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Statt um die Zuordnung zu einem Lager im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) gehe es ihm vor allem darum "Fakten sprechen zu lassen, es geht darum im richtigen Zeitpunkt den richtigen Zug zu machen". Die Zeiten wo man die Einordnung zwischen den beiden Fraktionen vornehme, seien vorbei. Zudem warnte Kocher davor, die Geldpolitik zu stark zu vereinfachen. Die Entscheidungen des Rats seien viel stärker an der aktuellen Datenlage orientiert als an ideologischen Einstellungen. Kochers Vorgänger Robert Holzmann galt als klarer "Falke" mit Fokus auf Inflationsbekämpfung durch höhere Zinsen.
In Österreich liegt die Inflation schon seit längerem klar über dem Schnitt der Eurozone. Maßnahmen könne primär die Politik setzen, so Kocher. Die OeNB schaue als Mitglied des EZB-Rats vor allem auf den Eurozonen-Durchschnitt bei der Teuerung, Maßnahmen direkt für einzelne Länder könnten in diesem Rahmen nicht gesetzt werden. Österreich müsse jedoch schauen, dass die Inflation auf den Euro-Schnitt gesenkt werde, damit das Land keinen Wettbewerbsnachteil erleide.
Ansetzen könnte man beispielsweise bei öffentlichen Gebühren, Löhnen oder der Indexierung von Preisen. Es sei ein Österreich-Spezifikum, dass so viele Preise indexiert seien. "Es geht darum, dass alle jetzt zusammenarbeiten, dass wir nicht weiter höhere Inflationsraten haben" - denn eine höhere Teuerung wäre nicht nur für die Konsumenten, sondern auch für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft problematisch.
Gegenüber fixen Preisgrenzen bei Energiepreisen, Mieten oder Lebensmitteln ist Kocher jedoch skeptisch. Zwar sei es nicht ungewöhnlich, dass in einem regulierten Markt auf Preise Einfluss genommen werden, die Gefahr sei jedoch, dass zu starke Regulierung das Angebot einschränkt. Dann seien die langfristigen negativen Effekte der Angebotsverknappung größer als der kurzfristige positive Effekt der Preisentlastung.
Für Zurückhaltung bei den Lohnverhandlungen plädierte Kocher nicht direkt. Einige Lohnerhöhungen - vor allem im Dienstleistungsbereich - seien durchaus angebracht gewesen. Eine konstant höhere Inflation als im internationalen Vergleich sei jedoch eine Belastung für die Wettbewerbsfähigkeit - vor allem bei jenen Unternehmen, die ihre Absatzmärkte auch außerhalb Europas hätten.
Hinsichtlich seiner relativ kurzen Pause zwischen seinem Amt als ÖVP-Arbeits- und Wirtschaftsminister und OeNB-Gouverneur sieht Kocher keinen Interessenkonflikt. Er sei in seiner Arbeit als Minister nicht direkt mit der Nationalbank in Berührung gekommen, da die OeNB im Finanzministerium ressortiert. Rechtlich gesehen gebe es zudem keine Notwendigkeit für eine Cooling-Off-Phase. Ein sofortiger Rücktritt als Minister nach seiner Nominierung im Herbst sei zwar "tatsächlich eine Überlegung" gewesen, die Stabilität der Regierung habe aber letztlich Vorrang gehabt. "Aber ich hätte auch nichts dagegen gehabt, zurückzutreten", sagte Kocher.
Kocher tritt am Montag sein Amt als Gouverneur und damit oberster Notenbanker des Landes an. Der 51-jährige Ökonom übernimmt die Geschäfte von Robert Holzmann, der sechs Jahre an der Spitze der OeNB stand. Zuvor war er IHS-Chef und bis vor kurzem ÖVP-Wirtschafts- und Arbeitsminister.