolge ist der positive Effekt stabiler Freundschaften auf die Gesundheit sogar wichtiger als Sport oder das Körpergewicht. Einsame Menschen leiden Forschern zufolge außerdem häufiger an Bluthochdruck und sogar an Krebs, da Einsamkeit zu chronischem Stress führt, was sich wiederum negativ auf das Immunsystem auswirkt. Zeit mit Freunden zu verbringen und viel zu lachen, hemmt hingegen das Stresshormon Cortisol und hilft dabei, Entzündungen einzudämmen. Daneben leiden sozial gut eingebundene Menschen auch seltener an Demenz, wie eine britische Langzeitstudie aus dem Jahr 2019 verdeutlicht, und auch weniger häufig an Depressionen.

Keine Lust auf Ruhestand

Auch sollten Menschen bis ins hohe Alter eine sinnstiftende Arbeit oder Tätigkeit ausüben, um gesund zu altern. Für manche ist das die gemeinsame Zeit mit den Enkelkindern, andere hingegen wollen die Erwerbstätigkeit nicht aufgeben. Eine deutsch-spanische Studie des EPoS Research Center an der Universität Mannheim zeigte zwar erst kürzlich, dass ein späterer Pensionsantritt häufig früher zum Tod führe, vor allem in Berufen mit hoher körperlicher oder psychischer Belastung, jedoch lasse ein schrittweiser Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand, wie die Altersteilzeit, die Lebenserwartung wieder steigen.

Ruhestand käme für Heidenreich jedenfalls nicht infrage. In ihrem Essay schreibt sie: "Ich beneide niemanden ums Nichtstun. Auch Zipperlein stellen sich ja dann gern ein, wenn sonst nichts ist. Ich habe nie verstanden, wieso sich Menschen so sehr danach sehnen, endlich nichts mehr zu tun. Ich kann es mir natürlich vorstellen bei schwerer körperlicher Arbeit, die erschöpft und verbraucht. Aber in meinem Umfeld, unter Lehrern, Journalisten, Angestellten, unter Schreibtischtätern und Intellektuellen soll es sinnvoll sein, endlich nicht mehr denken zu müssen? Wie soll das denn funktionieren?" Ihre Conclusio: Die plötzliche Untätigkeit funktioniere in den meisten Fällen nicht und die Frustrationen sind bei den Betroffenen enorm. Ihr Rezept, um glücklich und gesund zu altern: "Man sollte Freundschaften pflegen, geistig beweglich bleiben und nicht denken, Ruhestand wäre ein so äußerst erstrebenswertes Ziel."

© Hanser

In ihrem Essay "Altern"* beschäftigt sich Elke Heidenreich mit dem Altwerden und der Frage, was ein erfülltes Leben im Alter bedeutet. Hanser Berlin


Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 21/2024 erschienen.

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