von
Weisskopf selbst hat bereits in zwei Autobiografien mit für sich sprechenden Titeln auf sein Leben und Werk zurückgeblickt: "The Privilege of Being a Physicist" (1989) und "The Joy of Insight" (1991). Illetschko hat für seine Biografie mit Familienmitgliedern Weisskopfs, Weggefährten und Zeitzeugen gesprochen sowie Archive durchforstet, um das bewegte Leben des 1908 in Wien in eine jüdische Familie geborenen Physikers auf rund 150 Seiten Revue passieren zu lassen.
Er beginnt diesen Rückblick mit einer Episode aus dem Leben Weisskopfs, die dieser später einmal eine "Schnapsidee" nannte: 1942 schrieb der damals an der University of Rochester arbeitende Physiker einen Brief an Robert Oppenheimer, in dem er die Entführung des deutschen Physikers Werner Heisenberg vorschlug, um zu verhindern, dass die Deutschen als Erstes die Atombombe bauen. Und Weisskopf bietet sich gleich selbst als Kidnapper an: "Wenn man mich fragt, würde ich es machen."
Es ist nur ein Detail aus dem bewegten Leben Weisskopfs, der, bevor er in die USA ging, bei Hans Thirring, Max Born, Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger, Niels Bohr und Wolfgang Pauli - und damit bei den Allergrößten seines Fachs - studiert und gearbeitet hat. Oppenheimer rekrutierte den theoretischen Physiker 1943 für das "Manhattan Project", wo er beim Bau der ersten Atombombe stellvertretender Leiter der Theoriegruppe wurde.
Nach dem Abwurf der ersten Atombomben über Hiroshima und Nagasaki wurde Weisskopf zu einem engagierten Mahner für Frieden und wissenschaftliche Verantwortung. Er sei "für die Freiheit der Wissenschaft und eine offene Gesellschaft auf die Barrikaden gegangen", beschreibt Illetschko etwa den Einsatz des Physikers für den in der McCarthy-Ära in Ungnade gefallenen Oppenheimer. Weisskopf war auch Mitbegründer der Pugwash-Bewegung, die für ihre Bemühungen um Verringerung der Rolle von Kernwaffen in der internationalen Politik 1995 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.
In seinem Fach wurde Weisskopf diese Ehre nie zuteil, obwohl er 22 Mal dafür nominiert gewesen ist, wie es in dem Buch heißt. Seine wissenschaftliche Karriere glänzte dennoch, er wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ans Massachusetts Institute of Technology (MIT) berufen und übernahm von 1961 bis 1965 die Leitung des Europäischen Laboratoriums für Teilchenphysik CERN bei Genf. Am 22. April 2002 starb Weisskopf 93-jährig in New York und ein Leben "zwischen Genialität und Gewissen, zwischen wissenschaftlichem Ehrgeiz und moralischer Verantwortung" (Illetschko) ging zu Ende.
Service: Peter Illetschko: "Im Schatten der Atombombe: Victor Weisskopf - Ein Physikerleben zwischen Wissenschaft und Gewissen", Residenz Verlag, 159 S., 22 Euro, ISBN: 978-3701736218; Buchpräsentation: 4. Februar, 18.30 Uhr, Wien Museum, 4., Karlsplatz 8 )
