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In Österreich haben 4,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen wegen einer "dauerhaften körperlichen, geistigen oder psychischen Funktionsbeeinträchtigung" einen sogenannten "Sonderpädagogischen Förderbedarf" (SPF). Neben dem Unterricht in separaten Sonderschulen gibt es für sie diverse inklusive Angebote, von Inklusionsklassen oder separaten Klassen in Regelschulen bis zu Inklusions- bzw. Integrationsklassen innerhalb von Sonderschulen, die von Kindern mit und ohne Behinderung gemeinsam besucht werden.
Im Österreich-Schnitt gab es zuletzt eine Inklusionsquote von über 60 Prozent, wobei die Bandbreite je nach Bundesland von knapp 50 Prozent in Wien bis zu über 80 in der Steiermark reicht. Für Schülerinnen und Schüler mit bestimmten Arten von Einschränkungen liegen die Werte allerdings deutlich darunter. Das zeigt eine zuletzt im "International Journal of Inclusive Education" veröffentlichte Studie von Sabrina Temel und Barbara Gasteiger-Klicpera von der Uni Graz und Mario Steiner vom Institut für Höhere Studien (IHS).
Demnach lernt unter Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensauffälligkeiten nur rund die Hälfte in einer Klasse mit Schülern ohne Behinderung, bei SPF-Schülern mit einer anderen Diagnose sind es 70 Prozent. Das exakt gleiche Bild zeigt sich bei Schülern mit einer Autismus-Spektrum-Störung, wobei für Mädchen bzw. Schüler mit einer anderen Umgangssprache als Deutsch die Wahrscheinlichkeit, eine Inklusionsklasse zu besuchen, noch einmal geringer ist.
Die größte Kluft zeigt sich in der Studie bei verhaltensauffälligen bzw. autistischen Schülern, denen zusätzlich eine geistige Behinderung diagnostiziert wurde. Nur etwas mehr als ein Fünftel der Kinder aus diesen beiden Gruppen werden in einer Inklusionsklasse beschult, unter SPF-Schülern mit anderen Diagnosen sind es jeweils an die 70 Prozent.
Für das Autorenteam wird durch diese Zahlen der gleichberechtigte Zugang zu inklusiver Bildung ernsthaft infrage gestellt, die Kriterien seien nicht immer transparent und nachvollziehbar. Temel, Gasteiger-Klicpera und Steiner plädieren dafür, die Diagnose und Zuteilung von SPF-Schülern professioneller aufzustellen. Denn auch wenn formell die Eltern die Entscheidung treffen würden, wie ihr Kind beschult wird, hänge diese in der Praxis stark vom Angebot und der Beratung ab.
Dass SPF-Schüler mit bestimmten Arten von Behinderung eher in Sonderschulklassen unterrichtet werden, hat für sie auch weniger mit Unterschieden beim Lernen als mit künstlichen Selektionskriterien zu tun. Immerhin sei belegt, dass Schüler mit geistiger Behinderung in Inklusionsklassen gleich viel oder sogar mehr dazulernen als in Sonderschulklassen. Auch insgesamt würden behinderte Schüler vom gemeinsamen Unterricht profitieren, für die anderen Schüler habe das oft keine negativen Folgen.



