Nach dem Ende der Atomenergie steht Deutschland vor der Frage: Wohin mit dem hochradioaktiven Abfall? Die Antwort ist nicht einfach.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete dieser Tage die Abkehr von der Kernkraft in Europa als „strategischen Fehler“ und wirbt für eine Renaissance der Atomenergie, von der sich Deutschland gerade verabschiedet hat. Im Frühjahr 2023 wurden die letzten Atomkraftwerke im Nachbarland abgeschaltet.
Doch mit den Überresten wird Deutschland noch lange – um nicht zu sagen: ewig – leben müssen. Die Frage ist: Wohin damit? Die Suche nach geeigneten Standorten für Endlager wird deutlich länger dauern als angenommen. Das Vorhaben ist teuer und politisch heikel.
Wie kann Atommüll entsorgt werden?
Atommüll muss dauerhaft entsorgt werden, vor allem hochradioaktive Abfälle. Dauerhaft heißt in diesem Fall: Eine Million Jahre, um auf Nummer sicher zu gehen. Zwar ist der Großteil der radioaktiven Abfälle (insgesamt rund 650.000 Kubikmeter) weit weniger gefährlich, doch der hochradioaktive Müll (rund 27.000 Kubikmeter) enthält fast die ganze Radioaktivität. Bisher wurden dafür weltweit Zwischenlager genutzt, doch die sind – wie der Name verrät – nur eine Zwischenlösung.
„Nach dem Stand von Wissenschaft und Technik ist eine Einlagerung in ein tiefengeologisches Endlager die beste Lösung für die Aufbewahrung solcher Abfälle“, erklärt Friederike Frieß, Senior Scientist am Institut für Sicherheitsund Risikowissenschaften der BOKU Wien und Mitglied eines wissenschaftlichen Expertengremiums der Vereinten Nationen.
Es würden zwar noch andere Ansätze, etwa tiefe Bohrlöcher, beforscht. „Doch die sind technisch nicht ausgereift beziehungsweise entsprechen nicht unseren Ansprüchen an die Sicherheit.“ Finnland steht kurz davor, ein solches Endlager in Onkalo fertigzustellen, es laufen bereits die letzten Tests.
Zahlen zum Endlager in Onkalo/Finnland
Tiefe: 450 Meter
Unterirdische Fläche: 2 km2
Länge der Tunnel: 50 Kilometer
Fassungsvermögen: 6.500 Tonnen Uran in Form abgebrannter Brennelemente
Wie gefährlich sind Endlager für Menschen und Umwelt?
Friederike Frieß stellt klar: „Das Endlager an sich ist ja nicht gefährlich – gefährlich sind die radioaktiven Stoffe, die sich in diesem Lager befinden.“ Und da es diese Stoffe ja bereits gibt, sei ein Endlager der sicherste Ort, um sie aufzubewahren.
Ein Endlager müsse den Einschluss der radioaktiven Stoffe möglichst lange von der Umwelt isolieren. „Deshalb wird ein System von technischen und geologischen Barrieren verwendet.“ Von einem naturwissenschaftlich-technischen Aspekt her gäbe es auch ausreichend Standorte. Doch auch der Betrieb muss über lange Zeiträume technisch und finanziell abgesichert sein.
Wie weit ist Deutschland bei der Suche nach Endlagern?
Die Auswahl für einen konkreten Standort sei eine gesellschaftliche Aufgabe, die von der Politik so vorbereitet werden muss, dass die Bevölkerung sie mitträgt, erläutert Nuklear-Expertin Friederike Frieß. Genau das ist aber gar nicht so einfach. Neben den entsprechenden Bedingungen – etwa das Vorhandensein bestimmter Gesteinsschichten – machen zukünftige gesellschaftliche Verhältnisse Sorgen – wer kann sagen, wie die in zehntausend oder hunderttausend Jahren aussehen?
Zugleich sollen die Lager nicht sofort dicht verschlossen werden, sondern sie sollen über einen gewissen Zeitraum zugänglich bleiben. In Deutschland wurde das Auswahlverfahren 2017 begonnen, eigentlich sollte ein Standort bis 2031 gefunden werden. Doch das scheint unrealistisch, eine Suche wird mindestens bis 2070 dauern. Sicher ist, dass Genehmigung, Bau und Betrieb frühestens ab 2100 laufen werden – ein Projekt für mehrere Generationen also.
Wie steht Österreich zur Atomkraft?
Kein anderes Land in Europa ist gegenüber Atomkraft so negativ eingestellt wie Österreich: 61 Prozent sind laut dem Green Energy Index der Beratungsfirma EY gegen einen Einsatz von Atomstrom, dieser Wert hat sich in den vergangenen Jahren kaum geändert. Das hat historische Wurzeln: Die Mitte der 1970er entstandene Anti-Atomkraft-Bewegung führte zur Volksabstimmung 1978, bei der gegen eine Inbetriebnahme des bereits gebauten Atomkraftwerks in Zwentendorf gestimmt wurde.
Gleich danach wurden Bau und Betrieb solcher Kraftwerke verboten, 1999 wurde ein Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich beschlossen. Parteipolitisch gibt es diesbezüglich noch immer Konsens. Dabei stammen mindestens drei Prozent, nach anderen Berechnungen sogar mehr als zehn Prozent des verbrauchten Stroms aus Atomkraftwerken, unter anderem durch Importe aus Frankreich und Tschechien.
Wie wird ein Atomkraftwerk stillgelegt?
Ein Atomkraftwerk wird nicht einfach abgeschaltet. Bis zu 20 Jahre dauert der Rückbau, von den 36 kommerziellen Atomkraftwerken in Deutschland wurden bisher drei vollständig rückgebaut. Während Bauteile, die kaum oder nur mittelmäßig kontaminiert sind, nach einer Reinigung zumindest eingeschränkt eingeschmolzen oder nochmals verwendet werden können, waren andere hoher Strahlung ausgesetzt. Diese sind dann ebenso wie die abgebrannten Brennelemente nur in Endlagern sicher zu verwahren.
Zahlen und Fakten
27.000 Kubikmeter hochradioaktiven Abfalls müssen in Deutschland langfristig gelagert werden
414 Atomkraftwerke sind weltweit in Betrieb
23 Atomkraftwerke sind langfristig außer Betrieb
73 Atomkraftwerke sind aktuell in Bau
25 Prozent der Landfläche Deutschland sind theoretisch für den Bau von Endlagern geeignet
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2026 erschienen.






