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Fremde Zellen in uns - Mikrochimären aufspüren

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Eine mythologische Chimäre auf der Notre-Dame in Paris
©APA/APA/AFP/POOL/LUDOVIC MARIN
Auf Zellebene gesehen sind viele Menschen in gewissem Maße Mischwesen (Chimären) - Mütter können vereinzelte Zellen ihrer Kinder in sich tragen und umgekehrt. Diese konnten sich beispielsweise während der Schwangerschaft in den jeweils anderen Körper einnisten - und dort sogar ein Leben lang bleiben. An der Uni Graz versuchen Zellbiologen, das Phänomen des sogenannten Mikrochimärismus besser zu verstehen und seine Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit zu klären.

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Eine Chimäre war in der griechischen Mythologie ein feuerspeiendes Mischwesen, das aus verschiedenen Tieren bestand. In der Biologie geht es aber nicht um feuerspeiende Monster, sondern um winzige Zellen in unserem Körper, die nicht von uns selbst stammen. Durch medizinische Verfahren können Menschen vorübergehend zu Chimären werden - zum Beispiel durch Organtransplantationen. Auch Bluttransfusionen können einen Menschen temporär zur Chimäre werden lassen. Da die Blutbestandteile wieder abgebaut werden, ist dieser Zustand aber nicht von Dauer, erklärte Thomas Kroneis vom Lehrstuhl für Zellbiologie, Histologie und Embryologie der Med Uni Graz im Gespräch mit der APA.

Während der Schwangerschaft kann es allerdings auch dazu kommen, dass Mutter und das sich in ihr entwickelnde Kind über die Plazenta oder das Fruchtwasser Zellen austauschen. Die Zellen des Embryos können in die Mutter einwandern - und umgekehrt - und dort auch verbleiben. Aber was genau tun diese Zellen im menschlichen Körper? Die Folgen dieses - seltenen - Prozesses sind noch weitgehend ungeklärt.

Das von Kroneis in Graz geleitete Team ist den "fremden Mitbewohnern" in uns auf der Spur und versucht herauszufinden, welche Auswirkungen diese Zellen auf unsere Gesundheit haben. "Vermutlich tragen wir alle Zellen von unserer Mutter in uns", sagte Kroneis. Er analysiert seltene Zellen auf Einzelzellebene und ist Spezialist für Techniken, die notwendig sind, um einzelne mütterliche und fötale Zellen zu beproben, eindeutig zu unterscheiden und zu charakterisieren.

Die Ergebnisse bisheriger Forschung lassen vermuten, dass die fremden Zellen im Körper sowohl positive als auch negative Seiten haben können. Auf der positiven Seite könnten sie helfen, das Gewebe der Mutter zu regenerieren oder den Fötus während der Schwangerschaft besser zu schützen. Allerdings kann es auch sein, dass die Zellen für spontane Fehlgeburten verantwortlich sind oder im späteren Lebensverlauf bei der Entstehung von Autoimmunerkrankungen oder Krebs eine Rolle spielen. Die Frage, ob Mikrochimärismus eher ein Segen oder ein Fluch ist, will die Forschung, die gerade erst am Anfang steht, in den kommenden Jahren beantworten. Grundsätzlich bekannt ist, dass sich mikrochimäre Zellen in nahezu alle Zelltypen differenzieren können, auch zu Nervenzellen oder Zellen des Immunsystems.

Die Medizinische Universität Graz setze auf dem Gebiet der Mikrochimären-Forschung seit Jahren internationale Maßstäbe, wie vonseiten der Med Uni betont wurde. 2021 wurde unter der Leitung von Kroneis eine internationale Gruppe von Forschenden zusammengestellt, die sich der Erforschung dieses spannenden Phänomens widmet. Das Team mit unter anderem Kooperationspartnern am Universitätsklinikum Bonn, dem Leiden University Medical Center und dem Blue Marble Space Institute of Science und der University of California will das fundamentale Verständnis von Mikrochimärismus vorantreiben.

Man will verstehen, wie die Zellen mit ihrem Zielgewebe interagieren, damit etwa in der Schwangerschaft eine Toleranz für die fremden Zellen aufgebaut wird und auch noch nach der Geburt erhalten bleibt. Weiters interessiert sie etwa auch die Frage, ob es während bestimmter Erkrankungen zum Zusammenbruch dieser Immuntoleranz kommt und welche Ursachen dann dahinter stecken. Die John Templeton Foundation hat der Med Uni Graz für das Projekt "We all are Multitudes: The Microchimerism, Human Health and Evolution Project" mehr als 2,2 Mio. US-Dollar zuerkannt, es läuft noch bis Ende August 2026. Am 27. und 28. Mai trifft sich das Konsortium und die wissenschaftliche Gemeinschaft zu einer internationalen Konferenz in Graz.

Mit dabei sein werden auch die Genetikerin und Neonatologin, Diana W. Bianchi vom National Institute of Child Health and Human Development (NICHD). Sie wurde für ihre bahnbrechenden Forschungen auf dem Gebiet des fetalen Mikrochimärismus und der nicht-invasiven pränatalen Diagnostik (NIPT) ebenso vielfach ausgezeichnet wie J. Lee Nelson. Auch diese Pionierin auf dem Gebiet des Mikrochimärismus wird in Graz sprechen, wie Kroneis ankündigte. Im Vorfeld der Konferenz findet am 26. Mai ein öffentliches Symposium über Mikrochimärismus statt.

Service: https://www.microchimerism.info/front-page/international-conference-on-microchimerism-2026/program/

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