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Die Entwicklung stammt vom britischen Arzneimittelkonzern GSK, der den Wirkstoff Bepirovirsen (Bepi) 2019 von einem kleineren Pharmaunternehmen übernommen hat. Tony Wood, Forschungschef von GSK wurde in einer Presseaussendung aus Anlass positiver Ergebnisse in zwei groß angelegten klinischen Untersuchungen, die zur Marktfreigabe des Medikaments führen sollen, so zitiert: "Falls Bepirovirsen zugelassen wird, hat es das Potenzial, die Behandlungsziele für Menschen mit chronischer Hepatitis B zu verändern, indem es signifikante funktionelle Heilungsraten erzielt - ein Novum für diese Krankheit."
Weltweit leben schätzungsweise rund 300 Millionen Menschen mit einer chronischen Hepatitis-B-Virusinfektion (HBV), die letztendlich zu Leberzirrhose, Leberkrebs und anderen Erkrankungen führen kann, an denen jährlich über eine Million Menschen sterben. "Die vollständige Entfernung des Virus aus dem Körper stellt eine enorme Herausforderung dar, da HBV, ähnlich wie HIV, seine DNA in unser Genom integriert. Es besitzt außerdem eine ungewöhnliche genetische Form, die sogenannte cccDNA, welche Miniaturchromosomen im Zellkern bildet, die von den derzeit verfügbaren Medikamenten nicht direkt angegriffen werden können", schrieb jetzt das US-Wissenschaftsmagazin "Science" zu den neuen Erkenntnissen.
Deshalb würden Wissenschafter auf das Erreichen einer "funktionellen Heilung" setzen: Medikamente, welche das Virus soweit zurückdrängen, dass es dann vom Immunsystem des Infizierten langfristig beherrscht werden kann. Vorhandene Medikamente, ähnlich wie bestimmte Klassen von HIV-Hemmstoffen, welche die Replikation des Virus blockieren, führen bisher nur bei maximal einem Prozent der Behandelten zu einer funktionellen Heilung.
Als "funktionelle Heilung" wurde eine Nicht-Nachweisbarkeit des Virus-Oberflächen-Antigens im Blut (HbsAg) und nicht mehr nachweisbare Erbsubstanz des Hepatitis B-Virus (HBV-DNA) über einen Zeitraum von mindestens einem halben Jahr definiert. Bepirovirsen gehört als Wirkstoff zu den Antisense-Oligonukleotiden. Es wird einmal wöchentlich injiziert. Die Wirksubstanz besteht aus einer komplementären RNA-Sequenz, welche an der für die Virusproduktion in infizierten Zellen notwendige Boten-RNA bindet und so die Herstellung neuer Virusproteine blockiert. Außerdem soll der Wirkstoff auch die Immunantwort von Behandelten verstärken.
Gute Ergebnisse dazu wurden im Jahr 2022 im Rahmen einer Studie mit 457 Probanden mit chronischer Hepatitis B, von denen die Hälfte das potenzielle neue Medikament bekommen hatte, im "New England Journal of Medicine" publiziert. "In dieser Phase-2b-Studie führte Bepirovirsen in einer Dosierung von 300 Milligramm pro Woche über 24 Wochen hinweg bei neun bis zehn Prozent der Teilnehmer mit chronischer HBV-Infektion zu einem anhaltenden Rückgang von HBsAg und HBV-DNA", schrieben die Wissenschafter damals.
In den nunmehr zwei groß angelegten Wirksamkeitsstudien (B Well-1 und B Well-2) mit Placebo-Gruppen als Kontrolle und rund 1.800 Probanden in 29 Ländern erhielten die Gruppen der Behandelten den neuen Wirkstoff entweder 24 oder 48 Wochen lang. Die Probanden der Kontrollgruppen bekamen ihre Standard-Therapien gegen Hepatitis B.
Obwohl die Pressemitteilung von GSK keine Daten enthielt, hieß es darin, die Studien hätten "eine statistisch signifikante und klinisch relevante funktionelle Heilungsrate gezeigt", die "weltweiten Zulassungsanträge" (bei den Arzneimittelbehörden; Anm.) seien noch vor April dieses Jahres geplant, schrieb "Science".
"Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, dass eine wirksame Heilung realistisch ist", wurde dazu der australische Epidemiologe Nick Walsh, Spezialist für Hepatitis-Erkrankungen, der nicht an den Studien beteiligt war, zitiert. Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, wäre das Medikament "ein definitiver Schritt nach vorn auf dem Weg zu einem bisher schwer erreichbaren Ziel".
Die beste Strategie gegen Hepatitis B, die vor allem über Blut und Sexualkontakte übertragen wird, ist natürlich die seit langem vorhandene und hoch wirksame Impfung. In Österreich werden beispielsweise alle Kinder im Rahmen des kostenlosen Kinderimpfprogramms auch gegen die Hepatitis B immunisiert. In den USA wurde die Vakzine von der impfkritischen Administration von Präsident Donald Trump gerade aus den generell empfohlenen Impfungen für Kinder entfernt.
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Fohringer/HELMUT FOHRINGER





