NASA Artemis II Crew: v.l.n.r, Reid Wiseman, Victor Glover, Christina Koch und Jeremy Hansen
©IMAGO / UPI PhotoArtemis und Chinas ILRS zeigen: Es geht um Forschung, Ressourcen und neue Spielregeln für die nächste Ära der Raumfahrt.
Die Rückkehr zum Mond ist kein nostalgischer Apollo-Remix, sondern ein geopolitisch und wirtschaftlich aufgeladenes Infrastrukturprojekt. Die Mondoberfläche wird wieder zum Testfeld dafür, wer Zukunftstechnologien beherrscht, wer Lieferketten im All aufbaut und wer die Spielregeln prägt. Gleichzeitig bleibt vieles offen: Wie gut lassen sich Ressourcen tatsächlich nutzen, wie teuer wird der dauerhafte Betrieb, und wie konfliktfrei ist das alles völkerrechtlich?
Ein sichtbares Symbol ist das Artemis-Programm der National Aeronautics and Space Administration (NASA). Laut NASA soll Artemis II, ein bemannter Vorbeiflug am Mond, „nicht vor dem 6. Februar 2026“ starten und etwa zehn Tage dauern. Der konkrete Starttermin hängt von Tests am Boden ab, unter anderem von einer Generalprobe mit Betankung (Wet Dress Rehearsal).
Artemis als Rückkehrprojekt: Testflug 2026, Landung bis 2028
Artemis II ist als bemannter Testflug ohne Landung geplant und soll Orion und das Space Launch System (SLS) im realen Mondflug erproben. Nach NASA-Angaben öffnet das Startfenster am 6. Februar 2026; als mögliche Starttage nennt die Behörde zunächst 6., 7., 8., 10. und 11. Februar 2026, weitere Optionen liegen im März und April 2026. Die NASA betont, dass sie den Starttermin erst nach einem sogenannten Wet Dress Rehearsal und einer anschließenden Bewertung der Flugbereitschaft festlegt.
Für die eigentliche Rückkehr auf die Oberfläche steht Artemis III: NASA nennt als Ziel bis 2028 und beschreibt einen rund 30-tägigen Flug, bei dem zwei von vier Crewmitgliedern etwa eine Woche am Südpol arbeiten sollen. Für den Abstieg soll die Human Landing System Lösung von SpaceX genutzt werden, die NASA 2021 als ersten Anbieter für eine bemannte Landung ausgewählt hat. Der Südpol ist dabei nicht nur ein symbolischer Ort, sondern die wissenschaftlich und strategisch interessanteste Region für einen dauerhafteren Betrieb.


Der gigantische Raupentransporter, der die NASA-Rakete Space Launch System mit dem Orion-Raumschiff an Bord der mobilen Startrampe transportiert.
© IMAGO / ZUMA Press WireWarum der Südpol so wichtig ist
Der Südpol gilt als Schlüsselregion, weil dort in dauerhaft schattigen Kratern Wasser in Form von Eis vermutet und kartiert wird. NASA verweist auf Messdaten unter anderem des Lunar Reconnaissance Orbiter, die potenzielle Eisvorkommen in der Region unterstützen. Wasser ist im All nicht nur Trinkwasser, sondern auch Rohstoff für Sauerstoff und Wasserstoff, also potenziell für Atemluft und Treibstoff. Genau deshalb drehen sich viele Mondmissionen heute um die Frage, wie verlässlich und nutzbar diese Ressourcen tatsächlich sind.
Was Staaten und Unternehmen mit Mondmissionen verbinden, lässt sich grob in fünf Motive bündeln:
wissenschaftliche Proben und neue Daten zur Entstehung von Mond und Erde
Technologietests für längere Aufenthalte außerhalb der Erdumlaufbahn
Nutzung lokaler Ressourcen, vor allem Wasser als Betriebsstoff
Aufbau einer regelmäßigen Transportkette durch kommerzielle Anbieter
geopolitische Präsenz und Einfluss auf Regeln der Zusammenarbeit
Entscheidend ist: Viele dieser Ziele sind bisher Versprechen und Programme, keine gesicherten Ergebnisse. Ob Eisvorkommen im industriellen Maßstab zugänglich sind, ist offen und hängt von Technik, Energieversorgung und Umweltbedingungen ab.
Die „Artemis II Mission“ Visualisierung
Vom Staatsprogramm zur Mondwirtschaft
Neu ist nicht nur das Ziel, sondern das Geschäftsmodell: Die NASA will Mondfracht zunehmend über private Dienstleister einkaufen. Ein Beispiel ist das Programm Commercial Lunar Payload Services (CLPS), mit dem NASA nach eigener Darstellung häufigere und vergleichsweise kostengünstige Transporte wissenschaftlicher Nutzlasten zur Mondoberfläche ermöglichen will, statt jede Sonde selbst zu entwickeln.
Das verändert Macht und Risiko: Der Staat setzt Standards, kauft Leistungen ein und hofft auf Wettbewerb, während Firmen Technologie entwickeln, die auch außerhalb der NASA-Kundenbeziehung vermarktbar sein soll. Für das Tempo kann das ein Vorteil sein, für die Steuerung ein Problem, weil Schlüsseltechnologien nicht mehr vollständig in einer Hand liegen. Diese Verschiebung ist Teil der Bedeutung der neuen Mondmissionen: Raumfahrt wird stärker zu Infrastrukturpolitik.


Die NASA Space Launch System-Rakete mit dem Orion-Raumschiff, befestigt an der mobilen Startrampe auf Startrampe 39B des Kennedy Space Centers.
© IMAGO / ZUMA Press WireGeopolitik und Regeln: Wer bestimmt am Mond?
Juristisch ist der Rahmen alt, aber die Konfliktlage neu. Der Weltraumvertrag von 1967 untersagt nationale Aneignung von Himmelskörpern, garantiert aber die freie Nutzung und Erforschung und verpflichtet Staaten zur Aufsicht über nichtstaatliche Akteure. Je mehr private Firmen tätig werden, desto relevanter wird genau dieser Punkt: Staaten bleiben völkerrechtlich verantwortlich.
Politisch setzen die USA zusätzlich auf die Artemis Accords, ein Prinzipienpaket für zivile Zusammenarbeit, das laut NASA bis 26. Januar 2026 von 61 Staaten unterzeichnet wurde. Die Accords betonen unter anderem Transparenz, Interoperabilität und Bezug zum Weltraumvertrag, sind aber ausdrücklich kein völkerrechtlicher Vertrag. Parallel baut China mit Russland die ILRS als eigenes internationales Angebot auf: In einem bei der UNO veröffentlichten Leitfaden ist eine Erkundungsphase 2021 bis 2025, eine Aufbauphase 2026 bis 2035 und eine Nutzungsphase nach 2036 skizziert. Das deutet auf eine langfristige Konkurrenz zweier Ordnungsmodelle: westlich geprägt durch Artemis Accords, chinesisch-russisch geprägt durch ILRS.
Kosten, Risiken, Glaubwürdigkeit
Der zweite Grund, warum die Mondmissionen politisch aufgeladen sind, ist der Preis. Die US-Rechnungskontrollbehörde Government Accountability Office (GAO) meldete 2025, dass drei Artemis-Projekte zusammen fast 7 Milliarden US-Dollar der Kostenüberschreitungen im NASA-Großprojektportfolio ausmachen. Solche Zahlen sind Treibstoff für die Debatte, ob das Artemis-Architekturmodell mit SLS und Orion langfristig durchhaltbar ist, gerade wenn parallel kommerzielle Trägersysteme schneller günstiger werden.
Hinzu kommt der Zeitfaktor: Selbst beim nächsten Schritt, Artemis II, beschreibt die NASA das Startfenster ausdrücklich als abhängig von Tests, Sicherheitsbewertungen und den komplexen Bahnmechaniken. Das ist sachlich nachvollziehbar, aber politisch heikel: Jede Verzögerung verschiebt auch die Symbolik, wer zuerst wieder dauerhaft Präsenz zeigt. Genau deshalb sind Mondmissionen heute mehr als Technik: Sie sind ein Gradmesser für industrielle Leistungsfähigkeit, internationale Bündnisse und die Fähigkeit, Regeln durch Praxis zu setzen.
