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Schul-Chancenbonus: Wien, Graz und Linz profitieren stark

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"Chancenbonus" für 400 Schulen
©APA, Longauer
Über den Chancenbonus sollen 400 Brennpunktschulen ab Herbst mehr Unterstützung bekommen, das Gros der zusätzlichen 800 Planstellen geht an Wien. Dort gibt es die mit Abstand meisten Volks- und Mittelschulen, an denen besonders viele Kinder ungünstige Lernvoraussetzungen mitbringen. Allein 35 Chancenbonus-Schulen sind es laut Liste des Bildungsressorts in Wien-Favoriten, 32 im ähnlich schülerstarken Graz, 27 in Linz. In Wien-Floridsdorf gibt es für 25 Schulen Zusatzkräfte.

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In Österreich hängt die Bildungslaufbahn von Kindern viel stärker als in anderen Ländern davon ab, wo ihre Eltern herkommen und welche Bildung diese haben. Wie stark auch der Schüler-Mix am Standort hierzulande auf die Leistung durchschlägt, hat erst vergangene Woche ein Vergleich der Leistungen am Ende der Volksschulzeit wieder gezeigt: Schulen mit dem höchsten Anteil an Migrantenkindern aus bildungsfernen Familien liegen beim Lesen im Schnitt 22 Lernmonate hinter Schulen, an denen besonders viele Kinder die Erstsprache Deutsch und Akademikereltern haben.

Mit dem Chancenbonus sollen ab dem nächsten Schuljahr 244 Volksschulen und 156 Mittelschulen, in denen besonders viele Kinder schwierigere Lernvoraussetzungen mitbringen, zusätzliches Personal bekommen, um am Standort die Lernmotivation, das schulische Wohlbefinden und den Lernerfolg zu verbessern. Die Schulen können dabei je nach Bedarf Lehrkräfte oder aber Schulpsychologinnen und -sozialarbeiter, Theaterpädagogen und Psychotherapeutinnen beantragen. Zum Chancenbonus-Programm gehört außerdem das Vernetzen mit anderen Standorten und externe Beratung bei der Schulentwicklung. Insgesamt sind dafür pro Jahr 65 Mio. Euro zusätzlich budgetiert.

Vergeben werden die Mittel auf Basis der mit Daten der Statistik Austria erstellten sozioökonomischen Ausgangslage (SÖL), berücksichtigt werden dabei neben Migrationshintergrund und Alltagssprache der Kinder auch Bildungsstand, Erwerbsstatus und Einkommen der Eltern. Der Chancenbonus geht an Schulen der beiden untersten SÖL-Kategorien, wo besonders viele Kinder Migrationshintergrund und Eltern mit geringer Bildung und wenig Geld haben. Wie viel Unterstützung ein Standort bekommt, hängt von Schulart und Zahl der Kinder ab. Über die Qualität der Schule oder die Leistungen der Kinder sagt der SÖL per se nichts aus, wie das Ministerium betont.

Über Österreich hinweg sind die Schulen mit besonders schwierigen Ausgangsbedingungen extrem ungleich verteilt: Während in Wien 58 Prozent der Volksschulen in die SÖL-Kategorie eins und zwei fallen, sind es im Bundesschnitt nur 13. Darüber landet neben Wien nur Vorarlberg (24 Prozent). Dementsprechend gibt es auch in Wien mit 228 die meisten Volks- und Mittelschulen im Chancenbonus-Programm. In Meidling, Margareten und Ottakring sind es sogar neun von zehn Volks- und Mittelschulen im Bezirk.

Eine große Zahl an Chancenbonus-Schulen gibt es neben Favoriten und Floridsdorf auch im ebenfalls extrem bevölkerungsstarken Wiener Bezirk Donaustadt (20). Bei deutlich weniger Pflichtschülerinnen und -schülern kommen die Brigittenau und die Leopoldstadt auf 15 Chancenbonus-Standorte - das sind drei Viertel bzw. fast die Hälfte der Volks- und Mittelschulen im Bezirk. In Ottakring fallen 14 Schulen in die SÖL-Kategorien eins und zwei.

Auch abseits von Wien konzentrieren sich die Chancenbonus-Schulen erwartungsgemäß auf die Ballungsräume, nach Bundesländern gibt es auch in Oberösterreich und der Steiermark vergleichsweise viele Standorte in den SÖL-Kategorien eins und zwei. In Oberösterreich bekommen 59 Schulen den Chancenbonus. Neben Linz (24), wo es vier von zehn Volks- und Mittelschulen sind, befinden sich die meisten in Wels. Bei einem Drittel der Linzer Schülerzahl kommt diese Stadt auf 12 Standorte, das sind zwei Drittel der dortigen Volks- und Mittelschulen. In der Steiermark erhalten 41 Schulen ab Herbst Zusatzressourcen, neben den 32 Standorten in Graz - das ist knapp die Hälfte der dortigen Volks- und Mittelschulen - u.a. auch drei in Kapfenberg und zwei in Leoben.

In Niederösterreich gibt es bei etwas mehr Volks- und Mittelschulen und ähnlich vielen Schülern nicht einmal halb so viele Chancenbonus-Standorte wie in Oberösterreich (27). Neun davon liegen in Sankt Pölten, das ist über ein Drittel der dortigen Volks- und Mittelschulen. In Wiener Neustadt sind es fünf (28 Prozent), in Krems drei (30).

In Salzburg befinden sich bis auf zwei Standorte in Hallein alle 13 Chancenbonus-Standorte in der Landeshauptstadt, das entspricht einem Viertel der dortigen Volks- und Mittelschulen. In Tirol kommen zu den zehn Standorten in Innsbruck (29 Prozent) noch je einer in Telfs und in Wörgl.

In Vorarlberg findet man die elf Schulen mit der schwierigsten Ausgangslage in Bludenz, Bregenz (je drei), Lustenau, Feldkirch (je zwei) und Frastanz. In Kärnten gibt es jeweils vier Chancenbonus-Schulen in Klagenfurt und in Villach, das sind 13 bzw. 24 Prozent der dortigen Volks- und Mittelschulen. Ein Sonderfall ist das Burgenland, wo es keine einzige Schule der SÖL-Kategorie eins oder zwei gibt. Der Chancenbonus geht dort an eine Volksschule der Kategorie drei in Parndorf.

"Unser Ziel ist, dass die Potenziale der Kinder und Jugendlichen im Vordergrund stehen - und nicht mehr der Bildungshintergrund der Eltern", bewarb Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) das Programm. Bei vergleichbaren Projekten zur Verbesserung der Chancengerechtigkeit im Ausland habe sich die Unterstützung von Schulen mit den schwierigsten Rahmenbedingungen besonders wirksam gezeigt. Auf Schulen der SÖL-Kategorie eins und zwei konzentriert sich das Ministerium, weil zwischen diesen Standorten die Leistungsunterschiede am größten und Fördermaßnahmen voraussichtlich am effektivsten sind.

Dass die Veröffentlichung der Standortliste zu einer Stigmatisierung der 400 Chancenbonus-Schulen führen und bildungsnahe Familien abschrecken könnte, befürchtet Wiederkehr nicht. Die Eltern wüssten auch jetzt schon, welche Schulen eher bildungsfernes Klientel haben, betonte er am Montag im Ö1-"Morgenjournal". Jetzt könnten die Chancenbonus-Schulen immerhin damit werben, dass sie mehr Ressourcen für individuelle Förderung bekommen oder es spezielle Angebote wie einen Sozialpädagogen oder Psychologen am Standort gibt. "Damit haben wir den gegenteiligen Effekt, nämlich dass diese Schulen, die besonders herausgefordert sind, auch wieder attraktiver werden."

(S E R V I C E - Liste der 400 Chancenbonus-Schulen: https://go.apa.at/QdwW1PLV)

Für das Förderprojekt ausgewählte Schulen nach Schultypen und Bundesländern; Quelle: Bildungsministerium. Die Auslieferung der APA-Grafiken als Embed-Code ist ausschließlich Kunden mit einer gültigen Vereinbarung für Grafik-Pauschalierung vorbehalten. Dabei inkludiert sind automatisierte Schrift- und Farbanpassungen an die jeweilige CI. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an unser Grafik-Team unter grafik@apa.at. GRAFIK 0342-26, 88 x 108 mm

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