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Herausgekommen ist eine in jeder Hinsicht bunte Geschichtsstunde in Sachen ESC, der sich seit seiner ersten Ausgabe 1956 zum internationalen Unterhaltungsevent gemausert hat, das historische Umbrüche und gesellschaftliche Entwicklungen spiegelt - aber selbstredend immer streng unpolitisch. Und nicht zuletzt beleuchten die beiden Kuratoreneleven auch die Bedeutung, die der größte Musikbewerb der Welt in der queeren Community gespielt hat und weiterhin spielt.
Geteilt ist die Ausstellung dabei in drei Kapitel, um den verschiedenen Zielgruppen gerecht zu werden. Unter dem Übertitel "Wohnzimmer" widmet man sich der Erfahrung, die alljährlich rund 170 Millionen Menschen mit dem Song Contest machen - jene vor dem heimischen Fernseher. Als steter Begleiter aus österreichischer Sicht fungiert hier seit langem Andi Knoll, der mit seiner Trinkflasche aus der Kommentatorenkabine oder einem Pullover im Stile der isländischen Kulttruppe Daði Freyr präsent ist. Auch mit Autogrammkarten von Stars oder der einstigen ESC-Sonderbriefmarke mit Udo Jürgens zum Ablecken kann man in häuslicher Reflexion schwelgen.
Im Falle der Sektion "Arena" legt man den Fokus hingegen auf das Livepublikum respektive die Entwicklungen, die hier beim Bewerb über die Jahrzehnte erfolgten. Beginnend beim Kalten Krieg über die räumliche Erweiterung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bis hin zum Forum der queeren Community zieht sich hier der thematische Bogen. Neben Warnungen der EBU vor auffälliger Zurschaustellung der Homosexualität beim ESC in Belgrad 2008 steht die Statuette der Heiligen Kümmernis mit Bart aus dem Museum Horn oder eine in Wien zum ESC 2015 eingeführte Ampel mit gleichgeschlechtlichen Paaren. Auch das originale, alljährlich von Österreichs Punktepräsentator Philipp Hansa getragene T-Shirt mit dem Aufdruck "Equality" findet sich ungewaschen in dieser Reihe. "Der queere Aspekt kann ohne die Historie nicht erklärt werden", erklärt Kurator Vlassakakis den Ansatz, die allgemeine Contestgeschichte mit seiner Bedeutung für die LGBTIQA+-Gemeinschaft zu verquicken.
Am glamourösesten geht es indes im dritten Kapitel "Stage" zu, wo Preziosen wie die in einem kleinen Dorfmuseum ausfindig gemachte Siegermedaille des Franzosen Jean-Claude Pascal warten. Dieser holte 1961 mit der unschwer als Anspielung auf eine homosexuelle Liebe zu lesenden Nummer "Nous les amoureux" den Sieg für Luxemburg. Und hier ist auch der Ort von Glitter und Flitter, wenn sich die Hose von Cesár Sampson neben einem Outfit von Conchita oder dem Bolero des Schweizer Siegeracts Nemo aus 2024 findet. Den unsterblichen Höhepunkt aus österreichischer Modeperspektive stellt aber fraglos der legendäre Fliederanzug von Thomas Forstner dar, den dieser 1989 bei seinem Antritt mit "Nur ein Lied" trug. Ein Bild, das niemand vergisst, der es je sah.
"Der ESC war und ist eine Projektionsfläche", macht Kurator Schreuder deutlich, weshalb das Musikevent bis heute stets aufgeladen wird mit verschiedensten Erwartungen. Er spiegle die Entwicklungen wider, kreiere sie aber nicht: "Der ESC macht, eben weil er immer unpolitisch sein will, die Bühne auf für alles Mögliche."
Noch umfangreicher als in der Qwien-Schau zeichnet man diese Aspekte im dazu erscheinenden Begleitband nach. Hier schreiben Experten wie der Wissenschafter Irving Benoit Wolther, Florian Wagner vom hdgö oder der Popjournalist Max Bauer über diverse Perspektiven auf den ESC im Widerstreit von Nationalismus und Internationalität, Familienevent und queerem Schaulaufen. Hinzu kommt eine Timeline und ein ESC-ABC, um sich auf das Wiener Event auch fundiert vorbereiten zu können.
Und nicht zuletzt spart man die jüngste Debatte um einen möglichen Ausschluss Israels nicht aus, wenn Schreuder in einem eigenen Kapitel die Geschichte des Landes beim ESC nachzeichnet. Die zuletzt teils mit harten Bandagen geführte Diskussion spürten auch die Kuratoren der Ausstellung, zogen manche Kunstschaffende doch bereits zugesagte Exponate wegen der Teilnahme Israels am Wiener ESC wieder zurück. Im Begleitprogramm zur Schau soll es deshalb unter anderem auch Diskussionen zum Antisemitismus geben. Vor allem weitet man in der eigentlichen ESC-Zeit dann aber die Öffnungszeiten aus, um für einen Ansturm der ESC-Fans aus aller Welt gerüstet zu sein.
(S E R V I C E - "United by Queerness" von 19. Februar bis 24. Mai. Geöffnet Donnerstag von 13 bis 20 Uhr, Freitag bis Sonntag von 13 bis 18 Uhr. www.qwien.at/esc/ )
Ein Blick in die Ausstellung "United by Queerness - Die Song Contest Ausstellung" die ab 19. Februar im QWien in Wien zu sehen sein wird.
