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In Österreich gibt es Schätzungen zufolge etwa 450.000 Personen, die aufgrund einer Hörbehinderung in der Kommunikation mit anderen beeinträchtigt sind. Davon sind ungefähr 8.000 bis 10.000 Menschen gehörlose Gebärdensprachbenutzer und -benutzerinnen.
Bis 1980 war in den österreichischen Lehrplänen noch ein Gebärdensprachverbot festgeschrieben, erst 2005 wurde die ÖGS durch die Verankerung in der Bundesverfassung formal anerkannt. Dann hat es nochmals 20 Jahre bis zu den ersten Lehrplänen für den Gebärdensprachunterricht gedauert: Ab Herbst, dem Beginn des Schuljahrs 2026/27, kann an der AHS-Oberstufe ÖGS als Zweite Lebende Fremdsprache gewählt werden - gleichrangig zu anderen Sprachen wie Englisch, Französisch oder Italienisch. In Volks- und Mittelschule sowie in der AHS-Unterstufe wird die ÖGS - bei Anmeldung eines entsprechenden sonderpädagogischen Förderbedarfs - im Rahmen einer verbindlichen Übung unterrichtet.
In dieses "Vakuum", so die Gebärdensprachforscherin Verena Krausneker von der Universität Wien, ist das europäische Projekt "BAG-Sign" (Be Aware of the Grammar of Sign Languages) gestoßen, an dem das Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte in Wien beteiligt war. Basierend auf linguistischen Erkenntnissen wurde eine pädagogische Grammatik für die ÖGS und vier weitere Gebärdensprachen anhand von acht Themenbereichen (Fragen, Verneinung, Plural, Zeit, Referenz, Tätigkeit, Aspekt und Gespräch) entwickelt. Zudem wurden Schulungen und Online-Tutorials für Lehrkräfte erarbeitet.
"Das Besondere daran ist, dass wir die Grammatik der Gebärdensprachen der teilnehmenden Länder in der jeweiligen Sprache erklären", erklärte Krausneker gegenüber der APA. Dazu gibt es auf der einfach strukturierten Website mehr als 2.500 verschiedene Videos in ÖGS und den anderen vier Gebärdensprachen. Entwickelt wurden diese in einem partizipativen Ansatz von tauben und hörenden Forscherinnen und Forschern in Zusammenarbeit mit gehörlosen, schwerhörigen und hörenden Lehrenden aus Deutschland, Schweiz, Italien, Frankreich und Österreich.
Das Projektteam hofft, mit den Videos zu den verschiedenen Themen das Sprachwissen und -bewusstsein von tauben, schwerhörigen und hörenden Kindern und Jugendlichen zu stärken, die Qualität des Gebärdensprachunterrichts in Schulen zu verbessern und Lehrpersonen beim Unterricht zu unterstützen. Schließlich gebe es nach wie vor kein Lehramtsstudium für ÖGS und auch nur wenig auf Kinder und Jugendliche ausgerichtetes Unterrichtsmaterial, betonte die Sprachforscherin. Vorhandene Bücher und Materialien würden sich meist an hörende Erwachsene richten, die die ÖGS als Fremdsprache erlernen. "Dabei sollte jeder gehörlose Mensch die Möglichkeit haben, seine Erstsprache in der Schule zu erlernen, so wie wir alle viele Jahre Deutschunterricht hatten", so Krausneker.
Gut einsetzbar sei das Material ab einem Alter von etwa zehn Jahren, "ein Alter, in dem es nützlich ist, wenn Kinder nicht nur irgendwelche Regeln erlernen, sondern anfangen, über ihre Sprache zu reflektieren". Dafür Material auszuarbeiten, sei zum Teil gar nicht so einfach gewesen, "weil manches in der ÖGS noch gar nicht linguistisch erforscht ist, man nicht in einem Grammatikbuch nachschauen kann und wir deshalb mit Erstsprachlern zusammengearbeitet haben". Auch die länderübergreifende Zusammenarbeit sei hilfreich gewesen. So gebe es etwa in Frankreich seit vielen Jahren die Möglichkeit, von der ersten Klasse Volksschule bis zur Matura die Französische Gebärdensprache zu erlernen - entsprechend viel Material sei daher dort vorhanden.
Im Rahmen des Projekts sei es nicht möglich gewesen, mehr Grammatikbereiche zu realisieren, daher hofft Krausneker auf Nachfolgeprojekte. Notwendig wäre sowohl eine Erweiterung innerhalb der bereits bearbeiteten fünf Gebärdensprachen in die Breite, als auch in andere Sprachen. Entsprechendes Interesse aus anderen Ländern sei vorhanden.
(SERVICE - https://signlanguagesforpupils.eu/oegs/ )
