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Zielgerichtete Medikamente, welche Krebszellen an einer für sie typischen "Achillesferse" attackieren, haben in den vergangenen Jahren den Fortschritt in der Onkologie wesentlich geprägt. Ein Beispiel dafür sind sogenannte HER2-positive bösartige Tumore. Etwa 15 Prozent der Mammakarzinome weisen dieses Charakteristikum auf. An der Oberfläche der Zellen finden sich vermehrt Rezeptoren für einen Wachstumsfaktor. Das treibt die Entwicklung des Karzinoms an.
Etwa seit der Jahrtausendwende hat zunächst der gegen HER2 gerichtete Antikörper Trastuzumab große Fortschritte gebracht. Dann folgte Trastuzumab, an das man Chemotherapie-Substanzen "anhängte" (Antikörper-Wirkstoff-Konjugate). Die Antikörper steuern gezielt die Krebszellen mit dem Marker an und liefern das mit ihnen kombinierte Therapeutikum in den Krebszellen ab. Das Onkologie-Medikament Trastuzumab deruxtecan (T-DXd) ist derzeit das Paradebeispiel für diese Strategie bei HER2-positiven Tumoren.
Doch die zielgerichtete (targeted) Krebstherapie hat auch noch einen anderen Aspekt. Mit ihr können Karzinome mit spezifischen Mutationen angegriffen werden, und zwar egal, in welchem Organ sie entstanden sind. HER2-positive Tumoren sind eben häufig beim Mammakarzinom, doch man findet sie auch bei rund drei Prozent der nicht-kleinzelligen Lungenkarzinome. Anti-HER2-gerichtete Therapien können vom Prinzip her also organübergreifend bei Karzinomen eingesetzt werden, welche diese Mutation aufweisen.
Genau das ist mit T-DXd - mit dem Antikörper Trastuzumab und jeweils acht Wirkstoffmolekülen Deruxtecan - auch beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom mit HER2-Charakteristikum gelungen. "Trastuzumab Deruxtecan (T-DXd) zeigte in klinischen Studien eine starke Wirksamkeit, jedoch sind Daten aus der täglichen Praxis begrenzt", schrieben jetzt Oliver Illini (Klinik Floridsdorf und Karl Landsteiner Institut für Lungenforschung und Pulmonale Onkologie) und seine Co-Autoren im Journal of Thoracic Oncology (https://doi.org/10.1016/j.jtho.2026.103651), das die Studie jetzt online im Voraus veröffentlicht hat.
Klinische Studien müssen wegen ihrer speziellen Planung und Organisation nicht unbedingt die absolut gleichen Resultate wie die spätere tägliche Praxisanwendung von neuen Therapien zeigen. Die beteiligten Wissenschafter von 68 Behandlungszentren in Europa und Israel haben daher die Daten von Patienten mit HER2-mutierten nicht-kleinzelligen Lungenkarzinomen analysiert, die zwischen August 2021 und Jänner 2025 mit dem Antikörper-Wirkstoff-Konjugat behandelt worden waren. Im Mittel waren die Kranken 62 Jahre alt. 59 Prozent waren Frauen. 56 Prozent hatten nie in ihrem Leben geraucht. Lungenkarzinome mit solchen Genmutationen betreffen vergleichsweise oft Nichtraucher.
Die Beobachtungen zeigen Behandlungsergebnisse, wie man sie sich vor einigen Jahren noch kaum vorstellten konnte. Trotz fortgeschrittener Erkrankung sprachen fast 55 Prozent der Patienten auf die Behandlung an. Bei knapp 89 Prozent kam es zu einer zumindest zeitweisen Kontrolle der Erkrankung. Im Mittel überlebten die Betroffenen 7,2 Monate ohne Fortschreiten der Erkrankung. Die mittlere Überlebensdauer betrug rund 18 Monate. Das ist für solche Erkrankungen eine recht lange Zeit. Waren Betroffene zuvor noch nicht anders behandelt worden, gab es ein Ansprechen auf die Therapie bei rund 72 Prozent, die mittlere Überlebensdauer betrug etwa 22 Monate. Gefürchtet sind bei diesen fortgeschrittenen Lungenkarzinom-Erkrankungen auch auftretende Gehirnmetastasen. Hier zeigte sich eine Ansprechrate von rund 74 Prozent, bei knapp 26 Prozent verschwanden die Metastasen überhaupt.
"In dieser bisher größten publizierten Real-World-Patientengruppe zeigte T-DXd eine robuste systemische und intrakranielle (das Gehirn betreffende; Anm.) Wirksamkeit bei HER2-mutiertem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (...)", so die Wissenschafter, unter ihnen der Onko-Pneumologe Maximilian Hochmair (Klinik Floridsdorf). Das betreffe auch Patienten ohne andere Vorbehandlung und Betroffene mit Hirnmetastasen, die man aus ersten klinischen Studien weitgehend ausgeschlossen hätte. Als Nebenwirkung am gefährlichsten sei offenbar eine sogenannte interstitielle Lungenerkrankung, was Entzündungen und Vernarbung von Lungengewebe in lebensbedrohlichem Ausmaß auslösen kann.
ARCHIV - Ein Mann raucht eine Zigarette und hält eine Zigarettenschachtel in der Hand, aufgenommen am 06.05.2011 in Berlin. Rauchen soll unattraktiver werden nach dem Willen der EU-Kommission. Dazu will EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg am 19.12.2012 neue Regeln für Zigaretten und ihre Verpackungen vorlegen. Foto: Robert Schlesinger/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
