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In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit würden Menschen Scheidungspläne eher nach hinten verschieben, erklärt Soziologin Ulrike Zartler-Griessl von der Universität Wien im Gespräch mit der APA. Zu sehen war das zuletzt während der Coronapandemie 2020, als die Zahlen ebenfalls gesunken waren, wobei es im Nachgang durch "nachgeholte Scheidungen" wieder einen ganz leichten Anstieg gab. "Unsicherheit politischer oder wirtschaftlicher Art verringert die Scheidungsraten, dieser Zusammenhang ist gut dokumentiert." Einerseits liege das an einem gesteigerten Bedürfnis nach Sicherheit in krisenhaften Situationen, andererseits könne man sich in solchen Zeiten eine Scheidung noch schwieriger leisten.
Scheidung bedeute immer einen wirtschaftlichen Einschnitt für Paare, weil Kosten nicht mehr geteilt werden. Gibt es Kinder, müssen danach zwei Wohnungen mit angemessenem Wohnraum finanziert werden. "Wenn rundherum alles instabil ist, dann bleibt man vielleicht doch in dieser stabilen Beziehung - auch wenn sie möglicherweise nicht befriedigend ist", warnt Zartler-Griessl davor, geringere Scheidungsraten mit mehr glücklichen Ehen gleichzusetzen. Auch bei anderen familiären Entscheidungen, etwa ob ein Paar ein zweites Kind bekommt, spiele die wirtschaftliche Situation eine Rolle.
Insgesamt gebe es in Österreich bei den Scheidungsraten allerdings schon seit 2008 einen Rückgang, und das habe neben den diversen Krisen auch mit der seitdem veränderten Zusammensetzung der Bevölkerung zu tun. Zugewanderte Menschen würden nämlich häufiger und früher heiraten, früher Kinder bekommen und sich seltener scheiden lassen, fasst Zartler-Griessl die Studienlage zum Thema zusammen.
Die Geburtenrate ist etwa zuletzt insgesamt auf 1,31 bzw. bei Österreicherinnen auf 1,22 gesunken, die von Müttern mit ausländischer Staatsbürgerschaft lag 2024 mit 1,58 allerdings deutlich darüber. Im Vergleich zu 2015 wurden auch deutlich weniger Kinder unehelich geboren, obwohl das mittlerweile gesellschaftlich schon lange akzeptiert ist. Über alle Kinder hinweg gab es ein Minus von 4 Punkten auf 38,1 Prozent, bei den Erstgeborenen war der Rückgang mit 6,3 Punkten auf 46,4 noch einmal größer. Auch dieser "Knick" hat laut Zartler in erster Linie mit der veränderten Bevölkerungszusammensetzung zu tun.
In Wien schlägt der vergleichsweise große Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund bei mehreren Indikatoren durch: Das mittlere Erstheiratsalter liegt hier mit 31,2 Jahren bei den Frauen und 33,0 bei den Männern deutlich unter dem Österreich-Schnitt. Der Anteil an Patchworkfamilien ist in Wien mit 5,1 Prozent wiederum deutlich geringer als im Österreich-Schnitt (7,9); in Kärnten, der Steiermark und dem Burgenland ist der Anteil gar mehr als doppelt so groß wie in Wien.
Die Zuwanderung hat laut Zartler-Griessl auch dazu geführt, dass Wien nach Jahrzehnten bei den Scheidungsraten nicht mehr einsam an der Spitze liegt. Mit zuletzt 39,7 Prozent landete die Bundeshauptstadt 2024 de facto gleichauf mit Niederösterreich, Kärnten und Vorarlberg.
Deutlich weniger Einfluss als auf die Scheidungsquoten hatten die jüngsten Krisen laut Eurostat-Daten in "Familie in Zahlen" auf die Wohnsituation junger Erwachsener: Der Anteil an 25- bis 29-Jährigen, die noch bei ihren Eltern wohnen, hat sich im Vergleich zur Zeit vor der Coronapandemie laut Daten aus früheren Jahren kaum verändert. Mit zuletzt 27,4 Prozent gibt es in Österreich außerdem immer noch deutlich weniger "Nesthocker" als im EU-Schnitt (41,4) und nur einen Bruchteil von Ländern wie der Slowakei, Polen, Spanien, Italien oder Irland, wo die Hälfte bis drei Viertel der 25- bis 29-Jährigen noch nicht aus der Wohnung ihrer Eltern ausgezogen sind.
Die Österreich-Zahlen sind dabei laut Zartler-Griessl zu einem großen Teil durch den Faktor Bildung erklärbar: Bestimmte Studienrichtungen würden hierzulande nur an speziellen Standorten angeboten, außerdem gebe es im Sozialstaat Österreich auch ein immer noch vergleichsweise leistbares Angebot an Wohngemeinschaften und Studierendenheimen. In Ländern wie Italien hingegen gebe es nicht nur eine lange Tradition, erst spät auszuziehen. Teilweise gebe es auch wenig verfügbaren Wohnraum oder sei für junge Erwachsene rechtlich nicht so einfach, selbst Wohnraum anzumieten, etwa weil man die Eltern als Bürgen braucht.






