70 Jahre Talkmasterin

Die 90-jährige japanische Journalistin Tetsuko Kuroyanagi hält den Weltrekord mit den meisten Talkshows, in denen sie Gäste aus Kunst, Sport und Politik zu einem Gespräch einlud und befragte

von Peter Sichrovsky © Bild: News/Ricardo Herrgott

Letzte Woche in Tokio: Auf ein Gestell gestützt geht Tetsuko Kuroyanagi am Arm ihrer Assistentin ein paar Stufen vom Gang des zweiten Stocks des TV-Senders hinauf zum Studio, wo bereits Kameras und Beleuchtung vorbereitet sind. In der Mitte des Settings ein Glastisch mit Blumen, auf der einen Seite eine schmale Bank für die Gäste, auf der anderen ein helles Sofa, auf dem sich Kuroyanagi langsam niederlässt.

Die Assistentin streift ihr die Stiefel ab und die ältere Dame schlüpft in breite Lederschuhe mit hohen Absätzen. Inzwischen richtet ihr die Friseurin den typischen Haarknopf und ordnet die Stirn fransen. Eine Kosmetikerin pudert die Wangen, zieht Augenbrauen und Lippen nach und bürstet ein paar Fussel von ihrer Jacke. Kuroyanagi ist bereit für ihr zwölftausendeinhundertdreiundneunzigstes Interview.

Sitzbank

Ihre Sendung „Tetsuko no Heya“ (Tetsukos Raum), fünfmal die Woche jeweils um zwölf Uhr mittags, nennt das „Guinness World Record Book“ als die Talkshow mit den meisten Sendungen mit ein und demselben Talkmaster. Seit 1976 spricht Kuroyanagi mit mehreren Generationen japanischer Künstler und Künstlerinnen aus Film, Theater, Literatur und Malerei, mit Sportlern und Sportlerinnen, Politikern und Politikerinnen. Auch internationale Celebritys wie Meryl Streep, Lady Gaga und Michail Gorbatschow saßen auf ihrer Bank. In einem Gespräch mit Journalisten erklärte Kuroyanagi, dass sie Interviews mit Politikern eigentlich nicht mag, sie ziehe Künstler und Sportler vor. Politiker seien nie offen und ehrlich, eher vorsichtig mit ihren Antworten und würden wie eingeübt klingen. Gorbatschow sei die große Ausnahme gewesen. Mit ihm habe sie eine angenehme und interessante Unterhaltung führen können.

Kuroyanagi ist bekannt für ihre überraschenden Fragen über private und persönliche Details, drängt die Interviewten dazu, offen und authentisch über Freuden und Sorgen zu sprechen, über Beziehungen, Scheidungen, Erkrankungen, familiäre Probleme und auch über den Tod. Eines ihrer Lieblingsthemen ist das Älterwerden. Sie fragt nach Erinnerungen, Entwicklungen, Erfolg und Misserfolg von der Kindheit zum Erwachsenen und zum älteren Menschen. Als Neunzigjährige konfrontiert sie ihre Gäste mit den Veränderungen im Laufe des Lebens, was es für sie bedeutet und wie sie es bewältigen. Den bekannten koreanischen Sänger Ahn Hyo-seop, mit 28 Jahren einer ihrer jüngsten Gäste, überraschte sie mit Fragen, wie er sich das Leben in zehn, zwanzig Jahren vorstellen würde, wie er glaube, dass sich die Welt, seine persönliche Umgebung und damit sein Alltag ändern könnten.

Biografie

Ihre Autobiografie „Totto-chan: Das kleine Mädchen im Fenster“ ist mit 25 Millionen Exemplaren und Übersetzungen in 30 Sprachen die meistverkaufte Biografie weltweit. In dem Buch beschreibt sie die schwierige Zeit ihrer Kindheit in Japan vor und während des Zweiten Weltkriegs. Derzeit wird ein Zeichentrickfilm auf der Grundlage ihrer Biografie vorbereitet. In Tokio geboren studierte sie Musik und wollte Opernsängerin werden, spielte jedoch nach dem Studium in mehreren TV-Filmen, bevor sie 1975 eine eigene Show mit Gästen entwickelte, die erste Talkshow in einem japanischen TV-Sender. Sie hat nie geheiratet und hat keine Kinder.

Kuroyanagi kultivierte ihren eigenen Stil, der sie in Japan sowohl beim Publikum als auch bei den Interviewten enorm populär machte. Anstelle aggressiver, konfrontierender Fragen begegnet sie den Gästen freundlich, verständnisvoll und einfühlsam, so dass viele bewusst oder unbewusst bereit sind, Überraschendes und bisher Unbekanntes aus ihrem Leben zu erzählen. Der Beginn in der von Männern dominierten Industrie sei jedoch schwierig gewesen. „Ich war nicht nur die einzige Frau in der TV-Industrie, manche Männer reagierten auch als Gäste irritiert, von einer Frau befragt zu werden, vor allem mit Fragen zu ihrem persönlichen Leben. Männer in der Führungsebene der TV-Station kritisierten mich wegen meines humorvollen Umgangs mit den Gästen und meinten, es gehöre sich für eine Frau in Japan nicht, so zu sprechen“, sagte Kuroyanagi in einem Interview.

Veralterung

In dem Gespräch mit Gorbatschow – bis heute eines ihrer bekanntesten Interviews – verwickelte sie ihren Gast in eine Diskussion über Literatur, bis Gorbatschow einige Gedichte seines Lieblingsautors, Michail Lermontow, vortrug. „Ich würde mir wünschen, dass ein einziger japanischer Politiker, den ich interviewe, ein Gedicht seines Lieblingsautors vortragen könnte“, sagte sie nach dem Gespräch.

Mir den Einnahmen ihres Bestsellers gründete sie die Totto-Foundation und wurde 1984 als erste Vertreterin Asiens als Goodwill Ambassador für UNICEF nominiert. Sie gründete Schulen in verschiedenen Ländern in Asien und Afrika und öffnete die Türen für diplomatische Beziehungen zwischen Japan und Ländern der Dritten Welt.

In den letzten Jahren setzte sich Kuroyanagi für mehr Verständnis für die ältere Generation in Japan ein, einer Gesellschaft mit extrem geringer Geburtenrate und einer Veralterung aufgrund der hohen Lebenserwartung. Kurz vor seinem Tod sprach sie mit dem Dichter Rokusuke Ei, der den Text zu dem Lied „Sukiyaki“ schrieb, einem internationalen Hit, der in Dutzenden Filmen vorkommt. Er saß bereits im Rollstuhl und sprach über seine Erkrankung und seinen bevorstehenden Tod. Über ihre Zukunft sagte sie in einem Interview: „Ich möchte den Menschen Mut machen, auch im Alter noch aktiv zu sein, und wenn mein Körper und mein Geist es mir erlauben, würde ich gerne mit 100 Jahren noch Interviews machen.“70 Jahre Talkmasterin