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Ein Arzt an seinen Grenzen

Chronik - Ein Arzt an seinen Grenzen © Bild: GettyImages

Nach dem tragischen Tod des Primars der Gynäkologie machen Gerüchte um das Villacher Krankenhaus die Runde. Kollegen und Freunde fordern Antworten

Die Spitzen der europäischen Gynäkologie stehen unter Schock. Von Feldkirch über Innsbruck und Wien nach Zürich, Hamburg und London wollen Professoren, Chef- und Oberärzte nicht glauben, was in Kärnten passiert ist: Einer ihrer „hilfsbereitesten Kollegen“, „engagiertesten Lehrer“, „fleißigsten Schüler“, „kreativsten Köpfe“ und „brillantesten Forscher“ – so der Tenor – ist Ende Oktober fristlos von seinem Posten als Chefarzt der Abteilung Gynäkologie am Landeskrankenhaus Villach entlassen worden. Er soll „Standards und Behandlungsrichtlinien im Bereich der Geburtshilfe mutwillig nicht eingehalten“ haben und dabei Patientinnen „akut gefährdet haben“, heißt es laut Vorstand der Landeskrankenanstalt Betriebsgesellschaft (Kabeg), Arnold Gabriel, vergangene Woche. Gegenüber News spezifiziert Gabriel den Entlassungsgrund: „Nach jetzigen Recherchen handelt es sich um 13 Fälle, in denen internationale Behandlungsstandards verletzt wurden.“ Der Arzt habe sich trotz mehrfacher Hinweise seines Vorgesetzten eigenständig über die Vorgaben hinweggesetzt. „Gott sei Dank sind Hebammen und Fachärzte eingeschritten und es hat keine Schäden gegeben, aber die potenzielle Gefahr war da.“

Es sind ernste Anschuldigungen gegenüber einem Primarius – noch dazu solche, gegen die er sich nicht wehren kann. Denn unmittelbar nach seiner Entlassung beging der 54-jährige Chefarzt Suizid. Wie konnte es nur so weit kommen? Welche Rolle spielte seine Entlassung? Was steckt tatsächlich hinter der schwammigen Begründung? Was spielte sich im Inneren des Krankenhauses ab und was im Inneren des renommierten Arztes?

Außer Zweifel

Es sind Fragen, auf die seine Weggefährten keine Antwort wissen. „Er gehörte sicher zu den besten Ärzten im deutschsprachigen Raum“, sagt der ehemalige Primar von Bregenz, Hans Concin, „seine Qualifikation steht absolut außer Zweifel. Jeder, der etwas anderes behauptet, hat absolut keine Ahnung und jeder, der etwas davon versteht, kann das bestätigen.“ Sechs weitere von News kontaktierte Ärzte tun das alle in gleichermaßen hohen Tönen. Gleichzeitig echauffieren sie sich über die unsachliche Formulierung und Veröffentlichung der leidvollen Nachricht von Seiten der Krankenhaus-Holding und der Politik. Der Kärntner FPÖ-Klubobmann Christian Leyroutz stellt zuletzt die Frage: „Wie funktioniert die Qualitätssicherung der Kabeg, wenn ein leitender Arzt seiner Aufgabe nicht gewachsen ist?“, und unterstellt dem Verstorbenen damit mangelnde Fähigkeiten. Man hätte schon hellhörig werden müssen, als es einen Rückgang der Patientenzahlen gab, so der Politiker weiter.

Siegfried Fessler, Oberarzt an der Uniklinik Innsbruck macht das rasend: „Es ist ganz normal, wenn ein altgedienter Chefarzt geht und ein neuer kommt, dass die Zahlen nach unten gehen. Hier wird versucht, politisches Kleingeld zu machen, von Leuten, die von der medizinischen Sache wenig Ahnung haben.“ Eine Kollegin aus Hamburg, Ulrike Helmes-Hackelöer, ist der Ansicht: „Er hat es als Person und als Persönlichkeit nicht verdient, in so eine Situation zu kommen.“ Marc Possover, Professor in Zürich und international anerkannter Spezialist im Bereich der Frauenheilkunde ist entsetzt: „Er ist tot und sie nehmen ihm noch das Einzige, indem sie auch noch seinen Ruf beschmutzen. Ich kenne ihn seit über 20 Jahren, er war eine Koryphäe der Geburtshilfe, er hätte seine Patienten nie gefährdet. Er hätte sein Leben gegeben für seine Patienten.“

Nährboden für Gerüchte

Nach einer äußerst erfolgreichen internationalen Laufbahn war der Chefarzt erst seit einem Jahr in Villach tätig. „Andere Kollegen und ich haben gewusst, da geht was ab in Villach, irgendwas stimmt dort nicht“, sagt Marc Possover und erinnert sich an seine letzte Begegnung mit dem Verstorbenen. „Er war sehr bedrückt, nicht so locker wie sonst und auffällig war, dass er permanent telefonieren musste.“ Worum es ging, habe er nicht erfahren. Auch andere Ärzte äußern ähnliche Beobachtungen. Es ist die Rede von einer „Mitarbeiterriege“, von „Konflikten mit Hebammen“ und von „schlampiger Bürokratie“, die schon im Frühjahr zu einer Suspendierung des Chefarztes geführt haben soll. „Es kommt bei solchen Dingen immer drauf an, wie man etwas darstellt und wie es dramatisiert wird“, sagt ein amtierender österreichischer Chefarzt, der anonym bleiben möchte. „Es kann einem auch etwas Bürokratisches zum Verhängnis werden, wenn man mit der Verwaltung nicht gut gestellt ist“, sagt eine andere Ärztin, die nicht namentlich genannt werden möchte, „er war ein sehr fortschrittlicher, dynamischer Arzt, mit dem bestimmt nicht alle mithalten konnten, da hat er bestimmt angeeckt.“ Als kreativer Mensch, der neue Dinge machen will, macht man sich nicht nur Freunde, meint Oberarzt in Innsbruck, Siegfried Fessler, „jeder braucht seinen Reibebaum.“ Aber kann ein hochintelligenter Arzt, der jahrzehntelang äußerste Stressresistenz bewiesen hat, daran derart verzweifeln?

Eine Arztkollegin, die ihn persönlich sehr gut kannte, sagt: „Er hat für die Medizin gelebt, die Arbeit war sein Leben. Dass da mit Mutwilligkeit argumentiert wird, kann ich mir erstens nicht vorstellen und hätte ihn zweitens zutiefst verletzt“ – wie sehr, das werden seine Angehörigen wohl nie erfahren. Doch die dahinterliegenden Gründe bleiben im Detail zu erforschen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Printausgabe 47 2018