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Gefährlich nahe Klima-Kipppunkte - Forscher warnen vor "Heißzeit"

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Gletscher verlieren weiter an Masse
©Groder, APA, EXPA, JOHANN GRODER
Erreichen bestimmte Erdsysteme "Kipppunkte", dann wird sich die ohnehin schon deutlich spürbare Erhitzung höchstwahrscheinlich von selbst weiter beschleunigen. In einer neuen Übersichtsarbeit im Fachblatt "One Earth" halten namhafte Klimawissenschafter wie Hans Joachim Schellnhuber fest, dass der Mensch den Planeten vielleicht schon näher an diese Punkte geführt haben dürfte, als angenommen. Die Experten warnen vor "Heißzeit"-Szenarios mit ausgeprägtem Treibhausklima.

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Neben dem Generaldirektor des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien, Schellnhuber, ist an der Arbeit etwa auch der Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) in Deutschland, Johan Rockström, beteiligt. Die Krux an den viel diskutierten klimatischen Kipppunkten ist, dass nach dem Überschreiten selbiger stufenweise Rückkoppelungsprozesse abzulaufen drohen, deren Auswirkungen auch mit großen Anstrengungen zur Treibhausgasreduktion kaum noch beizukommen wären.

Dazu zählen etwa das Abschmelzen der großen Eisschilde über Grönland und der Antarktis, das viele Meter an Meeresspiegelanstieg bringen würde. Ebenso immer wieder genannt wird das Auftauen von großen Flächen Permafrostböden, was dort gespeicherte Treibhausgase austreten lassen würde. Auch das weitere massive Schrumpfen der Regenwälder würde das Weltklima sehr stark destabilisieren. Und nicht zuletzt würde das Abreißen der atlantischen Umwälzströmung (Atlantic Meridional Overturning Circulation, AMOC) und damit des Golfstromes, der etwa für das relativ milde Klima in Europa sorgt, sehr rasch starke negative Effekte auf Land, Leute und Umwelt haben.

Auf die Wichtigkeit der klimatischen Stabilität weisen die Experten um die Studien-Erstautoren William Ripple und Christopher Wolf nun einmal mehr hin. Nach einem Auf und Ab an Kalt- und Warmzeiten hat sich das Klima in einem günstigen Bereich vor über 11.000 Jahren mehr oder weniger stabilisiert. Dies war die Basis dafür, dass der Mensch sich der Landwirtschaft zuwenden und komplexe Gesellschaften entwickeln konnte, heißt es in einer Aussendung des IIASA. Seit man aber ab der industriellen Revolution Unmengen an fossilen Brennstoffen verheizt, beraubt man sich sehenden Auges dieser günstigen Umstände.

Mittlerweile leben wir seit zwölf aufeinanderfolgenden Monaten in einem Temperaturregime, das im Mittelwert 1,5 Grad Celsius über dem Vorindustrie-Niveau liegt - eine Entwicklung, die man mit dem Pariser Klimaabkommen von 2015 eigentlich aufhalten wollte. "Die Überschreitung von Temperaturgrenzen wird üblicherweise anhand von 20-Jahres-Durchschnitten bewertet", so Wolf, der Teil der Terrestrial Ecosystems Research Associates (TERA) in Corvallis (US-Bundesstaat Oregon) ist. Doch der jüngste Überschreitungszeitraum könne darauf hindeuten, dass auch der langfristige durchschnittliche Temperaturanstieg bereits bei oder nahe 1,5 Grad liege.

Die Auswirkungen, etwa in Form von zunehmenden Wetterextremen, wie Hitzewellen, Dürren, Starkregen, aber auch Kältewellen und Waldbränden, nehmen dementsprechend im Schnitt zu, halten die Forschenden fest. Der Schlüssel dazu sind die auch zuletzt massiv steigenden Treibhausgas-Konzentrationen in der Luft. Ein weiterer Teil des jüngsten Temperaturanstiegs sei auf den Rückgang der Aerosole zurückzuführen, schreibt das Team. Zu den Schwebeteilchen zählt etwa Ruß. Der Rückgang der Aerosole habe möglicherweise Einfluss auf die Wolken, die dann weniger Sonnenlicht ins All abstrahlten.

"Es ist wahrscheinlich, dass die globalen Temperaturen momentan so warm oder sogar wärmer sind, als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in den vergangenen 125.000 Jahren", wird Wolf zitiert. Es scheine, dass der Klimawandel rascher voranschreitet, als es viele Wissenschafterinnen und Wissenschafter vorausgesehen haben. Die aktuellen Entwicklungen sollten dementsprechend als echtes Warnsignal wahrgenommen werden, betonen die Experten.

Man beobachte "eine beschleunigte Erwärmung, was wiederum auf den Verlust der Widerstandsfähigkeit des Planeten hindeutet", so Rockström. Die natürliche Kapazität der Erde, die Entwicklung abzufedern, nehme ab: "Rückkopplungseffekte bringen das System in Richtung Instabilität." Zunehmende Hinweise deuteten darauf hin, dass viele Kippelemente nach dem Überschreiten bestimmter Schwellen eine sich selbst verstärkende Erwärmung auslösen könnten, die die Erde in Richtung "Hothouse" treibe, erklärte Rockström. "Unsere Arbeit zeigt, dass wir noch nicht dort sind - aber sehr nahe."

Für Schellnhuber zeigt die Publikation, dass der Klimawandel von einem zeitlich weiter entfernten Umweltproblem zu einer "tiefgreifenden systemischen Gefahr" geworden ist. Es brauche dementsprechend rasche und vor allem koordinierte Anstrengungen, um den Risiken sinnvoll und entschieden entgegenzutreten, so der IIASA-Direktor. Es brauche - neben der Reduktion der Emissionen - u.a. auch ein tiefer gehendes "Kipppunkt-Monitoring", um ein unumkehrbares Abrutschen in ein extremes Treibhausklima zu verhindern, heißt es in der Arbeit. Auch wenn das genaue Risiko für die Kipppunkte ungewiss sei, sei klar, dass die derzeitigen politischen Klimaschutzzusagen - die uns auf einen Pfad von etwa 2,8 Grad maximaler Erwärmung bis zum Jahr 2100 bringen - unzureichend seien und deutlich mehr Klimaschutz erforderlich machten.

(S E R V I C E - https://doi.org/10.1016/j.oneear.2025.101565 )

Projekt Zukunftsbild: Der Hallstätter Gletscher und die Bergstation der Dachstein-Südwandbahn fotografiert am 29. Juni 2024. Auch kalte Winter und ein und nasses Frühjahr können nicht mehr verhindern, dass die Gletscher in Österreich weiter an Masse und Länge verlieren. (Luftbild).

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