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Teilzeit hat für die AK nichts mit Lifestyle zu tun

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Das magere Angebot an Kinderbetreuung zwingt Frauen in die Teilzeit
©APA, THEMENBILD, HANS KLAUS TECHT
Die Arbeiterkammer (AK) erteilt dem Vorwurf der "Lifestyle-Teilzeit" eine Abfuhr: Vielen Personen bleibe keine andere Wahl, so AK-Präsidentin Renate Anderl am Freitag. Sie stützt sich dabei auf eine Wifo-Auswertung auf Basis des Mikrozensus 2024 der Statistik Austria. Neben Betreuungspflichten sind etwa Ausbildung, Überlastung, ein Zweitjob oder ein fehlendes Vollzeit-Angebot die wesentlichsten Gründe für Teilzeit, führte Wifo-Direktor Gabriel Felbermayr aus.

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Hierzulande arbeitet jede zweite Frau, aber nur jeder achte Mann Teilzeit. Bei Personen bis 30 Jahre ist vor allem die Ausbildung der wesentliche Grund, nicht Vollzeit zu arbeiten. So arbeiten 36,2 Prozent der Frauen und 18,8 Prozent der Männer Teilzeit. Aber bei den 30- bis 49-Jährigen wird der Unterschied deutlich größer: Mehr als jede zweite Frau, aber nur jeder zehnte Mann arbeitet nicht die volle Stundenanzahl. Hier ist die Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen der wesentlichste Grund für einen Teilzeitjob. Wobei nur 16,6 Prozent der Männer Betreuungspflichten als Argument anführen.

Bei Kindern unter 15 Jahren wird Teilzeit für Frauen fast zum Regelfall (79,5 Prozent), während die Teilzeitquote der Männer auf knapp 8 Prozent sinkt. Sind die Kinder älter als 15 Jahre, verringert sich die Teilzeitquote bei den Frauen auf 60 Prozent, bei den Männern bleibt sie bei rund 8 Prozent. Der Anteil der Frauen, die Betreuungspflichten als Grund für die Teilzeit angeben, ist in Österreich dreimal höher als im EU-27-Durchschnitt. Dass Frauen großteils die Betreuungspflichten übernehmen, "ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles Versagen", merkte die ÖGB-Vizepräsidentin und Bundesfrauenvorsitzende Christa Hörmann dazu in einer Aussendung an.

Viele Frauen, die keine Betreuungspflichten haben, stehen nicht vor der Alternative Voll- oder Teilzeit. Viel mehr ist die Teilzeit der einzige Weg in den Arbeitsmarkt - vor allem für Migrantinnen, geht aus der Auswertung hervor.

Aber auch die Angabe "will keine Vollzeit" sei zu hinterfragen, merkte die AK an. Ein Grund dafür sei die hohe Arbeitsbelastung, etwa im Pflegebereich. Oft fehle es schlicht an der Möglichkeit, die volle Stundenzahl zu arbeiten. Das zeige sich etwa im Handel oder bei der Reinigung. Weiters sind Nebentätigkeiten oft ein Grund, nicht Vollzeit zu arbeiten. So haben 8,7 Prozent der Teilzeit-Beschäftigten einen Nebenjob - bei den Vollzeit-Beschäftigten sind es 4,3 Prozent.

Am Arbeitswillen mangelt es nicht unbedingt: "Rund 170.000 Teilzeitbeschäftigte in Österreich möchten ihre Arbeitszeit um durchschnittlich zwölf Stunden pro Woche ausweiten - dieses Potenzial gilt es besser zu nutzen", sagte Felbermayr. "Dafür braucht es vor allem eine flächendeckende, leistbare Kinderbetreuung, den Ausbau von Pflegeangeboten sowie faire Karrierechancen und Arbeitsbedingungen für Teilzeitkräfte. Insbesondere bei jenen unter der Geringfügigkeitsgrenze müssten wir über eine Verbesserung der Anreize im Steuersystem nachdenken", ergänzte der Ökonom. In diese Kerbe schlägt auch die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ): "Wichtige Anreize für Mehrarbeit sind auch die Steuerbegünstigung von Überstunden sowie der geplante Steuerfreibetrag auf den Zuverdienst in der Pension", hielt WKÖ-Generalsekretär Jochen Danninger in einer Aussendung fest. In einem Punkt ist man sich jedoch einig: Der weitere Ausbau der Kinderbetreuung sei dringend nötig, um Eltern Vollzeit zu ermöglichen.

Für die AK-Präsidentin bedarf es mehrerer Maßnahmen, um den Anteil der Teilzeit-Arbeit zu reduzieren. "Teilzeitbeschäftigte arbeiten nicht weniger, weil sie faul sind oder aus Spaß, sondern weil sie an ihre Grenzen stoßen", sagte Anderl.

Teilzeitbeschäftigte sollten nicht mehr als billige Flexibilitätsreserve genutzt werden, so die Position der AK. Mehrarbeit müsse ab der ersten Stunde bezahlt werden - mit gleichen Zuschlägen wie Überstunden. Der Zuschlag müsse auf 50 Prozent angehoben werden.

Geht es nach der Arbeiterkammer, soll es nach drei Monaten mit Mehrarbeit ein Recht auf Stundenaufstockung geben. Weiters wird ein moderneres Arbeitszeitrecht gefordert. Die AK beruft sich auf Studien, wonach eine gesunde Vollzeit bei einer 30- bis 35-Stunden-Woche liege.

Die Industriellenvereinigung (IV) wies in einer Mitteilung Forderungen nach einer gesetzlichen Arbeitszeitverkürzung zurück. "In einer Phase schwacher Konjunktur, hoher Lohnstückkosten und wachsender internationaler Konkurrenz würden solche Maßnahmen zusätzliche Kosten für den Standort Österreich mit sich bringen", sagte IV-Generalsekretär Christoph Neumayer. Aber auch das Recht auf Aufstockung der Arbeitszeit sieht die IV ebenso wie die WKÖ kritisch. Wichtiger wären gezielte Anreize für Vollzeit und längere Arbeitszeiten, ergänzte Neumayer.

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