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Mord in Kitzbühel:
Von Schuld, Sühne und Schmerz

Chronik - Mord in Kitzbühel:
Von Schuld, Sühne und Schmerz © Bild: News/Ricardo Herrgott

Im Oktober gesteht der Kitzbüheler Andreas E. fünf Menschen getötet zu haben. Heute bereut er die Taten, sagen seine Eltern. Sie stehen nach wie vor zu ihrem Sohn. Und Kitzbühel steht zu den Eltern

Schnee bedeckt das Grab auf dem Friedhof in Kitzbühel. Ein Gesteck aus Tannenzapfen, Zweigen und roten Weihnachtsbaumkugeln thront in der Mitte. Davor brennen Trauerkerzen. Hier ruht die Familie, die im vergangenen Herbst erschossen wurde. Mutter, Vater, Sohn und Tochter. Der mutmaßliche Täter, Andreas E. (25) soll am 6. Oktober seine Ex-Freundin samt Familie und Bekannten erschossen haben. Er stellte sich danach der Polizei und gestand. Die Kitzbüheler waren schockiert und trauerten. Jeder im Ort kannte mindestens einen aus der Familie. Alle waren betroffen. Heute, drei Monate später, bereitet sich Kitzbühel auf die Skiparty des Jahres vor. Das Hahnenkamm-Rennen. Aber wie feiert ein Ort, in dem kürzlich fünf Menschen auf grausamste Weise verstorben sind? Wie geht es dem mutmaßlichen Täter hinter Gittern? Und wie können dessen Eltern in Kitzbühel weiterleben?

Häufig zerstören Mörder ja nicht nur das Leben der Menschen, die sie getötet haben, sondern machen ihre eigenen Angehörigen zu Opfern. Es sind Opfer, die nur selten auf Mitgefühl hoffen dürfen. Opfer, von deren Leid kaum einer hören will. Oft werden sie ausgegrenzt, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis. Zumindest hier in Tirol scheint das anders. Der Vater von Andreas E. steht vor seinem Einfamilienhaus, in einer kleinen Siedlung im Süden von Kitzbühel. Er ist ein freundlicher Mann, der sich gewählt ausdrückt. Er habe es eilig, weil er bei den Vorbereitungen für das Hahnenkamm-Rennen mithelfe. Der Nachbar fährt vor und steigt aus dem Auto aus. "Griaß di. Wie geht's?", ruft dieser über die Straße. Der Vater lächelt zurück und winkt. Er sagt, dass alle in Kitzbühel in den vergangenen Monaten fair zu seiner Frau und ihm gewesen seien.

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Hört man sich in der Stadt um, sind viele Kitzbüheler einer Meinung: Die Eltern seien schon genug bestraft. Sie hätten keinen Einfluss auf die Taten ihres Sohnes gehabt. Sie könnten nichts dafür. Das sagen Kaffeehausbesitzer, Wirte, Geschäftsleute in Kitzbühel. Auch der Bürgermeister, Klaus Winkler, hat die Eltern mehrmals nach der Tat getroffen. Immer wieder habe er ihnen Mut zugesprochen. "Die Familie wurde nie ausgegrenzt und erhält jede Hilfe, die sie braucht", sagt Winkler. Noch immer seien sie im städtischen Leben und Vereinswesen fest verankert.

Eltern besuchen Tatverdächtigen

Auch der Kitzbüheler Pfarrer Michael Struzynski berichtet, dass er über 200 E-Mails nach der Tat erhalten habe. Viele Menschen würden ihm schreiben und um gute Gebete und Hilfe für die Eltern bitten. Manche sogar für den mutmaßlichen Täter. Pfarrer Struzynski ist daraufhin in die Justizanstalt Innsbruck gefahren. Er kennt Andreas E. und seine Familie. Er wollte selbst mit dem Tatverdächtigen sprechen. Seine Version hören. Aber Andreas E. wollte nicht sprechen.

Dafür besuchen die Eltern ihren Sohn ein-bis zweimal in der Woche in der Justizanstalt. Auf die Frage, wie es Andreas E. jetzt geht, sagt der Vater: "Wie soll es jemandem gehen, der so etwas gemacht hat?" Er bereue die Tat und es tue ihm wahnsinnig leid. Andreas E. habe Diabetes 1, sagt der Vater. Diese Krankheit mache ihm zu schaffen, vielleicht habe das sogar eine Auswirkung auf seinen psychischen Zustand, mutmaßt der Vater. Das müssten jetzt die Gutachter entscheiden. Er scheint selbst darauf zu hoffen. Auf eine Erklärung. Auf etwas, dass ihm begreiflich macht, was er selbst nicht verstehen kann.

In der Justizanstalt Innsbruck wartet Andreas E. in einer Fünf-Mann-Zelle auf seinen Prozess, die er zurzeit mit zwei weiteren Untersuchungshäftlingen bewohnt. "In Fällen, wo die Täter mehr in der Öffentlichkeit stehen, gibt es spezielle Hafträume", sagt Michael Figl von der Justizanstalt. Das seien die sogenannten "Wisci-Räume"."Diese Zellen werden von Häftlingen bewohnt, die den Alltag hinter Gittern schon besser kennen, sich an die Regeln halten und auf ihre Mithäftlinge aufpassen können. Zur Suizidprävention", so der stellvertretende Leiter. Man verlasse sich darauf, dass diese Insassen sofort melden, wenn ihnen etwas Ungewöhnliches auffallen würde. Zusätzlich gebe es mindestens einmal in der Woche Besuche vom Psychiater, der Psychologin und der medizinischen Betreuung. Bei Bedarf auch öfters, sagt Michael Figl.

© APA/Zoom.Tirol Der Tatort

Untersuchungshaft in Österreich bedeutet, dass ein Häftling 23 Stunden lang am Tag eingesperrt ist. Eine Stunde darf er im Hof spazieren gehen. Viel Zeit, um nachzudenken. In der Justizanstalt Innsbruck hat Andreas E. zumindest hin und wieder die Möglichkeit, einen Fitnessraum zu besuchen. Dass er Besuch von seinen Eltern bekommen darf, ist auch nicht selbstverständlich. "Bei ihm besteht ja schließlich nicht die Gefahr, dass er Beweise verschwinden lässt", sagt Staatsanwalt Hansjörg Mayr. Wie lange Andreas E. tatsächlich noch in U-Haft sitzen muss, steht bisher nicht fest. Es gibt noch keinen Prozesstermin. "Die Ermittlungen sind nicht abgeschlossen. Wir warten auf das psychologische Gutachten", so Mayr.

Sie verbrannten die Zettel am Grab

Die psychiatrische Gerichtssachverständige Heidi Kastner wurde beauftragt, den mutmaßlichen Täter zu untersuchen. Die entscheidende Frage wird sein: War Andreas E. zum Zeitpunkt der Taten zurechnungsfähig? Auch wenn Andreas E. die Taten gestanden hat, gilt für ihn die Unschuldsvermutung.

In Kitzbühel laufen Anfang der Woche die Vorbereitungen für das Hahnenkamm- Rennen auf Hochtouren. Der Hubschrauber fliegt immer wieder über die Stadt und bringt Werkzeuge und Absperrgitter rauf auf die Streif-Abfahrt, die Skirennstrecke. Ist also in Kitzbühel alles wieder beim Alten? "Nein", sagt Bürgermeister Klaus Winkler. Zwar sei in der Stadt nach dem Begräbnis der Mordopfer wieder Ruhe eingekehrt, aber der Anschlag hätte sich in die Gedanken der Bevölkerung eingeprägt. Das meint auch Pfarrer Struzynski. Es hätte viele Gespräche in kleinen Gruppen gegeben, aber nichts Öffentliches.

Deshalb suchte der Pfarrer nach einem Weg, wie die Kitzbüheler mit ihrer Trauer umgehen könnten. Er stellte nach der Tat mitten in der Kirche eine Klagemauer auf. Fotos der Opfer schmückten sie. Jeder Kitzbüheler sollte die Möglichkeit haben, auf einem Zettel seine Gedanken und Gefühle aufzuschreiben und so zu verarbeiten. Bis Ende November blieb die Klagemauer in der Kirche stehen. Über 1.000 Zettelchen steckten anschließend darin. Der Pfarrer las sie nicht. Es sollte etwas Persönliches bleiben. Gemeinsam mit den engsten Angehörigen der Mordopfer verbrannte er diese Zettel am Familiengrab. Da lag noch kein Schnee.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der News Ausgabe Nr.3/20

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