"Hardcore sind die Marien-Anhänger"

Mit hinterhältiger Besinnlichkeit stellt sich Andreas Vitasek im Programm "Spätlese" der vorangaloppierenden Lebensreife. Im Gespräch beklagt er die berufsbedrohende Zensur des Guten.

von Andreas Vitasek © Bild: Valerie Loudon

Im rüstigen Alter von 67, wenn andere noch vom neuen 47 fantasieren, richtet der Wiener Kabarettist Andreas Vitasek sein Sinnen schon auf die "Spätlese" (die verschobene Premiere war am 21. November im Wiener Rabenhof Theater). Das darf nicht verwundern, denn der Tod mit Sense war seit den Anfängen in den Siebzigerjahren ein akklamierter Protagonist des stillen Philosophen, hinter dessen verwinkelten Sprachgebilden ein subversiver, politisch unbeirrbarer Geist lauert.

Andreas Vitasek, stolzer Sohn von Wien-Favoriten, wurde am 1. Mai 1956 als Sohn eines immigrierten tschechischen Schneiders und einer Mostviertlerin geboren. BRG Waltergasse im vierten Bezirk, Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik, Pantomimenschule Lecoq in Paris. Seit 1981 Kabarettist und Schauspieler, legendär z.B. für "Müllers Büro", "Kaisermühlen-Blues" und "Vitasek?". In zweiter Ehe verheiratet, drei Kinder.

Herr Vitasek, wie geht es Ihnen? Sie mussten Ihre Premiere verschieben, was ist passiert?
Ich bekam Corona. Das war am Anfang so heftig, als ob man gegen eine Tür läuft. Nach vier Tagen ging es mir schon besser. Aber ich trau dem Frieden nicht, man weiß ja nicht, wie sich dieses Virus entwickelt.

Unser Interview beginnt wie ein klassisches Wartezimmergespräch, Ihr Programm hat den Titel "Spätlese". Ist das Zufall oder gibt es einen Zusammenhang mit Ihrem Jahrgang 1956?
Natürlich verlagern sich jetzt die Themen. Jetzt werden die heißesten Tipps gegen Arthrose interessanter.

Würden Sie uns an einem teilhaben lassen?
Ich habe aufgehört, Tennis zu spielen. Stretchen soll helfen, ist mir aber zu mühsam.

Haben Sie auch etwas gegen Arteriosklerose?
Früher nannte man Demenz Altersvergesslichkeit und Parkinson Zipperlein. Vielleicht sollte man die alten Begriffe wieder einführen. Das macht sie lebensnaher, das wäre halt dann der Lauf des Lebens und nicht ständig eine neue Diagnose.

Kommen wir auf Ihr Programm zurück. Was meinen Sie mit "Spätlese"?
Ich habe nach einem Titel gesucht, der mein Alter einfängt, ein bisschen eine Rückschau ist und den kommenden Winter erahnen lässt. Ich wollte im Titel aber nicht zu negativ sein, sonst bekommt es etwas leicht Depressives, Graugefärbtes. Spätlese hat aber mit Genuss und mit Erfahrung zu tun, weil der Winzer, der seine Spätlese einfährt, erfahren sein muss, damit er genau den richtigen Zeitpunkt erwischt, wann die Trauben zu ernten sind. Das ist ganz heikel. Ich fand, da passt Spätlese ganz gut.

Andreas Vitasek
© Valerie Loudon

Was wird man da hören?
Ich will jetzt hier keine Wuchtelparade abziehen, aber sagen wir, es sind Betrachtungen der Zeitenwende durch die Brille eines älteren Herren. Es geht um die großen Themen, die uns grad alle beschäftigen. Aber die ganz brandaktuellen möchte ich lieber aussparen. Da sieht man schon die Grenzen der Satire. Ich rede über politische Korrektheit, Klimawandel, unsere Generation, die Boomer, das Boomer-Bashing. Ich versuche, uns zu verteidigen, weil ja nicht alles schlecht war, was wir gemacht haben. Man muss ja auch der nächsten Generation ein bisschen Arbeit überlassen. Nur mit Work-Life-Balance wird das auch nicht zu machen sein. Ich bin draufgekommen, dass ich in meinen Programmen immer von mir, vom Privaten ausgehe und dann auf etwas anderes, etwas Allgemeingültigeres verweise. Das liegt daran, dass ich ein relativ durchschnittlicher Mensch bin, und was mich betrifft, betrifft viele andere auch. Das ist die Job-Description des Kabarettisten, dass er nicht abgehoben ist, im Unterschied vielleicht zu wunderbaren Schriftstellern, die irgendwo im Elfenbeinturm leben wie der von Ihnen bewunderte Peter Handke, den ich auch sehr schätze. Aber jetzt eine Hundert-Seiten-Betrachtung über das Pilzesammeln als Kabarettprogramm zu spielen wäre wohl etwas nur für Spezialisten.

Sie könnten das einmal versuchen.
Die Vorverkaufszahlen möchte ich mir da nicht anschauen. Ich liebe Pilze, aber ich habe immer ein bisschen Angst vor ihnen. Die können sich so gut tarnen. Da sieht der eine wie der andere aus, der eine ist tödlich und der andere schmeckt großartig. Das ist kulinarisches russisches Roulette.

Wie wird der Privatmann Vitasek von der Korrektheit gestreift?
Das ist ein großes Thema, weil ja ununterbrochen die Selbstzensur im Kopf mitspielt. Dinge, die früher witzig-provokant waren, gehen auf einmal nicht mehr. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich habe eine grüne Army-Jacke. Die trage ich schon seit zehn Jahren. In dem Moment, als der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist, hatte ich das Gefühl, ich kann keine Armeejacke mehr auf der Straße tragen, obwohl sie bequem ist und viele Taschen hat, aber das Symbol ist ein anderes geworden. So ist das auch mit der Korrektheit im Humor. Einen ganz tollen jüdischen Witz kann man jetzt nicht erzählen, obwohl der Witz nicht schlechter geworden ist und der jüdische Humor der großartigste der Welt ist. Auch die Humorproduktion ist von dem abhängig, was gerade passiert.

Sie haben aber doch seinerzeit auch über 9/11, den Anschlag auf die Twin Towers in einem Ihrer Programme gescherzt!
Soweit ich mich erinnern kann, war das eine Kritik am militanten Islamismus. Was Religion betrifft, bekam ich die ärgsten Reaktionen allerdings von Katholiken, vor allem von Marien-Anhängern. Die sind hardcore.

Worauf nahmen die Bezug?
Ich hatte die unbefleckte Empfängnis angezweifelt. Eh ein Klassiker.

Aber wenn man über den Propheten scherzt ...
... gerät man in Lebensgefahr und braucht lebenslangen polizeilichen Schutz. Ich sagte in einem frühen Programm etwas über die 72 Jungfrauen. Nach der Vorstellung hat mich eine junge Türkin gestellt und mich ins Gebet genommen, dass ich so etwas nicht sagen soll. Natürlich öffnet sich da eine Schere im Kopf und man fragt sich, ob der eine oder andere Gag wirklich so gut ist, ob man den unbedingt bringen muss. Ich machte zum Beispiel einmal einen Witz über Alzheimer ...

Bitte erzählen!
Na gut. Was sind die drei Vorteile von Alzheimer? Man lernt immer neue Leute kennen, man kann sich zu Ostern die Eier selber verstecken und man lernt immer neue Leute kennen. Ich bekam daraufhin einen erbosten Brief von einer Frau, deren Vater an Demenz erkrankt ist. Sie fragte, ob ich auch über Krebskranke einen Witz machen würde. Ich dachte, ich schreib ihr zurück, wenn sie einen guten Witz über Krebskranke hat, gerne. Aber dann habe ich nicht darauf reagiert. Jeder ist heute sofort betroffen. Aber die Humorproduktion durch reine Provokation ist seit Harald Schmidt schon wieder im Abebben. Es bringt keinen großen Humorgewinn, wenn man gegen bestehende Moralnormen verstößt. Das ist vorbei. Andererseits ist politisch korrekter Humor ein Widerspruch in sich. Man müsste in der multiplen Krise einen Weg finden, die Leute zumindest zum Lächeln zu bringen, ohne dass man dabei gleichzeitig Tausende Menschen verletzt. Die Aufgabe wäre es, Humor zu produzieren, ohne Fronten zu schaffen.

Sie sprachen zuvor über uns Boomer. Wir haben noch für etwas gekämpft, heute macht man Work-Life-Balance, wenn ich das als keifender Balkon-Muppet so formulieren darf.
Ja natürlich, als Muppet-Figur sage ich das auch. Wir haben ja auch für etwas gekämpft, für lange Haare, Rockmusik, für Müsli, für WGs, für freie Liebe. Dass die dann in Otto- Mühl-Kommunen abgedriftet und das Müsli im Supermarktregal gelandet ist, sind Entwicklungen, die wir vielleicht auch auf unsere Kappe nehmen müssen. Aber was erwartet sich die Letzte Generation, außer dass sie sich letzte Generation nennt? Wenn sie sich so nennen, können sie eh schon den Hut draufhauen. Ich werfe mich nicht in den Staub und schütte Asche auf mein Haar, ich habe meinen Kindern die beste Ausbildung, die es gibt, ermöglicht.

Andreas Vitasek
© Valerie Loudon

Wie alt sind sie denn und was machen sie?
Mein Sohn ist 39, meine erste Tochter 25 und meine zweite ist 15. Mein Sohn kümmert sich um Leute, die durchs soziale Netz gefallen sind, meine Tochter arbeitet bei "Forbes" und meine kleine Tochter ist noch in der Schule.

Parteipolitik stand nie im Zentrum Ihrer Programme, aber drängt sich in dieser Zeit nichts auf?
Praktisch alles! Wir gehen schon aus der Tür hinaus wie in einen Dschungel. Hinter jeder Ecke wartet die nächste Krise. Wir sind doch alle nur noch angespannt. Man spürt, wie bei den Leuten die Nerven blank liegen. Sie wissen nicht mehr, wie das mit der Teuerung weitergeht. Bei mir ist das Jammern auf höherem Niveau, aber wenn ich sehe, wie sich die Kosten für Energie verdoppeln, muss ich auch einmal meinen Haushaltsplan ansehen. Es herrscht absolute Unsicherheit. Und es gibt keine Perspektiven mehr. Das macht die Leute grantig. Mitten in der Nacht bekomme ich dann Hasspostings, die an der Grenze zum Strafrecht sind. Aber ich kann auch verstehen, dass die Leute ausflippen.

In einem älteren Programm lassen Sie die "Internationale" aus einer Schachtel ertönen und erzählen wehmütig von Hoffnungen, die es nicht mehr gibt. Ist die Situation jetzt noch schlimmer?
Es geht heute nicht mehr um den Unterschied zwischen Marktwirtschaft und Planwirtschaft. Wir werden ohne eine Regelung der Grundbedürfnisse nicht mehr durchkommen. Der Luxus soll ruhig weiter möglich sein, jeder, der will und kann, soll sich seinen Kaviar leisten. Aber wenn es wirklich um Brot, Butter, Milch geht, muss das für alle geregelt sein. Es wird auch nicht ohne Mietpreisdeckel gehen, und auch die Energie muss gedeckelt werden. Es hupfen uns andere Staaten eh vor, dass das geht. Wir haben eine der höchsten Inflationen, da muss man doch etwas dagegen tun. Man muss auch weggehen von diesem strengen Links-rechts-Denken. Ich bin in Favoriten aufgewachsen, ein offenes sozialdemokratisches Bildungssystem hat es mir ermöglicht, ins Gymnasium zu gehen, später zu studieren. Ich habe zwar nicht fertig studiert, aber ich hätte die Möglichkeit dazu gehabt. Dafür bin ich dankbar und das hat mich in der Wolle rot gefärbt. Wenn jetzt aber so etwas auftaucht wie linker Antisemitismus, habe ich Probleme, mich selbst als links zu bezeichnen. Diese Unsicherheit, dieses Nicht-mehr-beheimatet-Sein in einer Ideologie oder in einer Religion macht den Leuten zu schaffen. Das treibt die Schwächeren in die Hände derjenigen, die die einfachen Lösungen anbieten.

»Queer People for Palestine? Ihr seid die Ersten, die dort abgeschlachtet werden!«

Eine Art neue Ideologie scheint die Wokeness zu sein, nicht?
Das Absurdeste, das ich gehört habe, war Queer People for Palestine. Da denk ich mir, Schatzis, ihr seid die Ersten, die dort abgeschlachtet werden! Es wird immer absurder, das geht schon in Richtung Monty Python.

Greta Thunberg hat sich mit ihrer Pro-Palästina-Äußerung auch disqualifiziert.
Greta Thunberg hat vermutlich am Freitag Geschichtsunterricht gehabt.

Wo setzen Sie der Satire denn dann Grenzen?
Ich lasse mir die Grenzen ungern von anderen ziehen, sondern versuche, sie selber zu finden.

Nämlich?
Bei den Voraufführungen von "Spätlese" in Innsbruck habe ich mich bei zwei Pointen gefragt, ob das nicht zu viel ist. Ich erzähle da folgende Geschichte: Ich sollte einen Galaauftritt bei der Eröffnung eines Autohauses haben. Aber es gab Reden und Reden, und ich kam nicht dran. Dann erzählte mir der Techniker einen Witz, einen sehr dreckigen. Als ich dann endlich auf die Bühne komme, sind alle schon beim Buffet, niemand hört mehr zu, und ich bin so angefressen, dass ich den Witz laut ins Mikrophon spreche. Der ist so arg, dass es zu einem Skandal kommt. Die Frage ist jetzt: Soll ich den Witz wieder erzählen oder nur sagen, dass es ein schmutziger Witz war? Es ist natürlich ein fieser Trick, zu sagen, ich erzähle keine Witze mehr, weil ich habe einmal einen Witz erzählt, der ging so und so, und dann erzählt man ihn trotzdem. Täglich ändere ich meine Meinung: Soll ich den Witz erzählen, soll ich ihn nicht erzählen? Das ist so was von schwierig! Ich frage mich, ist das schon die Zensur, die ich mir selber in den Kopf gesetzt habe, oder bloß professionelles Grübeln?

Sie sind ja teuflisch raffiniert! Jetzt fiebert das ganze Land dem Witz entgegen.
Hahaha! Das ist wie bei der Nummer von Monty Python über den tödlichen Witz, die im Ersten Weltkrieg spielt. Die Engländer erfinden den tödlichen Witz und senden ihn mit Lautsprechern zu den Deutschen, die vor Lachen sterben. Natürlich möchte man diesen Witz erfahren, aber den erzählen sie natürlich nicht. So ist es auch mit diesem Witz. Man kann ihn nicht erzählen.

Das verbindet ihn mit dem Schaffen der "Spitzbuben", die in den Siebzigerjahren ein rabiat inkorrektes, aber grandioses Heurigenkabarett abgefeuert haben.
Genauso ist es! Es gibt wenige Dinge, die ich in meinem Leben bereue, eines davon ist, dass ich es nie zu einem Liveauftritt von den "Spitzbuben" geschafft habe. Bei Hendl und Bier ...

... und unfassbar diskriminierenden Ausritten über Frauen und Minderheiten, die alle mitsammen im Publikum gesessen sind und sich darüber abgehaut haben.
Ist das nicht toll! Genauso wie man Politiker beschimpft, und die sitzen im Publikum und hauen sich ab. Mehr Gelassenheit in allen Dingen wäre doch wünschenswert. Dass man sich nicht bei jedem Wort fragen muss: Bekomme ich jetzt einen Shitstorm, ist meine Karriere jetzt beendet? Ein Witz auf der Bühne geht heutzutage gar nicht mehr. Was ich schade find, weil gute Witze ja Minidramen, kleine Theaterstücke sind. Ich verkünde in meinem Programm, dass es bald die Witze-Prohibition gibt. Man wird Witze nur noch in exklusiven Clubs erzählen dürfen, in Darkrooms, wo Lisa Eckhart unkorrekte Geschichten erzählt. Nur für Auserwählte.

Dann kommt die Razzia ...
... und wir sind alle dran.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 46/2023 erschienen.