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Die großen Besiedlungsstränge in Richtung Europa in den vergangenen Jahrtausenden lassen sich vor allem durch die Fortschritte bei der Analyse von DNA aus alten menschlichen Überresten heute gut nachzeichnen: So erschlossen sich die frühen europäischen Bauern große Teile des Kontinents von Westanatolien aus vor rund 8.500 bis 6.000 Jahren. Mit der Ausbreitung der neuen, agrarischen Lebensweise vollzog sich auch ein genetischer Wandel. Rund 70 bis 100 Prozent des Erbgutes der Jäger-Sammler-Gesellschaft verschwand damals in vielen Regionen.
Ein weiterer großer Einfluss war der Zuzug von Menschen aus Steppengebieten Zentralasiens, die vor rund 5.000 bis 4.500 Jahren - also in der Bronzezeit - höchstwahrscheinlich die indoeuropäischen Sprachen mitbrachten. Spuren dieser großen Migrationsbewegungen nach Europa finden sich heute in der DNA der allermeisten Bewohner Europas. Die Ausbreitung der von Wissenschaftern "Jamnaja" genannten Gruppen hängt auch mit der Schnurkeramik- und Glockenbecher-Kultur zusammen.
Anhand von Erbgutanalysen von Überresten von 112 Menschen, die in der Rhein-Maas-Region und Umgebung vor ungefähr 10.500 bis vor rund 3.700 Jahren lebten, zeichnet das Team um u.a. David Reich von der Harvard University (USA), dem auch Ron Pinhasi von der Universität Wien angehörte, die Prähistorie dieser wasserreichen und fruchtbaren Gegend nach, die aber auch sehr gute Bedingungen für die Jagd oder Fischfang bot. So gibt es Hinweise, dass sich hier der Umstieg auf die landwirtschaftliche Lebensweise nicht so rasch und vollständig vollzog, wie im Großteil Europas.
Das spiegelt sich nun auch in der genetischen Analyse wider: Tatsächlich identifizierten die Forscherinnen und Forscher einige Individuen, die zum allergrößten Teil oder komplett Jäger-Sammler-Erbgut westeuropäischer Prägung in sich trugen. Das ist insofern überraschend, da sich in anderen Regionen Europas dieser genetische Anteil sehr schnell auf unter 30 Prozent reduziert hat. In der untersuchten Rhein-Maas-Region gab es immer wieder Austausch zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen, der Jäger-Sammler-Anteil blieb aber tausende Jahre länger prominent vertreten als anderswo, schreiben die Forschenden in ihrer Arbeit.
Das neue Erbgut scheint eher von Frauen in die angestammten Gruppen eingebracht worden sein, die neuen keramischen Innovationen nutzten laut der Analyse auch Leute mit großem Jäger-Sammler-DNA-Anteil. So scheint es in der Gegend einst zwei mehr oder weniger getrennte Gesellschaften gegeben zu haben, die zwar ein wenig ideellen und genetischen Austausch untereinander pflegten, sich aber lange nicht stärker vermischten.
Das änderte sich erst mit dem Durchschlagen der Glockenbecher-Kultur vor rund 4.400 bis 3.900 Jahren. Infolge dessen nahm dann auch der Anteil älterer DNA rapide ab und die ursprüngliche Bevölkerung wurde quasi ersetzt. Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich in etwa um diese Zeit in Großbritannien nach der Ankunft der Glockenbecher-Kultur, so die Studienautorinnen und -autoren. Aber auch dort zeige sich trotz der kulturellen Veränderung eine gewisse Kontinuität: So wurde offenbar zumindest eine Zeit lang an spätsteinzeitlichen Monumenten, wie Stonehenge, Avebury oder Woodhenge weitergebaut bzw. wurden diese noch weiter genutzt.
(S E R V I C E - https://doi.org/10.1038/s41586-026-10111-8 )
07.09.2020, Schleswig-Holstein, Kiel: Flüssigkeit wird mit einer Pipette beim Landeskriminalamt in Kiel in ein Behältnis gefüllt. (zu dpa "Vom Rüttelapparat zum Pipettierroboter: LKA im technischen Wandel") Foto: Frank Molter/dpa +++ dpa-Bildfunk +++.
