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Forscherin: Lieder weiblicher Singvögel stießen lange auf taube Ohren

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Playback-Experimente mit weiblichen Galápagos-Goldwaldsänger
©Çaglar Akçay, APA
Gesänge von weiblichen Singvögeln wurden historisch oft als Zufallsprodukt betrachtet und von der Wissenschaft wenig beachtet. Ein Forschungsteam mit österreichischer Beteiligung hat angesichts dieses Missverhältnisses nun die weiblichen Galápagos-Goldwaldsänger untersucht. Dass diese mit geringerer Häufigkeit und aus anderen Gründen singen als ihre männlichen Artgenossen, berichten die Forschenden im Fachjournal "Animal Behaviour". Trotzdem bleiben viele Fragen offen.

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In der Vergangenheit sei die Ansicht verbreitet gewesen, dass die evolutionäre Selektion stark davon abhängt, dass Männchen Weibchen mit ihren Gesängen die eigene Qualität signalisieren. "Die Begründung dafür basierte auf der klassischen Argumentation, dass Spermien klein und günstig, Eizellen groß und teuer sind", erklärte die Leiterin der Konrad Lorenz Forschungsstelle (KLF) in Grünau, Sonia Kleindorfer, die an der aktuellen Studie beteiligt war, gegenüber der APA.

Ein Männchen könne also viele Weibchen befruchten, während ein Weibchen, sobald es befruchtet ist, viel Energie in die Produktion von Eiern, deren Brutpflege und oft auch in die Aufzucht der Jungvögel bis zum Flüggewerden investiert. Dementsprechend müssten diese hauptsächlich einen guten Partner wählen, keine Lieder singen.

Wenn doch ein weiblicher Vogel das Singen gelernt hat, sei das oft als zufälliges Nebenprodukt der Unterweisung der männlichen Nachkommen durch den Vater betrachtet worden, erklärte Kleindorfer weiter. Bestenfalls sollten sich Weibchen aber sehr zurückhaltend und unauffällig verhalten, denn man nahm an, dass ihre Lieder eher Jäger anlocken - und so einen evolutionären Nachteil darstellen.

Demgegenüber habe im Vorjahr eine große Vergleichsstudie gezeigt, dass bei 59 Prozent der untersuchten 1.300 Singvogel-Spezies die Weibchen singen. "Aber weit weniger als 59 Prozent der Forschung konzentriert sich auf ihren Gesang. In dem Forschungsbereich bestehen nach wie vor starke Biases, die zum Teil darauf zurückzuführen sind, dass es historisch gesehen an einem theoretischen Rahmen fehlte, der weiblichen Gesang erklärt", sagte Kleindorfer. Dabei singen sie aus den unterschiedlichsten Gründen, etwa zu ihren Embryos oder um ihre Töchter zu unterrichten.

Ein weiterer Grund für das Vorurteil: Bei den Vogelarten auf der Nordhalbkugel, auf die sich die Forschung historisch konzentrierte, singen eher die Männchen. Zum Gesang der Weibchen gebe es dementsprechend noch viele offene Fragen, etwa bezüglich seiner Entwicklung im Rahmen eines Vogellebens, seiner Funktion, der Wahrnehmung von anderen Vögeln und der Evolutionsgeschichte.

Auch deswegen untersuchte das Team von Universität Wien und der britischen Anglia Ruskin University auf der Insel Floreana im Galápagos-Archipel den zuvor undokumentierten Gesang der weiblichen Galápagos-Goldwaldsänger. Dabei wurden sogenannte Playback-Experimente durchgeführt. Die Forschenden haben kleine Bluetooth-Boxen in die Äste gehängt und den auf der Insel ansässigen Vögeln Gesänge von "fremden" Männchen, Weibchen und Duettpaaren vorgespielt. Sie zeichneten die Reaktionen auf und analysierten diese insbesondere im Hinblick auf aggressives Verhalten.

Das Ergebnis: Weibchen singen aus anderen Gründen als Männchen. Während der Gesang bei jenen hauptsächlich in engem Zusammenhang mit Aggression - meist im innergeschlechtlichen Wettbewerb oder für die Revierverteidigung - stand, gab es diese Verbindung bei Weibchen nicht. Zudem seien die Lieder der Männchen mit 60 bis 70 Gesängen pro Stunde häufiger und einheitlicher, während die der Weibchen zwischen fünf und 20-mal pro Stunde schwankten und oft Duette mit ihren Partnern waren.

"Diese Varianz ist für mich der interessanteste Punkt. Denn sie wirft spannende Fragen darüber auf, welche Selektionsmechanismen das Singen bei Weibchen begünstigen könnten", sagte Kleindorfer. Neben der Kommunikation im Paar könnte der Gesang demnach zur elterlichen Pflege sowie Revier- und Nestverteidigung beitragen. "Es ist auch möglich, dass Paare mit ihren Duetten an Außenstehende die Stärke ihrer Beziehung signalisieren", so Kleindorfer weiter. Je synchronisierter das Duett, desto koordinierter das Paar - was wiederum Eindringlinge abschrecken könnte.

(S E R V I C E - Link zur Studie: https://go.apa.at/oHkNTD9K )

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/Çaglar Akçay

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