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Beim zyklusbasierten Training wird das Training an die verschiedenen Phasen des Menstruationszyklus angepasst. "In der ersten Zyklushälfte, der sogenannten Follikelphase, ist der Körper oft leistungsfähiger, regeneriert schneller und verträgt intensives Training besser. Studien deuten darauf hin, dass in dieser Phase Krafttraining und Muskelaufbau besonders effektiv sein können", erklärte Johannes Ott von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde an der MedUni Wien. "In der zweiten Zyklushälfte fühlen sich viele Frauen schneller erschöpft, weshalb dort ein etwas reduziertes oder angepasstes Training sinnvoll sein kann."
"Es macht auf jeden Fall Sinn, im Leistungssport zyklusbasiert zu trainieren", findet auch Jürgen Scharhag, Ärztlicher Leiter des Österreichischen Instituts für Sportmedizin (ÖISM) in Wien. Allerdings zeigt er auch Grenzen dieses Ansatzes auf, etwa bei Mannschaftssportarten. "Das wird kollektiv nicht funktionieren", spielt er etwa auf eine Fußball-Mannschaft mit mehr als 20 Spielerinnen im Kader an. Anders sei das natürlich bei Individualsportarten, denn hier könne das Training individuell für eine Sportlerin angepasst werden, so der Sportmediziner.
Scharhag empfiehlt daher sowohl Leistungssportlerinnen als auch Hobbysportlerinnen, die Periode zu tracken und genau in den Körper hineinzufühlen. Auch im Breitensport mache es Sinn, zyklusbasiert zu trainieren - nur würden hier Druck-Momente entfallen, wie etwa ein Olympia-Wettkampf nur alle vier Jahre an einem ungünstigen Zyklustag. "Aber auch im Hobbysport absolvieren Menschen hohe Trainingsumfänge", sagte Scharhag und befürwortet dementsprechend die Berücksichtigung gynäkologischer Aspekte bei sportmedizinischen Untersuchungen.
"Für sportlich aktive Frauen ist im Rahmen einer sportmedizinischen Tauglichkeitsuntersuchung besonders auch die gynäkologische Anamnese wichtig, da hormonelle Faktoren die sportliche Leistungsfähigkeit und der Sport die hormonabhängige Gesundheit beeinflussen können", so Scharhag. Beispielsweise könne durch einen sportbedingten Mangel an Östrogen eine frühzeitige Osteoporose auftreten.
Der Professor für Sport- und Leistungsphysiologie am Zentrum für Sportwissenschaft und Universitätssport betonte aber auch, dass sich der weibliche Zyklus nicht immer nur negativ auf die sportliche Leistungsfähigkeit auswirkt. Die Forschung habe gezeigt, dass etwa rund um den Eisprung die Risikobereitschaft erhöht sei, was für einen Wettkampf durchaus positiv sein könne. In anderen Phasen jedoch sei es besser, auch im Leistungssport einmal einen Gang hinunterzuschalten und seinen Körper zu schonen.
Mit der Verbreitung des Trends zum zyklusbasierten Training, unter anderem über soziale Netzwerke, geht auch die Entstehung von diversen Apps zu diesem Thema einher. Benutzt man eine solche App wie ein erweitertes Tagebuch, um seinen Zyklus zu verfolgen, könne das durchaus sinnvoll sein, meinte Scharhag. Er plädiert aber dafür, dennoch nicht seinen gesunden Menschenverstand zu verlieren und weiterhin auf sein Körpergefühl zu achten.
Ganz allgemein gibt es Scharhag zufolge noch viel zu wenig Forschung dazu, wie der Hormonhaushalt von Frauen den Sport beeinflusst und umgekehrt. Frauen seien in Studien unterrepräsentiert, auch in Studien zu Medikamenten, zum Beispiel wegen der Möglichkeit einer Schwangerschaft etwa. "Frauen sind aufgrund des Zyklus als Studienprobanden etwas schwieriger", bedauert der Sportkardiologe.
Apropos schwierig: Als Mikaela Shiffrin als eine der ersten Spitzensportlerinnen in einem Interview nach einem Rennen sagte, sie befinde sich in einem ungünstigen Zeitpunkt ihres Monatszyklus ("I'm in an unfortunate time of my monthly cycle"), übersetzte ein Sportkommentator diese Aussage mit: "Ich komm' nicht einmal zum Radfahren". Mittlerweile wagen immer mehr Sportlerinnen den Tabubruch und sprechen offen über ihre Beschwerden - und über die Möglichkeit, mithilfe von zyklusbasiertem Training das Beste daraus zu machen.
ILLUSTRATION - 30.03.2022, Berlin: Die Periode ist die pure Qual: Endometriose-Betroffene haben oft starke Schmerzen im Unterleib. (zu dpa: «Menstruationsurlaub? Minister setzt auf Krankmeldung») Foto: Annette Riedl/dpa/dpa-tmn +++ dpa-Bildfunk +++
